Kultur : Melancholisches Memory

KRISTINA TIEKE

Wenn Douglas Gordon den Saal der "List of names" betritt, beschleunigt er den Schritt.Und er schaut kaum nach rechts und links.Dreitausend Namen von Verwandten, Freunden und Künstlerkollegen, die er einmal getroffen hat, sind schwarz auf weiß in meterhohen Kolumnen auf die Wände des Hannoverschen Kunstvereins geschrieben.Ein Saal wie ein Denkmal.Ein melancholisches Memory-Spiel, das die flüchtigen Begegnungen immer zu bewahren versucht.Weil Gordon, so sagt er selbst, ein Gedächtnis besitzt wie ein Elefant, setzt jeder Name Erinnerungen frei, denen er stundenlang nachhängen könnte.Die Zeit allerdings ist ihm knapp.

Immer auf der Durchreise, hat der 32jährige Schotte die letzten Jahre in Deutschland verbracht.Er war Gast in Hannover, DAAD-Stipendiat in Berlin und lebt zur Zeit als Stipendiat des Central-Kunstpreises in Köln.Die Liste seiner Auszeichnungen kann sich sehen lassen; zuletzt erhielt er den mit 50 000 Dollar dotierten Hugo Boss Prize des New Yorker Guggenheim Museums.Für den Kunstverein Hannover Grund genug, dem Nachwuchsstar eine erste Retrospektive einzurichten.

Als dokumentiere die Ausstellung eine abgeschlossene Biographie, entfaltet sie Gordons Themen zwischen den Polen Geburt und Tod.Eine Atmosphäre bläulich schimmernden Lichts erwartet den Besucher im ersten Raum.Pop-Musik läuft ununterbrochen.Die Songs aus den Charts zwischen Januar und September 1966, als seine Mutter schwanger mit ihm war, erzählen von Gordons pränatalen Eindrücken und versetzen zugleich in einen Zustand heiterer Vorfreude.Der letzte Saal hingegen ernüchtert.Im "Single room with bath" steht eine Wanne mit tropfendem Hahn und 44 Grad Celsius warmem Wasser - einer Temperatur, die unweigerlich zu Delirium und Tod führen würde, bliebe man lange genug im Bad.

Der endlichen Zeit spürt Douglas Gordon in seinen Arbeiten nach, immer versucht, ihre Gesetzmäßigkeiten zu überwinden.In seinen Videoinstallationen läßt er das Filmmaterial rückwärts laufen oder dehnt es in Slow Motion.1995 entwickelte er die Arbeit "Confessions of a justified sinner", für die er Ausschnitte aus dem Spielfilm "Dr.Jekyll and Mr.Hyde" zu Endlosschleifen montierte.Auf zwei Leinwänden läßt sich in Zeitlupe die Verwandlung des Helden vom guten zum bösen Selbst verfolgen.Einmal in Positiv-, einmal in Negativbildern.Die hellen und dunklen Kräfte der Persönlichkeit liegen in ewigem Kampf miteinander.Dem moralischen Dilemma entkommt auch der Betrachter nicht.Vor "10 ms", dem historischen Filmmaterial aus der Psychopathologie, das Gordon lebensgroß projiziert, schwankt das Publikum zwischen Mitleid mit dem Kranken und voyeuristischer Faszination.

Überhaupt steht der Betrachter im Mittelpunkt der spröden Kunsträume, denn Gordons Werke sind vor allem Konzept und Idee.Und die muß der Betrachter entschlüsseln.Daß seine Kunst nur Vorwand sei für die Kommunikation, hat der Schotte einmal gestanden, es geht ihm um Kontakt.Nie wird das deutlicher als in der Fotoserie "Three Inches (Black)", die einen schwarz tätowierten Finger zeigt.Das Tattoo ist exakt drei Zoll, also 7,6 Zentimeter lang.Das ist eben jene Entfernung, die es zu überwinden gilt, um einen Menschen am Herzen zu treffen.Und Douglas Gordons Kunst berührt.Mag die Berührung auch manchmal schmerzhaft sein.

Kunstverein Hannover, bis 8.November, Katalog 78 Mark.

0 Kommentare

Neuester Kommentar