Kultur : Menschen, Tiere, RegressionenDer Zirkus „Libera mente“ bei den Berliner Festwochen

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Nicht nur aus fernen Ländern, auch aus fernen Zeiten kommen die Gastspiele der Festwochen. Obwohl es sich bei „i giganti“, den „Riesen“ der italienischen Theater-Zirkus-Compagie „libera mente“ um eine neue Produktion handelt, stammt sie ästhetisch aus den späten Siebzigern des letzten Jahrhunderts, als sich das Theater in den Zirkus und die Künste des Spektakels verliebte. Das ist lange her und hat im Remake, das die Italiener im Zirkuszelt auf dem Kreuzberger Mariannenplatz zeigen, den Charme des in aller Unschuld aus der Zeit Gefallenen. Die Schauspieler in der Zirkusarena geben liebenswerte Jahrmarktschreier oder naive Charmeure, die Zirkuseinlagen mit jonglierten Fackeln und geschwungenen Reifen sind hübsch anzusehen und von einer bunten Harmlosigkeit. Eine drastische Clownsnummer, in der ein Zahn mit Hilfe von Brecheisen, Vorschlaghammer und Eisenzange gezogen wird, bedient gutgelaunt und gekonnt die gröberen Humorbedürfnisse. Ein Pferd mit angeklebten Flügeln oder eine Schöne auf der Schaukel unter der Zirkuskoppel stehen für etwas nach Süßstoff schmeckende Schaureize: Menschen, Tiere, Regressionen.

Alle Klischees von Zirkusromantik und fahrendem Volk, von anarchischem Außenseitertum und einer kindlichen Phantastik der Träume, von denen in der Aufführung viel die Rede ist, stolpern hier gelegentlich in eine an Andre Hellers Kitschwelten erinnernde Kunstgewerblichkeit. Allein der immer wieder aufblitzende Charme und die vitale Spiellust der Schauspieler retten den Zuschauer über den Abend. Mit Luigi Pirandellos letztem Theaterstück „Die Riesen vom Berge“, das dem Spektakel als frei verwendete Vorlage dient, hat das lediglich in groben Handlungselementen und dem Figurentableau zu tun. Der Eindruck einer gewissen Tristesse der Veranstaltung, zu dem die schwer mit Dieselabgasen angereicherte Luft im Zelt das ihre betrug, wurde von dennur mäßig gefüllten Publikumstribünen und den zahlreichen, im Lauf der Vorstellung zügig abwandernden Zuschauern nicht unbedingt gemildert. Peter Laudenbach

„I giganti“, bis 15. September, täglich um 20 Uhr im Zelt auf dem Mariannenplatz

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