Kultur : Menschlein und Mächtchen

Wer war gleich noch dieser Stoiber? Von politischen Ämtern, Semmelknödeln und illegalen Babys

Moritz Rinke

Stoiber, Seehofer, Beckstein, Huber und kein Ende! Seit Wochen ist die Republik damit beschäftigt, wie ein Politiker in Bayern letztendlich beschließen muss, seine Ämter abzugeben. Die erste Woche war zu sehen, wie ein Mann auf Zementsäcken sitzt und auf ihnen auch bis 2013 weitersitzen will, falls es bis 2013 irgendwie nicht gehen sollte, dann jedenfalls bis 2008. Am Ende aber wenigstens noch bis Ende 2007, auf jeden Fall aber bis zum Sommer... Um den Mann mit den Zementsäcken stehen unruhige Figuren, die ihm vorne herum freundlich zuwinken, aber hinten herum alle schon die Finger am Betonmischer haben und auf die besetzten Säcke warten.

So, und jetzt stehen uns wahrscheinlich noch Wochen oder Monate bevor, in denen die Herren am Betonmischer alles in die Trommel werfen, was ihnen in die Hände kommt: illegale Babies, die Basis, die bayerische Verfassung, die christsoziale Kampfabstimmung, der Katholizismus, am Ende bestimmt der Papst, alles vermatscht mit Huber, Seehofer, Beckstein, Ramsauer, Stoibers alten Säcken und Kreuther Semmelknödeln.

Wer außerhalb Bayerns und der Basis sollte sich eigentlich für dieses irre, so weltlose und unrelevante Gematsche interessieren? Die Berliner Koalitionsstrategen? Die bayerischen Industrieexporteure? Uli Hoeneß? Nein, alle! Alle! Vielleicht ist das überall auf der Welt so, aber bei den Deutschen und dem Kampf ums Amt, da wird’s immer irgendwie hardcore, da hebt in der Öffentlichkeit oder bei denen, die sie herstellen, irgendetwas gewaltig ab.

Wenn’s um Ämter geht, ziehen Heerscharen von Reportern nach Wildbad Kreuth zur Klausurtagung der CSU, schlafen im Stehen, bringt das Fernsehen permanent Sondersendungen, so als sei in Bayern und im Rest der Welt nichts mehr, wie es einmal war. Behält er das Amt? Wie lange hat er noch das Amt? Wer will das Amt? Wer bekommt das Amt? Wer bekommt wann das Amt? Es scheint, als bekäme die gesamte deutsche Öffentlichkeit bei der Frage nach dem Amt Hormonschübe.

Stoibers seltsamer Satz, er wolle für das Amt 2008 noch einmal kandidieren, müsse aber nicht, mein Gott, das klingt ja wie aus dem Swingerclub: „Alles kann, nichts muss!“ Natürlich muss es! Dafür ist er doch im Club! Bekommt jemand in Deutschland ein Amt, gehen die Lichter an, kommt der Dienstwagen vorgefahren, setzen die Autoritäts-, Obrigkeits- und Omnipotenzmechanismen ein, und das Gefolge aus Anhang und Berichterstattern bildet Rudel, denen der Speichel läuft. Hast du in Deutschland ein hohes Amt, musst du dich um nichts mehr sorgen: Der Tagesablauf wird organisiert, was gewusst und gelesen werden muss, wird vorgelegt, alles was gesagt sein soll, wird vorgefasst. Man wird bewacht, bekocht, muss nicht mal mehr selbst einen Regenschirm halten. Man muss eigentlich nur das Amt bekleiden und was man dazu anzieht, wird einem meisten auch noch ausgesucht.

Man hat von Politikern gehört, die am Ende nicht mehr schreiben konnten! Und Helmut Kohl soll sogar einmal gegen eine Glastür gelaufen sein, weil sie sich nicht von alleine öffnete.

Am Ende, wenn einem die Macht genommen wird, wie jetzt bei Stoiber, bleibt meist nur noch die Unperson, auch in Demokratien. Unperson, weil natürlich der Mensch vor lauter Amt niemals gelten konnte und jetzt ohne Amt lebensunfähig wirkt. Unperson auch, weil sie das Amt mit Zement in sich hineinbetonieren wollte und zwangsläufig ohne Amt höchst grotesk und lächerlich wirkt, eben wie ein nackter Kaiser, dem man vom Hofe jagen muss. Stoiber soll dabei in Wildbad Kreuth sogar über einen Stuhl gestolpert sein.

Doch da, wo man ihn gerade noch vom Hofe jagte, da hat sich die Aufmerksamkeit des Rudels schon auf den möglichen Neuen im Amt gestürzt, denn einen Machtmenschen ohne Macht wirft man weg wie eine verfaulte Nuss.

Dabei wär’s so gut, sich diese Machtmenschen ohne Macht einmal länger anzusehen. Vielmehr, uns selbst dabei anzusehen, wie wir sie ansehen: eben als Unpersonen, als Hülsen ohne Kern, denen am Ende nicht mal mehr die Hülse bleibt. Mit dieser Armseligkeit von Restperson hat man sich also jahrelang beschäftigt? Hat man wie viel Fernsehzeit gewidmet mit wie viel Tausenden von „Ähs“? Diesen plötzlich so kleinen Menschen, die sich nun a.D.-Kärtchen drucken, als Tote weiter existieren und nur noch in Untersuchungsausschüssen wieder aufleben? Da kommt ja bei den Deutschen sogar Mitleid auf, ja, für Kohl gab es beim Parteispendenausschuss wirklich Mitleid, und sogar der „Spiegel“ empfand es jetzt für Stoiber bei der Vorstellung, er müsse in Wolfratshausen Rasen mähen!

So sehr also hängen alle wir am Amte, mit ganzer Seele. Und jetzt bekommt’s bald ein neuer. In diesem Fall wahrscheinlich ein 63-Jähriger für einen 65-Jährigen. Vermutlich macht das keinen Unterschied. Vermutlich ist es am Ende sowieso egal. Sobald sich das Amt über eine Person hinübergeschichtet hat, weiß man sowieso nicht mehr, wer da gewählt wurde, dann regiert das Amt von ganz allein. Der Amtsträger muss nur innen drin, unter der Schicht, den Zement anmischen und durch die Gucklöcher nach draußen die absurde Aufmerksamkeit genießen. Und die Hubers, Herrmanns, Ramsauers, Seehofers und illegalen Babys immer gut im Auge behalten.

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