Kultur : Menschen hinter Milchglas

Inseln der Ruhe: Wie die Fotografin Donata Wenders im Fremden sich selbst sucht

Constanze Weiske

Ein kleines Café in einer ruhigen Seitenstraße von Berlin-Mitte. Donata Wenders hat einen Sitzplatz an der durchgängig verglasten Fensterfront gewählt. Von da aus kann sie auf die Sophienkirche blicken. Glaube spielt im bewegten Leben der überzeugten Christin ohne Konfession eine große Rolle, sagt sie, während sie ihren Tee rührt. Er gibt ihr Kraft im täglichen Kampf mit ihren starken Selbstzweifeln. „Wenn ich mir klarmache, dass ich geliebt bin von Gott, kann ich anders an den Tag herangehen, als wenn ich aufstehe und schon wieder denke: Was leiste ich denn, was kann ich denn?“

Die 41-Jährige trägt ein dunkelblaues Strickkleid, darunter eine transparente feine Bluse. Ihr glattes, blondes Haar hat sie mit einer großen bunt-gestickten Kunstblume verziert. Sie sitzt sehr gerade. Ab und zu stützt sie den Kopf auf ihre Ellenbogen, kontrolliert. Wenn sie lächelt, strahlen die rosa geschminkten Lippen heller als ihre Augen.

„Ich glaube, dass ich meine fröhliche Seite sehr stark auslebe, aber das Andere liegt in mir drinnen und das ist das, was ich in den Bildern suche“, sagt die Frau, deren Schwarzweiß-Aufnahmen von einer düsteren, schwer zu ergründenden Melancholie getränkt sind. Sie haben keine Farben, die Welt löst sich auf wie hinter einer Milchglasscheibe, verwandelt sich in ein Schattenreich, das Lichtgestalten wie Milla Jovovich, Andie MacDowell, Jessica Lange oder Pina Bausch eher als Traumfiguren bevölkern. So versammelt ihr gerade erschienener Fotoband „Islands of Silence“ vor allem Menschen in Momenten tiefster Stille und Einsamkeit. Zu schnelllebig sei unser Alltag geworden, meint Wenders. Kaum Zeit bliebe für Momente, in denen die Menschen bei sich und in sich ruhend sind. Das erste Bild ihres Buches zeigt die Silhouette eines Vogels, der im Käfig sitzt. Hinter den Stäben liegt eine diffuse und obskure Welt.

Ein ruheloses Leben ohne Rhythmus führt auch Donata Wenders. Die meiste Zeit verbringt die gebürtige Berlinerin als Weggefährtin ihres Mannes, des Filmregisseurs Wim Wenders. Mit ihm reist sie zu den Drehorten oder pendelt zwischen beiden Wohnsitzen in Berlin und Los Angeles hin und her. Ihr eigener rastloser Lebensstil nährt den Wunsch nach Momenten innerer Harmonie.

Was sie bei sich selbst nicht findet, versucht Wenders in ihren Porträts zu stillen. „Ich bin jemand, der sich ganz schnell in den anderen Menschen hineinversetzt und sich dabei verliert“, sagt die Nomadin über ihr Innenleben. „Ich vergesse dann, was ich eigentlich denke, fühle und möchte und wo ich jetzt gerne wäre.“ So liegt eine Traurigkeit in den Wenders’schen Porträts. Sie erzählt von dem Verlust, den diese Selbstvergessenheit immer auch bedeutet und der so berühmte und charakterstarke Frauen wie die Schriftstellerin Siri Hustvedt oder „Buena Vista“-Sängerin Omara Portuondo erfassen kann.

Sie bewundere diese Menschen, gibt Donata Wenders offen zu. Aber in dem Bemühen, den natürlichen Kern der Persona ausfindig zu machen, entziehen sich ihr die Porträtierten ins Grobkörnige und verschleiern ihre Züge. Die Schauspielerin Milla Jovovich, deren Fotos bei den Dreharbeiten zu dem Wenders-Film „A Million Dollar Hotel“ entstanden, erscheint wie auf einem Richter-Gemälde in mildem, entrücktem Licht, mehr eine Büste als ein Gesicht. Unbefangener wirkt, wie Andie MacDowell sich der Kamera zeigt. Verwischt und weich fügen sich ihre Umrisse ins Ungefähre des Hintergrunds. „Die zarte Andie McDowell in ihrem Wesenhaften, also nicht in ihrem Posieren, konnte ich wirklich nur in der Unschärfe finden“, rechtfertigt Wenders ihre Methode.

Bezeichnend für die Arbeit der fotografischen Autodidaktin ist ihre Verwendung des Lichts, durch das sie, wie in Filmszenen, die Kernaussagen des Bildes herausarbeiten will. Eine Folge ihrer Prägung durch die „Cinematographie“, wie sie es nennt. Seit ihrem Schulabschluss bewegt sich Donata Wenders im filmischen Umfeld. Nach einem einjährigen Studium am FU-Filmreferat sammelte sie Kameraerfahrungen an der Stuttgarter Theaterschule, für die sie Studenten bei den Proben filmte. Beeindruckt vom Wenders-Film „Himmel über Berlin“ kehrte sie kurze Zeit später in ihre Geburtsstadt zurück, wo sie als Kamerafrau und Cutterin assistierte. Am Set lernte die damals 27-Jährige dann auch Wim Wenders kennen, der gerade den „Himmel über Berlin“-Nachfolgefilm „In weiter Ferne, so nah“ drehte.

Ein Jahr später heirateten sie und Donata Wenders wechselte vom Film zur Fotografie. „Mir war dann klar, wenn ich jetzt weiter versuchen würde, als Kamerafrau zu arbeiten und er natürlich weiter seine Filme macht, dann würden wir uns nie sehen oder vielleicht Weihnachten einmal.“ Deshalb suchte sie nach einer Tätigkeit, die sich mit dem mobilen Leben ihres Mannes vereinbaren ließ. Da war die Fotografie die „perfekte Sache“. Und sie fügt hinzu: „Wenn ich jemanden geliebt habe, dann dachte ich immer, dass ich dem Mann folgen müsste“. In ihrem Fotoband ist an zentraler Stelle das Bild eines Paares zu sehen, das mit Taschen bepackt einen Strand verlässt. Die Frau folgt dem Mann, sie blickt nach unten, da das Gehen im Sand beschwerlich ist.

Durch die Fensterscheibe hindurch beobachtet Donata Wenders die gelbgrün leuchtenden Laubbäume, die im Wind schwanken. Es wirkt, als wolle sie nach draußen in die Natur, doch ist etwas zwischen ihr und dieser Lebendigkeit. Die Glaswand versperrt ihr den Weg.

Donata, Islands of Silence ist im Prestel-Verlag erschienen, 128 Seiten, 49,95 €.

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