Kultur : Menscheln im Hotel

Deutscher Alltag: Ulrich Köhlers filmische Psychostudie „Montag kommen die Fenster“

Christina Tilmann

So wie das Wetter ist der ganze Film: kalt und ungemütlich. Wintertage zwischen Schneematsch und Regen sind nicht gerade der richtige Zeitpunkt, um die Fenster auszuwechseln. Aber wenn man, wie Frieder und Nina, gerade sein Einfamilienhaus renoviert, muss es halt sein, und wenn dann noch deutsche Kiefer statt australischer Pinie geliefert wird, bleiben die Fenster halt ein Wochenende länger ausgebaut, und die Löcher werden mit Plastikfolie verklebt.

Ein Wochenende, mehr ist es nicht, eine kleine Auszeit für die Ärztin Nina, die zwischen Job, Nachtschicht und Familie hin- und herjongliert. Mühsame Alltäglichkeiten im Leben einer berufstätigen Frau: Der Berliner Filmregisseur Ulrich Köhler hat sie in seinem zweiten Film „Montag kommen die Fenster“ genau beobachtet und gnadenlos vorgeführt. Der Ehemann Frieder, der hingebungsvoll im Flur die Fliesen verlegt, der Bruder, der Stress mit der Freundin hat und des Nachts unvermutet auf der Matte steht, Patienten, die auch abends noch nerven mit Fragen nach Nebenwirkungen von Medikamenten – das alles summiert sich, und am Ende hilft nur die Flucht.

Es sind die Orte der deutschen Provinz, die Ulrich Köhler sucht, schon in seinem Erstling, dem gefeierten Bundeswehr-Deserteur-Film „Bungalow“, und auch jetzt wieder in „Montag kommen die Fenster“. Seltsam eigentlich, dass das, was in der deutschen Kinolandschaft inzwischen unter „Berliner Schule“ firmiert, so gern in der Provinz spielt. Die Schönheiten von Kassel und Umgebung, ein Wochenendhaus mitten im Wald und ein unglaublich hässliches Hotel, eine Betonburg, eine Weltraumstation, die man per Seilbahn erreicht und die Köhler auch noch mit einer monströsen roten Schleife hat versehen lassen.

Hier in die Weltabgeschiedenheit flüchtet sich Nina und trifft in einer denkwürdigen Szene auf einen anderen Einzelgänger, einen abgehalfterten Tennisstar (geniale Nebenrolle für den Ex-Tennis-Champion Ilie Nastase), der gegen Bezahlung Turniere für reiche Manager spielt. Die beiden finden kurz zusammen, im anonymen Hotelzimmer, während draußen der Nebel wallt, man trinkt Champagner und leert dann doch lieber die Minibar, ein Kuss, mehr passiert nicht. Zu wenig für einen Neustart.

Das Unbehagen am eigenen Leben spricht bei Köhler aus jeder Szene, aus den kühlen, ruhigen Bildern von Kameramann Patrick Orth. Am deutlichsten ist das bei der Hauptfigur Nina, gespielt von der Theaterschauspielerin Isabelle Menke. Wie eine Somnambule geht sie durch den Film, gefangen im Panzer der Unzufriedenheit, ein verschlossenes Geschöpf, nicht unbedingt sympathisch. Kommunikation mit ihrem Mann findet nicht statt, auch keine Zärtlichkeit oder Nähe, erst recht kein Sex. Nicht, dass man sie auch nur einmal lachen sieht, oder entspannt und glücklich – dass Nina allein die Familie ernährt, lastet schwer auf der Beziehung. Wollte man den Film lesen als Beitrag zur Diskussion um Frauen und Beruf – es wäre keine ermutigende Diagnose.

In den Berliner Kinos fsk am Oranienplatz und Hackesche Höfe

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