Kultur : Menschen am Wasserloch

Herdentrieb: das merkwürdige Verhalten der Freizeitgesellschaft – und Massimo Vitalis Monumentalfotos

Lennart Laberenz
Ferien zum Ich. Der moderne Arbeitnehmer definiert sich immer weniger über seinen Beruf. Erst im Urlaub, glaubt er, findet er zu sich selbst. Foto: Vitali, Steidl Verlag
Ferien zum Ich. Der moderne Arbeitnehmer definiert sich immer weniger über seinen Beruf. Erst im Urlaub, glaubt er, findet er zu...

Der Begriff der Freizeit hat sich entscheidend gewandelt. Während Karl Marx sie noch miesepetrig als bloße „Reproduktion der Arbeitskraft“ betrachtete, herrscht heute ein positives Verständnis von Freizeit vor. Sie wird, so der Soziologe Horst W. Opaschowski, nicht mehr als Abwesenheit von Arbeit definiert, sondern als „Zeit, in der man für etwas frei ist“. Weniger als die Hälfte der von ihm befragten Berufstätigen gaben an, sich in der Freizeit vom Arbeitsstress erholen zu wollen. 72 Prozent wollen Spaß.

Tatsächlich definieren sich immer weniger Menschen über ihren Beruf. Auch wenn Angela Merkels Rüge des angeblich ausufernden Freizeitverhaltens der Griechen und Spanier natürlich ein indirektes Lob des protestantischen (und nordeuropäischen) Arbeitsethos war: Nur noch ein Drittel der Bundesbürger, stellte das Allensbacher Institut für Demoskopie fest, versteht Arbeit als das prägende Element seines Lebens. Stattdessen gaben 55 Prozent an, „in dem, was ich mit meiner Freizeit anfange“, das zentrale Bestimmungsmerkmal des eigenen Lebensstils zu finden. Kaum verwunderlich also, dass immer mehr Freizeit-Aktivitäten Sinn stiften sollen: als Abenteuer, Happening oder Fitness-Programm.

Der spätmoderne Freizeitler will sich verwirklichen. Während Beruf und Arbeitsleben Konformität erfordern, Disziplin und oft die Einhaltung von Kleidervorgaben, ist der Mensch erst nach Feierabend ganz bei sich. Hier beginnt die Suche nach der Freude, die am größten in den Ferien sein müsste. Sie treibt die Menschen in den Urlaub, auf die Berge oder an den Strand. Und seit fast 20 Jahren steht dort gelegentlich ein fast fünf Meter hohes Podest, von dem herunter ein dicklicher Italiener mit einer Großbildkamera die Urlaubenden fotografiert: Massimo Vitali.

Gewaltige Panoramen erblickt Vitali von dort oben, Freizeitbilder, die der Steidl-Verlag in zwei aufgeklappt beinahe ein Meter breiten, fast sechs Kilo schweren Bänden herausgebracht hat („Landscape with Figures/Natural Habitats“, 2 Bände im Schuber, 344 S., 145 €). Wimmelbilder sind es, auf denen die Menschen klein werden und es nur so rauscht vor lauter Strandposen und hellen Farben. Es sind Gegenbilder zu den Versprechen der Reiseveranstalter. Die bisweilen qualvolle Enge, die Vitali überblickt, die Ähnlichkeit der Personen, lässt weder Raum für Entspannung noch für vernünftige körperliche Ertüchtigung. Und wo Vitali einmal den Strand verlässt und eine Disko besucht, verraten die Gesichter eher Anstrengung denn Freude, die Gesten wirken hilflos, die Kleidung deplatziert.

Vitalis Kompositionen reichen oft bis hinter die Horizontlinie der Badegäste. Dort liegen in Dunst und Dämmerung gelegentlich noch die Stätten der industriellen Arbeit, eben jene, von denen die Urlauber im Vordergrund gerade kurzfristig befreit sind. Häufig zitiert die Bildsprache die Historiengemälde des 17. und 18. Jahrhunderts: Vitali möchte erforschen, „was von der Fantasie der idealisierten, arkadischen Landschaft übrig geblieben ist, wie sie sich durch den Gebrauch der Menschen heute verändert hat“.

Die Panoramen lassen sich noch weiter ergründen, wenn man zu Vitali die Naturfotografie mitdenkt. Auch hier nisten Schwärme auf Felsen, bewegen sich Tiere in Rudeln, reagieren auf Sonnenschein und Schattenwurf, suchen Wasserlöcher auf, balzen um die Schönste, schnattern auf offenem Gelände oder ziehen sich ins Unterholz zurück. So entpuppt sich der Fotograf als hintersinniger Anthropologe, der gerade in den Momenten, da der Mensch nicht den Formalitäten und Zwängen der Erwerbsarbeit unterworfen ist, quasi natürliche Verhaltensweisen entdeckt. Dies versteckt Vitali subtil in der Anordnung der Bilderstrecken. Auf wenigen Seiten springen wir von Kroatien über die Türkei, die USA und Italien an den Wolfgangsee – und sehen kaum Unterschiede. Vielmehr sucht und findet Vitali derart intensive Kontinuitäten in Farben, Stimmungen, menschlichem Verhalten, dass erst das Inhaltsverzeichnis aufklärt, dass zwischen den einzelnen Orten Kultur- und Klimazonen liegen.

Massimo Vitali hat lange als Fotoreporter und Kameramann gearbeitet, bevor er sich der Kunst zuwendete. Er selbst beschreibt es als Abkehr von der dramatischen Bildsprache, vom Nachrichtenwert. Ihn interessiert jetzt das Universum kleiner Begebenheiten. Die Familie am Strand, das Werben um zwei Bikinischönheiten, der mühsame Versuch, einen Moment allein zu sein, einen Ausschnitt der Landschaft kurz für sich zu haben. „Auch wenn für mich eine Person wichtiger ist“, schreibt er, „so muss sie immer im Kontext anderer Dinge stehen, die gerade passieren. Ich reagiere damit auch auf die Art des Fotografierens, die wir sonst gewohnt sind: mit etwas Schockierendem oder sehr Wichtigem im Mittelpunkt. Die vielen Jahre als Fotoreporter haben mich gelehrt, dass das nicht stimmt“.

„Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus“, hat Jürgen Habermas Mitte der achtziger Jahre geschrieben. Der Blick auf unser Urlaubsverhalten attackiert gleich mehrere Utopien: Vitali zeigt, dass der moderne Mensch, einmal in den Urlaub und zu sich selbst entlassen, gerade dort etwas Kümmerliches hat, wo er sich ausleben könnte. Er zeigt, wie gleich sich die Menschen sind, wo sie sich frei bewegen könnten. Diese Wüste des Banalen freilich hat Vitali zu fantastischen Bildern verdichtet.

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