Memento Mori : Turmbau zu Kassel

Die meisten Kunstwerke sind äußerst vergänglich – auch und gerade auf der Documenta 12.

Von Christina TilmannUnd alle Kunst will Ewigkeit. Aber nicht alle wollen Kunst. Die Straßenreinigung von Kassel zum Beispiel will saubere, autosichere Straßen – und entfernte die weißen Markierungen, mit denen die Documenta-Künstlerin Lotty Rosenfeld Kreuze auf der Fahrbahn gezeichnet hatte, um an die Toten des Pinochet-Regimes zu erinnern. Saubere Wände wollte schon die berühmte Putzfrau, die damals in der Düsseldorfer Kunstakademie die Fettecke von Joseph Beuys entfernte. Und Kassels Bürgermeister, der gegen erbitterten Widerstand eine hölzerne Treppe der Documenta 9 auf dem Königsplatz abreißen ließ, wollte nur – wiedergewählt werden.

Ist auch so eine Sache mit der Ewigkeit. Die meisten Kunstwerke sind äußerst vergänglich – auch und gerade auf der Documenta 12. Dabei ist es nicht immer menschliche Ignoranz, die ihnen den Garaus bereitet, manchmal ist es die schlichte Naturgewalt. Der Wind weht, wie er will. Ein besonders beliebtes Documenta-Werk hat nun der Sturm gefällt: Der chinesische Künstler Ai Weiwei hatte in der Karlsaue Holztüren chinesischer Häuser, die abgerissen worden waren, zu einem Turm gestapelt. Eine eindrucksvolle Mahnung an die Vergänglichkeit von Architektur – nun ist sie hin. Auch anderen Arbeiten spielt das Klima übel mit: Die Reisterrasse, die der Thailänder Sakarin Krue-On vor Schloss Wilhelmshöhe anlegte, trocknet trotz Regengüssen vor sich hin – der aufgeschüttete Berg schluckt alles Wasser. Sakarin müsse nun von Nassreis auf Trockenreis umstellen, heißt es von Seiten der Documenta-Leitung. Und das Mohnfeld, das zum Markenzeichen der Documenta 12 vor dem Fridericianum werden sollte, ist bislang eher ein Unkrautfeld – Vögel und Witterung taten das Ihre. Allein, hier konnte die Documenta am Donnerstag Erfolg vermelden: Eine erste rote Mohnblume wurde gesichtet. Zarte Blume Hoffnung. Die stirbt ewig zuletzt.

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