Kultur : Menschen. Ansichten

Michaela Nolte

Mystikern galten teilbare Zahlen als unvollkommen; die Macher von Kunstmessen scheint dagegen die Zahl 10 zur Rundumerneuerung anzustacheln. Nachdem die Art Frankfurt zum Jubiläum 1999 mit den "New Attitudes" reüssierten, gibt sich nun auch der Kunstmarkt Dresden ein neues Profil. 1992 als Grafikmesse Sachsen begründet, öffnet sich die einzige Kunstmesse in den neuen Bundesländern nun für das Gesamtspektrum der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Dabei wurde das anything goes von Seiten der rund sechzig Aussteller eher verhalten angenommen. Neuen Schwung bringt allerdings der von der Messe wohl konzipierte Fotografie-Fokus, während den naturgemäßen Schwerpunkt die Kunst ostdeutscher Provenienz bildet.

Der geringe Experimentiergeist lässt das Gesamtbild jedoch homogen erscheinen und bewahrt vor Beliebigkeit. Einige der angestammten Galerien wie Hieronymus (Dresden) und Walter Bischoff (Stuttgart / Berlin) ergänzen schlicht bewährte Maler mit Bildhauern oder Fotografen. Die Berliner Galerie refugium präsentiert eine konzentrierte Einzelschau von Werner Stötzer mit Skulpturen zwischen 3500 und 8000 Euro, flankiert von Dresdener Freunden wie Hermann Glöckner, Curt Querner oder Hans-Theo Richter. Im Bereich der klassischen Moderne setzt Dreiseitel auf Papier und bietet exquisite Grafiken von Wilhelm Lehmbruck bis Max Ernst sowie ein Pastell Max Liebermanns von 1912 (Preis auf Anfrage). Koch aus Hannover wartet neben einem Aquarell von Lyonel Feininger (35 000 Euro) mit einer "Kussgruppe" von Ernst Barlach zu 22 500 Euro auf.

Für den "Foto-Distrikt" konnten mit Storms aus München und den Düsseldorfern Bugdahn und Kaimer international agierende Galerien nach Sachsen gelockt werden. Mit Michael Wesely setzt Walter Storms auf Nummer sicher und konnte gleich am Vernissage-Abend einen der wenigen roten Punkte verbuchen. Unter den zehn ausgewählten Fotografie-Präsentationen waren lediglich zwei Galerien aus dem ostdeutschen Raum vertreten. Dafür präsentierten Jörk Rothamel aus Erfurt mit Hans-Christian Schink und Kleindienst aus Leipzig mit Erasmus Schröter zwei Shooting-Stars der ostdeutschen Szene. Auch sonst ist die Fotografie-Auswahl auf weitgehend hohem Niveau: von der Schwarzweiß-Fotografie - Ulrich Wüst bei ART Scheel und Ingolf Timpner bei Bugdahn und Kaimer - über eine eindringlich unterkühlte Farbserie von Stefanie Schneider (Zink / München)und Stefan Rohners skurrile Performance-Stills im Geiste von Fischli & Weiss (APC / Fribourg) bis zu herausragenden fotografischen "Bildhauer-Skizzen" von Maik und Dirk Löbbert (Carol Johnsson).

Doch nicht nur unter den Ausstellern gilt es neue Positionen zu gewinnen. Allem voran versucht das Messe-Team um Anita Kaegi, das Bewusstsein der traditionsverhafteten Dresdener für das Zeitgenössische zu schärfen. Die Sonderschau "Menschen. Ansichten" stützt dieses Ansinnen mit einer beeindruckenden Auswahl an Fotografien aus Dresdener Sammlungsbeständen. Akribisch hat Kurator Andreas Krase wahre Schätze aus Institutionen vom Kupferstich-Kabinett bis zum Hygiene-Museum gehoben, die eine aus dem Blickfeld geratene Tradition jenseits der "Brücke" präsentieren. Auf die Spuren der privaten Sammler führen eigens organisierte Touren. Björn Engholm gab zur Eröffnung einen zusätzlichen Motivationsschub mit einem fulminanten Plädoyer für eine neue Kultur des Sammelns. Ob die rund 1000 Vernissage-Gäste sein Motto "Kunst-Portfolios statt Aktien-Portefeuilles" beherzigen? Dem ambitionierten Dresdener Kunstmarkt wäre eine Konsolidierung zu wünschen.

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