Kultur : Mensch, Heiner!

Brecht plus Müller: „Die Maßnahme/Mauser“ an der Berliner Volksbühne

Christine Wahl

Dass die kriselnde Berliner Volksbühne dringend einer Maßnahme bedarf, gilt weithin als unbestritten. Warum sie jetzt allerdings ausgerechnet zur Brecht’schen greift, kann der Lehrstück-Doppelabend „Die Maßnahme/Mauser“ in der Regie von Frank Castorf und Meg Stuart nicht erhellen. „Mir fällt zum Lehrstück nichts mehr ein“, schrieb Heiner Müller 1977 an Reiner Steinweg. Volksbühnen-Intendant Castorf kann ihm das nicht verdenken und lässt das Schreiben gleich zu Beginn des Abends zitieren.

Nun dürfte auch für den Großteil der Zuschauer das Problem weniger darin liegen, Müller und Castorf in diesem Punkt nicht folgen zu können. Nur ist das eben leider nicht abendfüllend. Schon gar nicht über (pausenlose) drei Stunden.

In Bertolt Brechts und Hanns Eislers 1930 uraufgeführtem Lehrstück besteht die „Maßnahme“ in der Tötung eines Genossen durch seine Parteikollegen: Bei dem Auftrag, kommunistische Agitation in China zu betreiben, gefährdet der junge Mann durch spontane Mitleidsimpulse den Parteiauftrag derart, dass er schließlich „im Namen der Revolution“ in seine Liquidierung einwilligen muss. Bürgerliche und marxistische Kritik schossen – aus verschiedenen Richtungen – gleichermaßen scharf gegen den Text, der sich spätestens vor dem Hintergrund des stalinistischen Terrors auch beim besten Willen nicht mehr parabolisch lesen ließ. Brecht selbst verhängte in den fünfziger Jahren ein Aufführungsverbot, das die Erben erst 1997 aufhoben.

In der Volksbühne sitzt nun Hermann Beyer, der zu DDR-Zeiten auch mal zum Ensemble am Rosa-Luxemburg-Platz gehörte, vor allem aber in legendären Heiner-Müller-Inszenierungen spielte, mit einer schwarzen Hornbrille auf einem riesigen Brettergerüst (Bühne: Thiago Bortolozzo), spricht Müllers knackige Absage ans Lehrstück und ist im Grunde gleich selbst „der Heiner“. Später, wenn die „Maßnahme“ vollstreckt und Müllers „Mauser“ an der Reihe ist, wird er Zigarre rauchen und von den Kollegen (Jeanette Spassova, Sebastian König, Christoph Letkowski und Trystan Pütter) immer mal wieder mit einem knuffigen „Mensch, Heiner!“ gerüffelt werden und außerdem auch „A“ geben: Den Henker aus Müllers Text „Mauser“, der sich – die Konfliktlage um Individuum, Parteidisziplin und Terror „im Namen der Revolution“ verschärfend – auf die „Maßnahme“ bezieht.

Allein: Es folgt in Castorfs Inszenierung aus alledem nichts; jede Aktion verweist immer nur wieder auf die Auftaktinformation: „Mir fällt zum Lehrstück nichts mehr ein.“ Dass die engagierten Volksbühnenchorsänger – anders als ihre arbeitsbekittelten Kollegen in der „Maßnahmen“-Uraufführung von 1930 – hier in ausgesuchter Abendgarderobe leninistisches Gedankengut skandieren, ist ja denn doch ein bisschen wenig.

Dabei kann man Castorf im Gegensatz zu seinen jüngsten Arbeiten hier noch nicht mal vorwerfen, lediglich schal seine alten Mittel zu reanimieren. Vielmehr lässt er die beiden Texte dekonstruktions- und einwurfsunwillig vom Blatt spielen, nacheinander; bei unzynischer Grundhaltung. Auch, wenn kommunistische Agitatorinnen in der Volksbühne natürlich nach wie vor High Heels tragen, für jede revolutionäre Situation ein neues Minikleid in petto haben und die Parteidoktrin nölend vortragen.

Die Frage, was uns eine „Maßnahme“ und ein „Mauser“ anno 2008 in der Volksbühne sagen sollen, können auch Meg Stuarts choreografische Todesarteneinlagen nicht beantworten, die so beliebig wirken, dass einem gleich zwanzig Stoffe einfallen, für die sie umgehend recycelbar wären. Kurz vor seinem Tod soll Brecht „Die Maßnahme“ als richtungsweisend für ein zukünftiges Theater bezeichnet haben. Angesichts des Castorf-Stuart-Abends wollen wir nicht hoffen, dass er recht hatte.

Wieder am 29. 3. und 4. 4., 19 Uhr 30.

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