Kultur : Melancholische Großstadtchansons: Mehr Urbi als Orbi

Hagen Kohn

Was wäre geeigneter für einen Abend mit melancholischen Großstadtchansons, als der fröhlich morbide Charme des Grünen Salons in der Volksbühne. Mit neuen Musikern und Texten präsentiert der Berliner Liedermacher Boris Steinberg derzeit das Programm seiner aktuellen CD "Zeitfalle" (wieder am 27. und 28. Januar). Zusammen mit der Pianistin und Harfenistin Corinna Naaßner und dem Gitarristen Thomas Hopf erzählt er von "seiner Stadt" und ihren Leuten, von nächtlichen Begegnungen mit Jesus und von Costa, dem emigrierten Sheriff. Er fährt mit uns Taxi im Morgengrauen und stellt fest: "nur weil ich atme, leb ich noch nicht". Er besingt die Hassliebe, die so viele Berliner mit ihrer Stadt verbindet, mal hoffnungslos melancholisch, mal als "der letzte Optimist". Auch wenn Steinberg nicht über eine sonderlich prägnante Stimme verfügt und sich im deklamierenden Flüsterton wohler zu fühlen scheint als beim Singen, sind seine Stücke doch von einer erstaunlichen Ausdruckskraft und erinnern an die Tradition der Liedermacher und Songwriter. Starke poetische Bilder vermitteln einen Eindruck von der Märchenwelt des Berliner Untergrunds, von der positiven Kraft, die das Leben geben kann, von der Zukunft der Liebe. Auch die Musik ist ihm wichtig, "weil sie es ist, die die Menschen erreicht". Ein Ärgernis war hingegen der missgestimmte Flügel, und so war man stets erleichtert, wenn Corinna Naaßner ihren Stammplatz verließ und sich an ihre wohlgestimmte und virtuos gespielte Harfe setzte. Thomas Hopf beherrschte Bass und Gitarre gleichermaßen und ließ es sich nicht nehmen, die lyrischen Klänge seiner Kollegin auch mal mit einem Jazz-Solo zu bereichern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben