Kultur : Menschen in Motels

Im Kino: James Mangolds Horrorfilm „Identity“

Kerstin Decker

Der Titel täuscht. Es geht bei James Mangolds Film „Identität“ keineswegs um seelenforschende Fragen der Form: Wer bin ich? Obwohl das von Mangold („Copland“) auch keiner erwartet. Ich bin natürlich viele. Und diese postmoderne Einsicht hat durchaus ihre kriminelle Seite. Auch das Tempo ist ein ganz anderes als in herkömmlichen Wer-bin-ich-Filmen. Nichts ist hier therapeutisch. Und die Lautstärke erst. Es regnet, stürmt, explodiert, schießt und kracht fast neunzig Minuten lang. Normalerweise gibt es in Filmen wie diesen ein paar elegische Passagen zur Erholung für den Zuschauer, aber das geht hier nicht. Mangold ist gewissermaßen der Logiker unter den Horrorfilmern. Mit der Folgerichtigkeit eines Abzählreims wird in „Identität“ die Zufallsgesellschaft, die sich auf der Flucht vor dem Unwetter in dieses eindrucksvoll versiffte Motel gerettet hat, minimiert.

Da ist ein Callgirl, eine etwas biedere Familie mit ebensolchem Oberhaupt, ein schwer neurotischer TV-Star mit Chauffeur, der im früheren Leben mal Polizist war (John Cusack). Dazu ein junges anders neurotisches Liebespaar sowie ein Polizist mitsamt Schwerverbrecher in Handschellen. Auch hier lautet die nur bedingt tröstliche Hauptbotschaft: Der Tod macht alle gleich. Wer Filme, aus denen man nicht mehr lernen kann, nicht mag, ist in „Identität“ falsch. Und es ist weiß Gott anstrengend, Zeuge zu sein, wie alle in dieser Menschenfalle ganz allmählich der Systematik ihrer Vernichtung innewerden. Und keine Ahnung haben, aus welcher Richtung die Gefahr kommt. Wir haben sie natürlich auch nicht. Nun gut, es ist immer wieder dasselbe und doch immer wieder neu. Wie eine Rechenaufgabe. Denn das ist der ganze Spaß solcher Logiker wie Mangold: andere sich verrechnen zu lassen. Schon der auch im Kino übertragbare Überlebensinstinkt bewirkt, dass man tatsächlich zu rechnen beginnt. Und nie die Lösung hat. Die Mangold-Lösung ist wirklich gut. Jeder Kritiker aber, der sie auch nur andeutungsweise verriete, verdient mindestens eine Nacht in Larrys Motel.

In Berlin in 22 Kinos, OV im CenemaxX Potsdamer Platz und im CineStar Sony Center

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