Melanchomödie „O’Horten“ von Bent Hamer : About Odd

Jedem Abschied wohnt ein Zauber inne: die norwegische Melanchomödie „O’Horten“ erzählt Geschichte eines Mannes, dessen langweiliges Leben eine plötzliche Wende erfährt. Er lernt, dass alt sein eine herrliche Sache sein kann.

Martina Scheffler
About Odd
Wenn Eisenbahner feiern. Szene aus "O'Horten". -Foto: pandorafilm

Wenn in einem Film geschildert wird, wie Kinder durch bestimmte Ereignisse erwachsen werden, dann heißt das neudeutsch oft „Coming-of-age-Story“. Für den Fall, dass ältere Menschen wieder jung werden, gibt es noch kein passendes Pendant. Vielleicht „out of age“? „O’Horten“ aus Norwegen wäre ein typischer Vertreter eines solchen Genres.

Der Titelheld, der allein lebende Osloer Lokomotivführer Odd Horten, steht kurz vor der Rente. Doch schon bevor sich jenes schwarze Loch vor Odd auftut, in das so mancher gerade dann fällt, ist seine Welt längst stehen geblieben. Seine Wohnung müffelt nach den Siebzigerjahren, und draußen deckt der Schnee die Lebensfreude zu. Odd fährt rein in den Tunnel, raus aus dem Tunnel, einer ist wie der andere, und Odd scheint sogar ganz zufrieden damit: Das Leben steht fast im Gehen, alles ist ein langer, sehr sehr ruhiger Fluss. Auch bei Odds Mutter regiert Stillstand, die uralte Frau nimmt ihren Sohn und überhaupt die Welt nicht mehr wahr.

Doch plötzlich holpert Odds Lebensmotor, macht ungewohnte Sprünge. Er verpasst seine letzte Zugfahrt, weil ein kleiner Junge ihn bittet, bei ihm zu bleiben, bis er eingeschlafen ist. Er lernt skurrile Landsleute kennen, wobei nebenbei auch die Frage aufgeworfen wird, warum man eigentlich mit wildfremden Menschen auf eisglatter Straße nie über den besonderen Geschmack von Sandefjordbutter spricht. Schließlich schläft Odd in der Sauna ein, wird erst nachts wieder wach und entschließt sich spontan zu einer FKK-Runde im Schwimmbad, aus dem er bald vor zwei ebenso unbekleideten weiblichen Nachtgästen flüchtet.

Schließlich liest er – in roten Damenstiefeln mit Pfennigabsätzen – an einer Straßenkreuzung einen betrunkenen Alten auf. Oder ist es umgekehrt? Für Odd (auf zurückhaltende Weise abenteuerlustig verkörpert von Baard Owe) ist der gut situierte Gammler ein Glücksfall, denn der zeigt ihm, dass das Leben auch jenseits der besten Jahre noch ziemlich gut sein kann. Wenn die Reise eines Meteoriten nach fast fünf Milliarden Jahren noch nicht beendet ist, warum sollte Odds Reise dann mit 67 schon vorbei sein?

Alt sein ist eine herrliche Sache, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt, sagte Martin Buber. Und auch Odd begreift: Für eine Extraportion Mut ist man nie zu alt. Ist „O’Horten“ also ein Rentnerfilm? Einer über den Sinn des Lebens – erst wäg’s, dann wag’s? Ein Film, der seine Zuschauer mahnt, rechtzeitig zu überlegen, wie sie die Jahrzehnte des Rentnerdaseins rumkriegen? Oder einer, der zeigt, dass auch die kleinen Dinge schön sind und dass das große oder kleine Glück ganz unerwartet und unspektakulär beginnen kann?

Mit anderen Worten: Allerlei Klischeefallen tun sich da auf – nur schafft „O’Horten“ das Kunststück, eben nicht hineinzutappen, obwohl er genau das alles thematisiert. Regisseur und Autor Bent Hamer packt diese so oft gehörten Weisheiten in stille Bilder mit einem stillen Mann als Held seines eigenen Alltags. Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss - aber er fließt.

Broadway, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Yorck; OmU Hackesche Höfe

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