Melt! : Wir sagen Ja zum Techno

Kollektives Ausrasten: Das Melt-Festival in Ferropolis bei Dessau feiert das Dance-Revival und Björks einziges Deutschlandkonzert.

Kolja Reichert
Melt!
Fünf Jahre nicht in Deutschland: Björk zeigt sich bei ihrem einzigen Auftritt farbenfroh. -Foto: ddp

Es ist ein Moment des Innehaltens nach drei Tagen Lärm. Zärtliche Hawaiimusik klingt über das Gelände, während sich lange Flaggen von der Bühnendecke entrollen, bedruckt mit Fischen, Krokodilen und Vögeln. Sanft wiegen sie im Abendwind, Tempelfahnen für die große Schlusszeremonie. „There’s a beautiful view from the top of the mountain“, wird Björk hier später singen. Es wird auch eine wunderbare Sicht sein von der Bühnenkante: Die gewaltigen Förderbagger des alten Braunkohletagebaus Golpa Nord, die über einem Meer jubelnder Fans in den Himmel ragen, belebt von blauen Neonlampen und Laserwerfern, die grüne Strahlen in die Nacht schreiben.

Im elften Jahr hat das Melt-Festival bei Dessau seine Besucherzahlen um fast ein Viertel auf 20 000 gesteigert. Aus Polen, Holland und vor allem aus England sind Gäste angereist, das britische Fernsehen ist da. Viele haben ihre Tickets gekauft, bevor feststand, wer spielen würde. Sie versprechen sich Glücksmomente wie jene, wenn sie betört von der Tanzfläche schwanken und die Morgensonne ihre ersten Strahlen über dem Gremminer See schickt. Kein anderes Festival beginnt das Programm erst nachmittags um fünf und lässt bis in die Morgenstunden große Acts wie Róisín Murphy auftreten.

Als Macher des Gratismusikmagazins Intro haben die Veranstalter ihr Ohr besonders nah am Geschehen. Auch, weil sie mit ihrem businessnahen Fanzine-Journalismus selbst an den Trends mitschreiben. Schon früh wurden beim Melt! die Grenzen zwischen Rock und elektronischer Musik eingerissen.

Der Industriepark Ferropolis ist die richtige Kulisse für die große Dekonstruktion bestehender Formen, die in einer langen Linie vom Punk zum Minimal Techno geführt hat. Auf jeder Bühne sind die stampfenden Bässe zu vernehmen, auch wer Gitarren trägt wie die Belgier Deus oder die Weilheimer Vorzeige-Postrocker The Notwist, verneigt sich vor der Tanzfläche. Überall das gleiche Prinzip: Gegen Ende des Konzerts begräbt ein gradliniger Beat die singenden Gitarren unter sich und versetzt das Publikum in kollektives Ausrasten. Alle sagen ja zum Techno. Als hinge die Nadel der Musikgeschichte in der Auslaufrille fest.

Die Koordinatensysteme, in denen sich Genres und Stile verordneten, sind aufgelöst. Ein Nullpunkt ist erreicht. Der Raum musikalischer Möglichkeiten ist eine große leere Fläche wie das Gelände von Golpa Nord. Und fein sortiert steht die Musikgeschichte zur freien Verwendung bereit. Welche Freiheit das bedeutet, ist beim Melt-Festival zu ahnen.

Der eigentliche Star des Festivals heißt nicht Björk, nicht Hot Chip und nicht Franz Ferdinand. Sondern Salt ’n’ Pepa. Die schrille Synthie-Melodie des 1987er- Dance-Hits „Push it“ ist allgegenwärtig, bei der schwedischen Elektropopperin Robyn, in den Sets der DJs beim Baile- Funk-Themenabend und bei DJ Feadz. Der wohl lässigste Jungstar der europäischen Clubszene führt mit seinen vielschichtigen Soundbastards nicht nur eine verblüffende Virtuosität vor, überboten nur vom folgenden Berliner Boys Noize. Feadz sorgt auch für den größten denkbaren Tabubruch: Er kramt Eurodance-Altschrott Technotronic aus der Grabbelkiste, die sich als Partyanimateure ganz unironisch mit „Pump up the Jam“ um Würde bemühen und sich wundern, warum der DJ dafür so viel mehr Applaus bekommt als sie selbst.

Überraschung: Nach dem New-Rave- Revival ist nun der Großraumdiskosound um 1990 das große Ding im Indie. Die Farben dieser Tage sind denn auch neon: Neonpinke Plastiksonnenbrillen, neonlila Leggins, bunt glühende Neonarmbänder. Ekstase, Alarm, Party! Der Baile-Funk-Abend demonstriert, dass der Typus des seriösen Elektro-DJs, dessen Posen immer signalisieren, dass hier gerade gearbeitet wird, passé ist. Die Zeichen stehen auf heiße Karnevals-Rhythmen, auf Magie, auf Entgrenzung. Das Instrument dieser Tage sind die brasilianischen Agogô-Glocken.

Das ist der Boden, der Björk bereitet ist. Ihr Auftritt in der Nacht zum Montag ist der unbestrittene Höhepunkt. Fünf Jahre hat die isländische Ausnahmekünstlerin nicht in Deutschland gespielt. Fanfaren blasend marschiert die zehnköpfige Kapelle The Wonderbrass auf die Bühne, in bunten Gewändern, Federschmuck und mit Fahnen auf den Häuptern, wie archaische Priesterinnen. Hintendrein kommt die Hohepriesterin höchstselbst getänzelt, diese kleine Frau, die mit ihrer märchenhaften Präsenz sogleich die Menge in Bann zieht. Wie eine in Gang kommende Armee rumpelt „Earth Intruders“ los, gefolgt vom so gegensätzlichen sinfonischen „Yoga“. Keine Spur von den kürzlichen Stimmproblemen, von samtenem Raunen, steigt der Gesang geysirgleich gen Himmel. Björk macht Gespensterspielchen, fächert ihren Regenbogenrock auf wie ein Pfau, lässt ein Riesenspinnennetz hinter sich her fliegen. Das ist wirkliche Freiheit, jenseits all der Coolness-Codes, an denen all die jungen Bands noch immer orientiert sind.

Auch technisch ist Björk wieder weiter als alle. Neueste Synthesizer-Technik erlaubt es dem Programmer, die Sounds schamanenhaft in Interaktion mit einer großen Glasplatte zu steuern. Zur Zugabe versammeln sich die Bläserinnen im Halbkreis um Björk wie zu einem Stammesritual und schaffen mit hymnenhaften Melodiebögen höchste Konzentration. Dann sind sie zurück: die Techno-Beats. Auch die größte Zeremonienmeisterin fügt ihre Kunst ein in das kollektive Ausrasten. Feuerwerk kracht, Konfettiwolken steigen in den Nachthimmel. Überwältigend.

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