Kultur : Menschliche Maßnahmen gegen die schiere Natur

Zwischen Oberbayern und Fehmarn: Deutsche Schriftsteller porträtieren „Deutsche Landschaften“

Rolf-Bernhard Essig

LITERATUR

Einer Landschaft kann man nicht „Bitte recht freundlich!“ zurufen. Sie hält nicht still; nicht einmal in der Erinnerung. Schon deshalb ist es unmöglich, mit einem Bild eine ganze Landschaft zu erfassen. Dies Unmögliche tut Therese Humboldt bereits mit dem Titelfoto für den Sammelband „Deutsche Landschaften“. Es dokumentiert ihre Absage an das Erwartbare und einen Blick für etwas, das mehr mit Evidenz als dem Typischen zu tun hat. Keine Burg am Rhein, kein tiefer Märchenwald, keine Fachwerkromantik; stattdessen sacht gestaffeltes Ackerland, das sich vierstufig in den Dunst auflöst. Im Hintergrund setzen die neblichte Eiche und ein Steinhügel einen leisen deutschen Akzent. Hier und auf den 30 weiteren Fotografien im Band frappiert Humboldts Genie, mit kompositorischer Klugheit und hellsichtiger Motivwahl Landschaften zu erschaffen.

Gleichwertig und eigenständig stehen die Schwarz-Weiß-Konterfeis der Landschaften jeweils neben den dreißig Texten, deren Autoren mit ähnlichen Problemen wie die Fotografin zu kämpfen hatten und sie oft ähnlich bravourös lösten. Mit Georg Kleins Essay über das Rheiderland beginnt die Deutschlandreise im Nordwesten, und sie endet mit Gustav Seibts Gedanken zu Oberbayerns „Landschaftsglutamat“. Fehmarn und dem „S-u-u-u-n-d“ singt Zsuzsa Bánk eine modulationsreiche Hymne, Hans Pleschinski findet in der Ost-Heide eine befreiende Leere, aber auch „Selbstmordgedanken“, Burkhard Spinnen preist die „genaue Mischung aus schierer Natur und menschlicher Maßnahme“ in der „Parklandschaft“ Münsters.

Ursprünglich entstanden alle Texte für eine Serie der „Süddeutschen Zeitung“, in der sich Autoren der „Physiognomie einer Landschaft, die sie gut kennen“, widmen sollten. Eine Aufgabe, der sich, wie der Herausgeber Thomas Steinfeld feststellt, keiner der Angesprochenen entzog. Damit widersprachen sie auch seiner nicht recht haltbaren These, im 20. Jahrhundert habe die deutsche Literatur im Zeichen der Stadt gestanden.

Man könnte hie und da an dem Projekt herummäkeln, weil Städte wie Stuttgart oder Sennestadt aufgenommen wurden, obwohl durchaus bedeutende Landschaften wie die Mecklenburgische Seenplatte, die Lausitz oder die Oberpfalz fehlen; auch die unvollständige Karte lässt zu wünschen übrig.

Aber der Band will ja keine Enzyklopädie sein, sondern ein Augenöffner. Und er ist es für die Autoren wie für die Leser, weil jeder Text seinen eigenen Weg geht. Mal folgt man mit Martin Mosebach einem Treidelpfad durchs Rheingau, mal der Pleßbach-Expedition von Stephan Maus im Ruhrgebiet. Industrielandschaften und -brachen durchstreifen Wolfgang Hilbig im Meuselwitzer Revier, Lutz Seiler in Ostthüringen und Ludwig Harig im Saarland.

Natürlich führen die Erkundungen, wenn sie wie bei Martin Walser oder Arnold Stadler in Geburtsregionen führen, auch immer tief in die eigene Vergangenheit. Emphatisches im Positiven wie im Negativen steckt in vielen Texten, dazu bemerkt man lustigerweise einen – wohl natürlichen – Hang zum Archaismus, zum Erdkundeunterricht und zum Bekenntnis: „Das ist die Landschaft, die mir vom Leben zum Lieben zugeteilt wurde“, schreibt Monika Maron über Vorpommern.

Alle Texte vermeiden Sentimentalität, Idyllik, Plattheiten. Sie versanden weder in Kulturpessimismus, noch verlieren sie sich in Topografie-Poesie. Die meisten greifen vielmehr bei grundsätzlich persönlicher Färbung weit aus ins Soziale, Politische, Anthropologische, Historische und Geologische, um, so Steinfeld, „das Naheliegende im doppelten Sinne“ und die Landschaft als „Träger kultureller Selbstverständigung“ zu fassen.

Der Leser wird an diese Deutschlandreise lange denken, weil sie gleichzeitig in die Tiefen der Landschaften hineinzieht und Fragen stellt, über die eine Diskussion gerade erst begonnen hat. Darunter ist die nach der deutschen Identität nicht die kleinste.

Deutsche Landschaften. Hg. von Thomas Steinfeld. Mit 31 Fotografien von Therese Humboldt. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2003. 343 S., 29,90 €.

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