Kultur : Menschenmusik und Sommergefühle

GÜNTHER HUESMANN

Mensch Leute, wie die Zeit vergeht. Ein Vierteljahrhundert ist das nun schon her, daß der Saxophonist und Klarinettist Willem Breuker die Gitterstäbe avantgardistischer Abstraktion hinter sich ließ, um seine "Menschenmusik" zu machen - ein vor Clownerien und burlesken Szenen torkelndes Stilgemisch, in dem die Grenzen zwischen Oper, Jazz, Film- und Zirkusmusik zu einem Lachen verschwimmen und sich alle Stile und Gattungen ironisch in den Armen liegen und bekabbeln. Natürlich ist das nicht neu, wenn Breuker heute Verdi und Morricone Polka tanzen läßt. Natürlich haben wir das alles schon mal erlebt, daß er Opernmelodien mit schrillen Improvisations-Graffitis besprüht. Und natürlich wissen wir, daß er Defilier-Märsche in rasende Bauerntänze kippen läßt und die Säulenheiligen des Jazz mit Sahnetorten aus trivialen Melodien bewirft.

Aber muß im Jazz immer alles neu sein? Niemand regt sich darüber auf, daß Woody Allen seine Filme über immer wieder dieselben Themen dreht. Warum sollte man es bei Breuker tun? Und deshalb stellt sich bei den Hofkonzerten am Sonnabend im Podewil (Beginn 20 Uhr) die spannende Frage: Wird Breuker wieder die Motorad-Nummer bringen auf der Klarinette? Wird er wieder das Mundstück zum Schein verschlucken und mit hochrot angelaufenenem Kopf zu köstlich komischen Free-Tiraden ansetzen? Zwar ist sein Kollektief alles andere als eine verschworene demokratische Gemeinschaft. Breuker regiert in ihm wie ein absolutistischer Sonnenkönig. Und doch ist es immer wieder ein Genuß zu erleben, wie dieses Orchester im Geschwindmarsch durch die Niederungen der Trivialmusik prescht und seine Humorpfeile auf alles abschießt, was sich in der Musik nur ansatzweise mit Ernst und Pathos bewegt.

Apropos Innovation: Breukers niederländische Kollegin Candy Dulfer trägt ihre Fön-Frisur neuerdings links gescheitelt. Zwar hat die Saxophonistin im melodischen Tete-a-tete mit Prince und Dave Stewart Erfolge gefeiert. In ihrem eigenen Fusion-Bands ist sie vom Image des weiblichen David-Sanborn-Klons jedoch kaum losgekommen. Vielleicht liegt es daran, daß sie Jazz-Rock spielt, eine Musik, die manche für faktisch tot erklären. Doch Dulfer lädt nicht mit Bienenstich und Kaffee zum Leichenschmaus, sondern ruft im Zeichen eines globalen Come together zu einer riesigen Tanz-Party. "Dance Extravaganza" nennt man das im Tränenpalast, wo sich am Freitag (Einlaß 20 Uhr) auf der Bühne 14 Musiker, Sänger, DJs und Steptänzer auf die Füße treten werden. Es ist doch so: wenn Jazz-Rock-Stars nichts wesentliches mehr einfällt, entdecken sie urplötzlich ihre Liebe für Ambient, House und Jungle. "Sich öffnen", nennen das die Promoter. Ich nenne es: Trittbrettfahrt.

Im A-Trane hat jemand wieder einmal eine glänzende Idee gehabt. Zu Beginn der Sommer-Saison will der Club nicht Durchlauferhitzer für einmalige Acts sein, sondern bietet jeweils eine Woche lang einigen ausgewählten Band ein regelmäßiges Podium. Fast genauso war es einst üblich, in den legendären amerikanischen Jazzclubs der fünfziger und sechziger Jahre. Das Konzept ist ebenso einfach wie schlüssig: Hier ist die Bühne. Seht zu, was ihr daraus macht. Der Jazzclub als Laboratorium, als Ideen-Werkstatt, in der sich etwas entwickeln kann. Den Anfang bei den "A-Trane-Sommergigs" (Dienstag bis Sonnabend, Beginn jeweils 22 Uhr) macht die Kapelle UFB um den amerikanischen Schlagzeuger Jerry Grannelli. Jene Berliner Band mit doppelt besetztem Gitarrenposten, die fulminante musikalische Streitgespräche über langsame, vom Rhythm&Blues kommende Shuffles zelebriert und zunehmend eine eigene Sprache findet.

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