Kultur : Melancholie und Erdbeben

Steffen Richter

über erschütternde Lektüren So beginnen literarische Karrieren: Da bekommt ein neunjähriger Junge einige Bücher von Poe und Twain geschenkt, die Initialzündung. Mit elf veröffentlicht er seine erste Literaturkritik, mit siebzehn resümiert er seine Schopenhauer-Lektüre: gut geschrieben, aber als Philosophie eher schwach. Das Wunderkind heißt Marcel Schwob . Der 1867 geborene Franzose war zu Lebzeiten allgegenwärtig, Paul Valéry und André Gide zählten zu seinen Freunden. Nach seinem frühen Tod 1905 wurde er zum Geheimtipp. Gernot Krämer hat Schwob, pünktlich zum 100. Todestag, eine opulente Monographie gewidmet (Aisthesis) und mit „Das gespaltene Herz“ (Elfenbein Verlag) das Debüt des Fin-de-Siècle-Autors übersetzt. In diesen Geschichts-, Märchen-, Abenteuererzählungen entwirft Schwob sein ästhetisch-moralisches Credo, demzufolge sich das Leben beständig zwischen den Extremen „Schrecken“ und „Mitleid“ bewegt. Am 22.6. (20 Uhr 30) macht Gernot Krämer in Britta Gansebohms Z-Salon (Bergstr. 2, Mitte) mit dem literarischen Solitär bekannt.

Dass man nichts so richtig zu Ende bringt – „und sein Leben schon gar nicht“ – gehört zu den Grundüberzeugungen von Adolf Endler . Genauso sieht „Nebbich“ (Wallstein), seine Autobiographie, auch aus. Unzusammenhängende Splitter aus dem Zettelkasten, sagen die einen. Zettelkasten – ja, meinen die anderen, aber von der Qualität eines Arno Schmidt. Mit Sicherheit erfährt man einiges über die Geschichte der Prenzlauer-Berg-Szene der Achtzigerjahre, wenn Endler am 23.6. (21 Uhr) in den Buchhändlerkeller kommt (Carmerstr. 1, Charlottenburg) .

Der Roman „Sich lieben“ von Jean-Philippe Toussaint (Frankfurter Verlagsanstalt) besticht durch seine Präzision. Erzählt wird von einer Liebe, die im 16. Stockwerk eines Tokioter Hochhauses zu Ende geht, mit allem, was es dazu braucht: Traurigkeit, Melancholie und ein Erdbeben. Der Belgier Toussaint liest am 27.6. (19 Uhr 30) im Institut Français (Kurfürstendamm 211, Charlottenburg).

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