Kultur : Menschenrechte: Würde hinter Gittern

Caroline Fetscher

Was mit den Häftlingen auf Guantanamo derzeit geschieht, stößt auch in den USA auf Kritik. Von allen Seiten beobachtbar sind die bisher 110 Männer von Al Qaida und Taliban untergebracht in "open air cells", wie die Navy sie beschönigend nennt. Während die Bewacher jede Bewegung der Gefangenen in "Camp X-Ray" verfolgen, sind diese selbst daran gehindert, von ihrer Umgebung viel wahrzunehmen. Manche erfuhren offenbar erst von den Besuchern des Internationalen Roten Kreuzes, die das Lager seit dem Wochenende in Augenschein nehmen, wo auf dem Globus sie sich überhaupt befinden. Ihre Kleidung ist signalfarben rot-orange, die Bärte wurden geschoren, auf den Ohren müssen sie einen Hörschutz tragen, der ironischerweise dem von Bodenpersonal auf Flughäfen gleicht.

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Eindeutig scheint, dass die "hochgefährlichen Männer", wie sie die US-Regierung offiziell nennt, sich in einer Art doppelter Hochsicherheitshaft befinden: Das Gefängnis selbst ist eine solche Anlage, aber auch Leib und Kleidung der Gefangenen werden verwendet, um sie in Isolation zu halten. Psychologen nennen solche Zustände "sensorische Deprivation": Das Abschneiden jeglicher Sinneserfahrung und Kommunikation mit der Außenwelt. "Spielen Sie nicht mit Menschenrechten herum und mit der Genfer Konvention zur Behandlung Kriegsgefangener", warnte die britische Parlamentarierin und Menschenrechtsbeauftragte Ann Clwyd die USA. Kanadas Vizepremier John Manley erklärte, er erwarte von den USA "einen Umgang mit den Gefangenen, der internationalen Standards entspricht."

Während Amerikas Verteidigungsminister Donald Rumsfeld auf einer Pressekonferenz erklärte, Menschenrechtsfragen in dieser Angelegenheit seien nicht sein "Gebiet", das "überlasse ich anderen", sind Vertreter von amnesty international und Human Rights Watch alarmiert. Jamie Fellner von Human Rights Watch ist empört über den laxen Umgang der US-Regierung mit Menschenrechten: "Offenbar ist dem Verteidigungsminister nicht bekannt, dass diese Häftlinge gemäß der Genfer Konvention behandelt werden müssen, die die USA unterzeichnet hat. Die Regierung kann sich nicht willkürlich Teile der Konvention aussuchen, die für sie gelten."

Kritisiert wird in der amerikanischen Presse vor allem die offenbar beabsichtigte Entwürdigung und Demütigung der Häftlinge. Für alle Gefangenen müsse zunächst die Unschuldsvermutung gelten, alle müssten menschenwürdig behandelt werden, ist der Tenor. Vor welchen Gerichten die Al-Qaida- und Taliban-Gefangenen sich schließlich verantworten sollen, ist noch unklar. Ein Vertreter von amnesty international in den USA erklärte am Wochenende, derzeit befänden sie sich "in legal limbo" - in einer rechtlichen Vorhölle. In der arabischen Welt, argumentieren auch Kritiker in der New York Times, werden diese Szenarios "überhaupt keinen guten Eindruck machen." Besucht man die offizielle Website des US-Marinestützpunktes Guantanamo Bay (www.nsgtmo.navy.mil) empfangen einen schöne Tropenbilder, man wähnt sich im Werbekatalog einer Reiseagentur - zu der nur die Zeile "The only US-Naval Base on Communist Soil" - auf kommunistischem Boden - nicht recht passt.

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