Kultur : Memento Berlin

EBERHARD DIEPGEN

Bedenken gegenüber dem Holocaust-MahnmalVON EBERHARD DIEPGENNoch ist die Entscheidung nicht gefallen, wann und in welcher Gestalt das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlins Mitte erstehen wird.Ob Grauen, Trauer und Scham in einem Denkmal einen überzeugenden Ausdruck finden können, ja ob dies in der Formensprache der Kunst unserer Zeit in einer allgemein verständlichen und auch für künftige Generationen gültigen Weise möglich ist, kann nicht mit Gewißheit beantwortet werden.Schon werden aber Stimmen laut, die nach weiteren, nach immer mehr Mahnmalen inmitten des neuen Regierungsviertels rufen.Die Angst vor dem neuen Deutschland und seiner neuen Hauptstadt, möchte man meinen, findet im Verlangen nach einer allgegenwärtigen Erinnerung an begangenes Unrecht ihr Ventil. Wir wissen, welche Eigendynamik solche Forderungen entfalten können.Sind sie einmal in der Welt, sind sie geradezu unaufhaltsam.Wie leicht läßt sich jede Kritik in das unliebsame Licht der Unbelehrbarkeit rücken, jedes Infragestellen als "Unfähigkeit zu trauern" abtun. Gleichwohl muß die Frage offen gestellt werden: Braucht Berlin immer mehr Mahnmale? Brauchen wir eine Vervielfältigung der Mahnmale im Zentrum der Hauptstadt, um dem Gedenken der Holocaust-Opfer gerecht zu werden? Ist es richtig und wem würde es wirklich dienen, einer jeden Opfergruppe - von den Sinti und Roma über die Homosexuellen bis zu den Euthanasieopfern, von den politischen Gefangenen bis hin zur Aufspaltung in immer speziellere Opfergruppen - Mahnmal für Mahnmal zu setzen? Von den komplizierten Einzelfragen, die sich auftäten (wie soll zum Beispiel über die Grundstücksgröße und die Ausmaße des Mahnmals für die jeweilige Opfergruppe befunden werden?), gar nicht zu reden.Doch wäre es nicht berechtigt nachzufragen: Wer setzt hier wem ein Denkmal? Spreizt sich womöglich die Gegenwart auf Kosten der Vergangenhheit? Wie werden nachfolgende Generationen auf solch eine Ballung von Zeugnissen einer bedrückenden Geschichte, zumal an identitätsstiftender Stelle - vielleicht auch in ihrem Lebensumfeld - reagieren? Es läßt sich natürlich argumentieren, das Ausmaß deutscher Schuld ist so groß, daß es niemals der Mahnmale zu viele geben kann.Hinter solchem Denken verbirgt sich jedoch eine fragwürdige, fast schon naiv anmutende These: Daß mit einer Zunahme von Mahnmalen auch das Gedenken zunimmt, daß wir mit immer mehr Mahnmalen den Opfern zunehmend gerecht würden, mithin die Quantität entscheidend ist.Dieser Ansatz ist nicht nur fragwürdig, er ist gleichermaßen weltfremd wie gefährlich, weil er den Gesichtspunkt der Rezeption außer acht läßt und mit einer Häufung von Mahnmalen die Überreizung und schließlich auch die Abstumpfung des Betrachters in Kauf nimmt. Die Verantwortung der Politik liegt jedoch gerade darin, die Wirkung mit im Auge zu behalten.Dazu gehört vor allen Dingen, sich einen realistischen Begriff von dem Berlin zu verschaffen, das dieser Mahnmaldebatte als Folie dient und paradoxerweise die Sehnsucht nach Mahnmalen zu nähren scheint.Wer glaubt, in dieser Stadt könnte die deutsche Geschichtslast jemals in Vergessenheit geraten, der kennt sie nicht.Der weiß nicht, wie schwer Berlin an dem Verlust seiner jüdischen Mitbürger trägt, die das geistige Leben der Stadt zu Beginn unseres Jahrhunderts so entscheidend geprägt haben.Das Berlin der Zwanziger Jahre und sein Mythos, an dem die Stadt bis heute gemessen wird, wäre ohne jene deutsch-jüdische Symbiose gar nicht denkbar.Jede Betrachtung des heutigen Berlin ist somit auch die schmerzliche Wahrnehmung des entstandenen Vakuums - wie es Daniel Libeskind in seinem Bau für das Stadtmuseum so eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht hat. Die Spuren von Diktatur, Krieg und schwieriger Nachkriegszeit sind Berlin bis zum heutigen Tage anzusehen.Anders als in Bonn, anders als in den alten Bundesländern empfängt den Betrachter überall die Botschaft: Dies ist keine heile Welt.Schon deshalb läuft das Ansinnen fehl, die Bundeshauptstadt mit Mahnmalen zu überhäufen, um sie vor Ignoranz und Übermut zu bewahren.Aber nicht nur das Stadtbild ist und bleibt Memento eines unheilvollen historischen Szenarios, Sinnbild für die bittere, zu spät gekommene Erkenntnis.Wie ein dichtes Netz überzieht eine Vielzahl von Denkmalen, Mahnmalen, Gedenkstätten und Gedenktafeln die Stadt.Zu den wichtigsten Stätten dieses Gedenkens gehören das Internationale Dokumentations- und Begegnungszentrum "Topographie des Terrors", die Gedenk- und Bildungsstätte "Haus der Wannsee-Konferenz", die Gedenkstätte Plötzensee und die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche wie auch die Stiftung "Neue Synagoge Berlin".Sie werden ergänzt durch Ausstellungsprogramme verschiedener Museen.Mehr als 45 Denk- und Mahnmale sind in den letzten fünfzig Jahren den Opfern des Nationalsozialismus in Berlin gesetzt worden,nicht selten auf Initiative aus der Mitte der Gesellschaft.Ihr Gemeinsames ist, daß sie an historischem Ort authentisch Zeugnis geben, tatsächlich Stätten der Taten des theoretischen Begründens der Verbrechen und ihrer praktischen Ausübung sowie der Leiden der Opfer sind.Und anknüpfend an eine lange Tradition gibt es in der Neuen Wache seit ihrer Umgestaltung vor wenigen Jahren einen würdigen, weithin angenommenen zentralen Ort des Gedenkens. Immer wieder wurde in den Diskussionen um die künftige Gestalt des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas die Schwierigkeit beklagt, mit den Mitteln heutiger Kunst ein aussagekräftiges Denkmal zu schaffen.Der Autonomieanspruch moderner Kunst steht, neben manchem anderen, den praktischen Erfordernissen entgegen, die ein Mahnmal erfüllen soll.Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas wird kommen, wenn das überzeugende Gestaltungskonzept gefunden ist.Aber es spricht viel, es spricht alles dafür, an der Neuen Wache als dem zentralen Ort symbolischen Gedenkens für alle weiteren Opfergruppen festzuhalten und das differenzierte Erinnern den Gedenkstätten und Museen zu überlassen, die es bereits in Berlin gibt, oder die - wie das Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" - gerade im Begriff sind zu entstehen.Sie können es viel besser.Und weder der erhobene Zeigefinger noch die verfremdende Kunst werden nachfolgenden Generationen helfen, ihren Weg zu finden.

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