Kultur : Melvin J. Lasky wird 80

Hermann Rudolph

Gelegentlich holt selbst ihn beim Blick zurück ein leises Zögern ein. Welche Rolle hat denn, so fragt sich dann Melvin J. Lasky, der "Monat", die mit seinem Namen verbundene legendäre Nachkriegs-Zeitschrift, wirklich für den Ausgang des Kalten Krieges gespielt? Was blieb von dem gewaltigen Ringen dieser Jahre, in denen sich die Welt gerade aus den Abgründen befreit hatte, in die sie das Dritte Reich gerissen hatte, um sich sogleich mit dem sowjetischen Kommunismus konfrontiert zu sehen? Weil die Geschichte, einerseits, die bekannte, staunenswerte Wende genommen hat und weil Melvin J. Lasky an diesem Sonnabend, andererseits, achtzig Jahre alt wird, darf es wieder einmal gesagt werden: Es bleibt eine ganze Menge - eines der grossen, ermutigenden Vermächtnisse des zu Ende gegangenen Jahrhunderts.

In den Jahren nach dem Ende des Krieges vollzog sich etwas sehr Seltenes: Geist, Kultur, intellektuelle Diskussion wurden zu einer Macht in der politischen Auseinandersetzung. In der harten Konfrontation des Ost-West-Konflikts wurde die Frage nach der richtigen Ordnung, nach Freiheit und Menschenrechten zum intellektuellen und moralischen Ernstfall. Es war, so erinnert sich Raymond Aron, der französische Soziologe und Publizist, "eine echte Schlacht, bei der es um Geist und Herz der Menschen ging". Es war diese Auseinandersetzung, in der die Fundamente entstanden, auf denen die freiheitliche Ordnung des Westens aufbaute. In ihr erfuhr die Demokratie die Vitalisierung, die sie fähig machte, den Kommunismus in Schach zu halten. Und Lasky immer mittendrin.

Deswegen muss doch wieder von den alten Geschichten die Rede sein. Zum Beispiel von dem 27-jährigen Berliner Korrespondenten zweier kleiner amerikanischer Blätter, den man auf die Rednerliste des ersten deutschen Schriftstellerkongresses im Oktober 1947 geschoben hatte, und der es wagte, mit einer mutigen Rede von der sowjetischen Siegermacht Gedankenfreiheit einzufordern - auf ihrem eigenen Terrain, denn der Kongress fand im Osten statt. Von dem 28-Jährigen, der ein Jahr später mit dem "Monat" eine Zeitschrift gründete, die wie keine andere das Fenster zur Welt aufstieß, nach der alle griffen, die Argumente, Orientierung, Intellektualität suchten und die zu einem einzigartigen Forum wurde. Es präsentierte nicht nur die bedeutendsten Autoren, sondern nichts geringeres als eine ganze intellektuell-politische Zivilisation - voller Entschiedenheit und Liberalität, Ernsthaftigkeit und Witz.

Natürlich war Kalter Krieg und Melvin J. Lasky war, was man einen Kalten Krieger nannte. Zumal für den Osten war er dessen Prototyp, und keines der einschlägigen Verdikte - vom "literarischen Kriegshetzer bis zum "Provokateur" - blieb ihm erspart. Auch Lasky kämpfte mit harten Bandagen - selbst diese Zeitung, die ihm damals wahrhaftig die Stange hielt, sah sich des Fellow-Travellertums verdächtigt, wenn sie ein sowjetisches Stück auf einer west-berliner Bühne fair behandelte. In gewissem Sinn ist Lasky dieser strikten Haltung treu geblieben. Der Entspannungspolitik, zumal der Ostpolitik hat er nie viel abgewinnen können - seine Sympathie, die Sympathie eines kämpferischen Geistes, gehörte allemal den Dissidenten, nicht den Reformpolitikern.

Vermutlich erzählt er deshalb so gern die Geschichte von seiner Wiederbegegnung mit Wolfgang Harich, dem unverbesserlichen Marxisten, seinem heftigen Kontrahenten in den Nachkriegsjahren: Wie er ihn nach der Wende besuchte, wie er "schleppenden Schritts ins Zimmer (trat), eine langsame, kränkelnde Gestalt mit schlohweißem Haar, indes durchaus bereit, den Kampf wieder aufzunehmen, den zwei jugendliche Ideologen vor vierzig Jahren begonnen hatten", wie er zur Begrüssung sagte: "Mein alter Feind, Sie haben gesiegt".

Aber auch die härteste politische Auseinandersetzung hat Lasky nicht mit dem Absolutheitsanspruch von Religionskriegen geführt, sondern als ein furioser Fechter mit Argumenten und Positionen. Jene Rede beim Schriftstellerkongress, die ihn berühmt gemacht hat, darf man sich durchaus als die Mutprobe eines kecken Musketiers des Geistes vorstellen, der allein mit seinem Degen eine Übermacht von Feinden herausforderte - wie die Helden bei Dumas. Zwischen die ideologisch vermauerten Fronten des Zwanzigsten Jahrhunderts brachte er einen Hauch des Kampfesmuts der frühen Aufklärung mit ihrem Glauben an Vernunft und Rationalität; nicht zufällig liebt er Pierre Bayle, den französischen Philosophen aus dem 17. Jahrhundert. Und das Pathos seiner Existenz besteht darin, dass er und seine Mit-Kombattanten als einzige Waffen "Bücher und Thesen, Pamphlete und Clippings" gebrauchten. Mit ihnen allein - so sagte er 1992 beim Kongress "A last Encounter with the Cold War", der letzten grossen Versammlung dieser Generation - "haben wir schliesslich die vier Jahrzehnte andauernde Kontroverse für uns entschieden".

Überhaupt paaren sich in Melvin J. Lasky in einer bestrickenden Weise Verwegenheit und Bonhomie, Unbeirrbarkeit und Nonkonformismus - nicht zu vergessen die üppige Bildung eines Mannes, der ein Leben lang im Lesen, Argumentieren und Schreiben existiert hat, zwischen Manuskripten, Büchern und Zeitschriften, im Umgang mit den Klassikern und den intellektuellen Tages-Scharmützeln. Letzteres wird vermutlich noch deutlicher, wenn man seine anglo-amerikanische Seite in Betracht zieht, die der deutschen Wahrnehmung halb entzogen blieb. Da stehen rund dreissig Jahre der Leitung des Londoner "Encounter" zu buche, der Schwester-Zeitschrift des "Monats", aber auch ein Wälzer "Utopia and Revolution", den Lasky in den siebziger Jahren schrieb. Und gerade erst hat er zu einem gewaltigen Werk über "The Language of Journalism" angesetzt - drei Bände, der erste im Vorjahr erschienen. Nur seine Erinnerungen sind bislang ungeschrieben geblieben. Kann sein, dass sich Melvin J. Lasky für ein solches Unterfangen noch zu jung fühlt.

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