Kultur : Melodien für Millionen

JOHANNA ADORJAN

Früher war alles klar geregelt.Im Musikbusiness gaben Männer den Ton an, vor allem weiße.Schwarze und Frauen hatten nicht viel zu sagen.HipHop war Ghettomusik, und wenn nicht gerade wieder ein Rapper erschossen wurde, interessierte sich die breite Öffentlichkeit herzlich wenig dafür.Dann kam eine junge schwarze Frau und wirbelte alles durcheinander.Heute ist HipHop die kommerziell erfolgreichste Musikrichtung, Frauen dominieren das gesamte Musikgeschehen, bei der diesjährigen Grammyverleihung räumten sie ab wie nie zuvor.

Was ist passiert? Vielleicht fing alles an dem Tag an, an dem Lauryn Hill in ihrem Elternhaus in New Jersey die Plattensammlung ihrer Mutter entdeckte.Anfang der achtziger Jahre war das, Lauryn Hill war damals sechs Jahre alt.Hill: "Beim Spielen im Keller fand ich plötzlich ein paar Kisten voller Platten.Es waren bestimmt fünfhundert Stück, lauter Soul-Singles.Motown, Philly, Stax - nie hatte ich Schöneres gehört.Es war, als hätte ich einen Schatz gefunden." Von nun an bestimmte Musik ihr Leben.Lauryn lernte Geige spielen, fing an zu singen und hatte als Zwölfjährige ihren ersten öffentlichen Auftritt beim berühmten Talentwettbewerb des Apollo-Theaters in Harlem.Ende der achtziger Jahre gründete sie zusammen mit zwei Mitschülern, Wyclef Jean und Pras Michel, eine HipHop-Band, die Musikgeschichte schreiben sollte: die Fugees.

Lauryn war damals zwölf.Zunächst sah es aber nicht danach aus, als würde diese Band jemals Erfolg haben.Weil die kleine Lauryn es schick fand, beim Rappen Rückwärtssaltos zu schlagen, lehnte ein namhafter Plattenproduzent sie ab."Ich war wirklich gekränkt", sagt sie."Ich meine, ich war berühmt für meine Saltos." Als sie 18 war, 1993, bekamen die Fugees dann doch einen Plattenvertrag: Ihr erstes Album, "Blunted On Reality", wurde ein fürchterlicher Flop.Hill begann an der Columbia University in New York Geschichte zu studieren.Bevor sie allerdings ihren Abschluß machen konnte, brachten die Fugees 1996 eine Platte heraus, die die HipHop-Welt auf den Kopf stellte: Ihre Version des Roberta-Flack-Klassikers "Killing me softly", die Hills melodiösen Gesang mit rauhem HipHop verband, wurde ein Riesenhit und machte die Band auf der ganzen Welt berühmt.

Die Fugees wurden zur erfolgreichsten HipHop-Gruppe aller Zeiten, ihr Album "The Score" verkaufte sich 17 Millionen mal.HipHop hörte auf, Subkultur zu sein und wurde Pop.Lauryn Hill galt als großartige Sängerin und fotogene Schönheit - das war immerhin mehr, als man von den meisten Frauen im Musikgeschäft behaupten konnte.Die musikalischen Genies aber schienen die beiden männlichen Fugees-Mitglieder zu sein.Hill protestierte nicht.Während Wyclef und Pras in Interviews nach ihren musikalischen Vorbildern gefragt wurden, beantwortete sie geduldig Fragen nach der Farbe ihres Nagellacks.

"Ich habe mich bei den Fugees immer ein wenig zurückgenommen, um die beiden Jungs glänzen zu lassen," sagt sie heute.Und sogar die ließen sich täuschen.Vor zwei Jahren noch sagte Wyclef Jean in einem Interview: "Wenn Lauryn irgendwann mal eine Solo-Platte aufnehmen möchte, ist das kein Problem.Ich helfe ihr gerne." Von einer jungen Frau erwartete niemand, eigene Songs zu schreiben und produzieren.Von einer Schwangeren schon gar nicht."Als ich erfuhr, daß ich schwanger war, dachte ich kurz darüber nach, Hausfrau und Mutter zu werden", sagt Hill."Dann rannte ich kopfüber ins Studio."

Nachdem ihre beiden Bandkollegen auch mit Soloalben erfolgreich waren, wollte nun auch Lauryn Hill zeigen, was sie kann.Im Alleingang nahm sie eine Soloplatte auf, "The Miseducation Of Lauryn Hill".Es ist eine HipHop-Platte herausgekommen, obwohl nur zwei Titeln gerappt sind.Die rauhe Attitüde des HipHop verbindet Hill mit Melodien für Millionen.In den Texten geht um Liebe und Schmerz, um ihren Sohn Zion, der während der Produktion zur Welt kam.Und es geht um ihre Wut, unterschätzt worden zu sein: Auf "The Lost Ones" rechnet sie mit ihren ehemaligen Bandkollegen ab.

Über sieben Millionen Mal hat sich das Solo-Debüt mittlerweile verkauft, über Hill wird nur noch in Superlativen gesprochen.Im März wurde Lauryn Hill von der amerikanischen Musikindustrie mit fünf Grammys ausgezeichnet, unter anderem für die beste Platte des Jahres.

Nie zuvor hatte eine Frau so viele Grammys bekommen, nie zuvor war schwarze Musik der Gewinner des Abends gewesen.Hill: "Die Grammys waren weniger eine Auszeichnung für mich als Künstlerin denn ein Statement: HipHop regiert die Welt! Als Genre, als Kunstform, als Industrie." Mit ihrem Lebensgefährten Rohan Marley - einem Sohn der Reggae-Legende Bob Marley - und mittlerweile zwei Kindern - Tochter Sedah kam vor sechs Monaten zur Welt - lebt Lauryn Hill noch immer in dem Haus in New Jersey, in dem sie aufgewachsen ist.Dem Ort, an dem alles anfing, hat sie ein Denkmal gesetzt: Den Keller, in dem sie einst die Soulplatten ihrer Mutter fand, hat sie zu ihrem Tonstudio umbauen lassen.

Lauryn Hill tritt am Sonntag, 16.Mai, in der Arena auf

21 Uhr

Melodien für Millionen

HipHop mit Seele: Lauryn Hill ist die momentan erfolgreichste Sängerin der Welt

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