Kultur : Menschen zum Beispiel fühlen falsch

Wer will denn Schauspieler mit Down Syndrom? Vom schwierigen Umgang der Gesellschaft mit ihren Behinderten

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Von Inka Lehmann

Haben Behinderte in unserer Gesellschaft einen Platz? Politisch korrekt muss die Antwort „ja“ lauten. Wir haben die Paralympics, Behindertenkunst und gerade wieder eine Gesetzesnovelle, die Behinderten unbehinderten Zutritt zu öffentlichen Institutionen gewährleisten soll; es gibt Bobby als preisgekrönten Fernsehliebling und die TV-Lotterie, die von der „Aktion sorgenfrei“ inzwischen zur gänzlich entsorgten „Aktion Mensch“ geworden ist; im Berliner Martin-Gropius-Bau, wo einerseits die Körper-, Kunst-und Bau-Ideale der griechischen Klassik präsentiert wurden, lief in diesem Jahr zeitgleich die um Behinderung, Ideologie, Alltag und Biotechnologie kreisende Ausstellung „Der (im)perfekte Mensch“. Bereits 1991 hatte Bundespräsident Richard von Weizsäcker gesagt: „Es ist normal, verschieden zu sein.“

Das Stammeln der Barbaren

So einsehbar dieser Satz ist, so weit ist es vom Gedanken zur Realität ; dabei ist der Interessenskonflikt zwischen „Normalen“ und Abweichenden nicht mal das größte Problem. Heikler ist, dass auch in der angeblich vorurteilsfreien, liberalen Gesellschaft die Schwierigkeit im gemeinsamen Umgang nicht offengelegt wird. Nichtbehinderte wollen möglichst wenig auffallen, fühlen sich darum moralisch unter Druck, ihre Ansprüche politisch korrekt zu verbergen. Integrationsbewegungen wiederum neigen zu der Forderung, dass sich aufgeklärte Bürger garantiert unbefangen, nichtdiskriminierend zu verhalten haben. So wird verhindert, dass jeder zunächst mal sagen darf, wie ihm ums Herz ist.

Politisch nicht korrekt zu sein, hat seine Tücken. Der vom Bürgerschreck zum Bundesverdienstkreuzträger avancierte Regisseur Peter Zadek, auf seine tabubrechenden Inszenierungen der 60er, 70er Jahre und die heutige, vermeintlich schrankenlose Tabufreiheit angsprochen, kontert entschieden: „Versuchen Sie doch mal, in Deutschland heute etwas gegen einen Schwarzen zu sagen. Oder gegen einen Juden.“ Oder gegen einen Behinderten, ließe sich hinzufügen.

Die Ausstellung „Der (im)perfekte Mensch“ versuchte viel Lobenswertes beizutragen zur Relativierung unserer Vorstellungen von Normalität und Perfektion – und zum Verständnis der unterschiedlichen Lebenswelten Behinderter. Auf die „real existierende“ Beziehung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten aber ging sie wenig ein. Wo sie es tut, so oft in Beschwörungen, wie das Verhältnis zu sein habe. Beschwörungen aber fördern wieder Tabuisierungen. Tabus sind, neben Scham- und Anstandsgrenzen, auch Denkverbote. Sie werden leicht unterschätzt, denn sie setzen scheinbar harmlos bei der Wortwahl an, bei Worten, die man nicht mehr sagen mag, oder solchen, die man nicht verwenden darf. Schon beim Aussprechen des Wörtchens „normal“ schaudert es den Empfindsamen. Nicht, weil er erklären müsste, was das ist, sondern weil er es, angesichts einer nationalsozialistischen Vorgeschichte, die das Abnorme und „Entartete“ zum Auslöschen bestimmt hatte, überhaupt in den Mund nimmt.

Adäquat von Behinderten zu reden, ist fast unmöglich. Diskriminierung steht (glücklicherweise) unter Kuratel, auch sprachlich. So gibt es kein Irrenhaus mehr, keine Krüppel - andererseits aber die 1981 gegründete „Krüppelbewegung“, die das Schimpfwort umdreht und sich, ähnlich wie die Schwulen, selbstbewusst damit identifizierte.

Statt „Für Schwerbeschädigte mit amtlichem Ausweis“ finden sich in Bussen heute Symbole eines Strichmännchens im Rollstuhl. Man sagt „Down Syndrom“, nicht „mongoloid“, um die Mongolen nicht zu diskriminieren. Taubstumm ist durch gehörlos ersetzt, weil Menschen, die nicht hören, deswegen nicht stumm sind. In Amerika, dem Vorreiter der „political correctness“, spricht man nicht von „disabled“ sondern von „differently abled people“. Klingt freundlich; ist es ehrlich? Der Euphemismus versucht, Berhinderung als nicht näher bezeichnete Unterschiedlichkeit der Befähigung einfach wegzureden.

Absurd erscheint auch die Umbenennung der „Aktion Sorgenkind“ in „Aktion Mensch“. 1964 infolge des Contergan-Skandals gegründet, stand die Gesellschaft nun im Verdacht der Diskriminierung, weil Behinderte schließlich nicht als Verursacher von Sorgen gelten wollen. „Aktion Selbstbestimmt“ stand zur Debatte. Man entschied sich für „Aktion Mensch“, weil, so der Vorsitzende und damalige ZDF-Intendant Dieter Stolte, die meisten „mit dem Begriff Mensch etwas sehr Positives verbinden“. Warum aber sollte jemand eine „Aktion Mensch“ eher unterstützen als seinen Nachbarn? Statt zur Selbstbestimmung führt der ins Unbestimmte. Die Grenzen zwischen Denkkorrektur und Denkzensur sind fließend. Ja, diese Gesellschaft hat schon in der Sprache ein Problem im Umgang mit Behinderten; durch das Diktum, es nicht haben zu dürfen, wird es nicht aus der Welt geschafft.

Nicht nur das Denken, auch das Gefühl wird zensiert. „Mitleid“ beispielsweise ist ein gänzlich aus der Mode gekommenes Wort. Es impliziert das verkitschte Gemüt des Sprechenden und die Diskriminierung des Gemeinten. Vor gut 2000 Jahren definierte Aristoteles Mitleid und Furcht als Grundlage der Tragödie. Mitleid, sagt er, entsteht, wenn ein Mensch, der es nicht verdient, ins Unglück gerät, Furcht, wenn er uns ähnlich ist. Verblüffenderweise beschreibt der Philosoph damit auch das Empfinden gegenüber Behinderten. In seiner „Poetik“ geht es um Literatur, nicht um Leben, aber auch um Kultur. In der Kunst ist die Nähe von Genie und Wahnsinn akzeptiert (das teuerste Bild der Welt, die „Sonnenblumen“, stammt von dem „verrückten“ Maler van Gogh).

Die Literatur hat körperliche oder geistige Behinderungen auf vielfältige Weise verarbeitet, als das gefürchtete Böse, das Tragische oder das Mitleid-Erweckende. Im 20. Jahrhundert auch als das Gesellschaftskritische. 1922 öffnete der Heidelberger Psychiater Hans Prinzhorn mit dem Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ seinen Patienten die Tore zur bildenden Kunst, in den letzten 30 Jahren eroberten Behinderte sich die Theater, ihr wohl schwierigstes Terrain: Hier trifft der auf der Straße gebräuchliche Satz „Da schaut man nicht hin!“ in den Raum des Hinschauens schlechthin. Jüngster Skandal-Fall ist der Versuch des Schweizer Regisseurs Stefan Bachmann, in Kopenhagen die Ophelia im „Hamlet“ mit einer jungen Frau mit Dow Syndrom zu besetzen (Tsp. 5. und 6. 8.).

Es gibt längst Theater, da treten Behinderte auf: nicht vermittelt durch Bilder, sich verstellende Schauspieler oder verborgen hinter einem Notenpult. Hier kann der Zuschauer dem Hinschauen nicht ausweichen. Das Fernsehen, das den Menschen nicht körperlich zeigt, hat es da leichter, sogar einen behinderten Star zu schaffen: Bobby alias Rolf Bredelow, ein 36jähriger Mann mit Down Syndrom, ist durch den Film „Liebe und weitere Katastrophen“ mit Senta Berger der Nation bekannt geworden, und wird inzwischen auch in Serien wie „Klinikum Berlin Mitte“ oder „Für alle Fälle Stefanie“ gefeiert. Das Fernsehen, das stärker als die Bühne auf das Gemüt setzt, entspricht damit einem Bedürfnis nach Rührung, das Kinofilme längst in prominenter Weise bedienen („Forrest Gump“, „Rain Main“ oder der jüngste Oscar-Gewinner, „A Beautiful Mind“).

Dem gescholtenen Mitleid oder, politisch etwas korrekter, dem „Mitgefühl“ – das kein Leiden impliziert – wird im Kino freier Lauf gelassen, in der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist es verpönt. Wo aber nicht gedacht werden darf, was man denkt, noch gefühlt, was man fühlt, herrscht Verwirrung, auch der Eloquenteste beginnt zu stammeln. „Barbar“ – erinnert uns die Ausstellung des (Im)perfekten – ist im Griechischen einer, der der Sprache nicht mächtig ist.

Neben dem Individuum hat der Staat seinen Teil an der Entwicklung. Die deutsche Geschichte kennt nun gerade keine lange Tradition im Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten. Erst 1998 wurden die NS-Erbgesundheitsgesetze mit Wirkung für die Zukunft aufgehoben, nicht etwa aber rückwirkend, „als Unrechtsakte von Anfang an“, wie überlebende Opfer gefordert hatten. Doch es gibt Fortschritte. 1994 wurde der Satz, „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ ins Grundgesetz aufgenommen. Bei Stellenausschreibungen muss stehen, dass bei gleicher Qualifikation Frauen und Behinderte bevorzugt werden. (Bezeichnenderweise hat, wegen Benachteiligung, als erster ein nichtbehinderter Mann dagegen geklagt.) Seit 1996 müssen Betriebe mit mehr als 15 Mitarbeitern eine Ausgleichsabgabe entrichten, wenn sie keine Behinderten einstellen. Und am 28. Februar 2002 beschloss der Bundestag das Behindertengleichstellungsgesetz, das neben Erleichterungen für Blinde und Gehörlose bestimmt, alle öffentlichen Einrichtungen, auch Altbauten, mit behindertengerechten Zugängen zu versehen. Eine aufgrund der anfallenden Kosten nicht unumstrittene Entscheidung. Praktische Einsicht ist eben schwieriger als theoretische.

Aber bitte nicht im Garten!

Die Klage einer Familie, die in ihrem Hotel auf Mallorca mit einer Gruppe Behinderter im Speisesaal sitzen musste, ging durch die Presse. Das Gericht erkannte den Umstand als „Urlaubsfreuden mindernd“ an und entschied auf Schadensersatz . Ähnliche Beispiele finden sich in Gerichtsakten zuhauf. 1998 untersagte das Oberlandesgericht Köln den geistig Behinderten eines Heims, außerhalb festgelegter Stunden ihren Garten zu nutzen. Ihre unartikulierten Laute seien den Nachbarn nicht zumutbar. Gängigste Reaktion: Kann man verstehen! Ich möchte mir meinen sauer verdienten Urlaub auch nicht verderben lassen. Mich würde das in meinem Garten auch stören. Verständnis scheint den Betroffenen ins Recht zu setzen. Tatsächlich aber löst Verständnis den Konflikt nicht, es legt ihn offen.

In Berlin plant nun eine Behinderten-Einrichtung, aus dem Zentrum zurück in die Randzone zu ziehen, um dem Ärger mit den Nachbarn zu entgehen. Ein Alarmsignal. Konflikte und Bedürfnisse müssen auf den Tisch. Eine Gesellschaft, in der – Deutschland liegt da genau im europäischen Schnitt – zehn Prozent Behinderte leben, hat keine andere Wahl, als in beiderseitigem Interesse die Berührungsängste abzubauen. Diesen Umstand nicht zu akzeptieren hieße, wie der Flugtechniker in einem von Bert Brecht zitierten Witz zu sagen: „Tauben zum Beispiel fliegen falsch.“

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