Kultur : Menschliches Erbgut: Mit dem Genom auf Du und Ich

A. O. Heinlein

Ein Szenario, nicht allzufern in der Zukunft: Sie verspüren Hunger, werfen einen Blick in den Kühlschrank und wechseln angesichts der dort herrschenden Leere hinüber zum zentralen Haushaltscomputer. Sie wählen die Internetadresse Ihres Lieblingssupermarkts. Sobald die Verbindung steht, stecken Sie eine Chipkarte in den angeschlossenen Card-Reader. Auf der Chipkarte sind nicht etwa Ihre Bankverbindung oder die Kreditkartennummer gespeichert, sondern die Details Ihrer DNA-Sequenz. Daraufwählt die Software des Supermarkt-Servers vor allem die Nahrungsmittel aus, die biotechnisch auf Ihre molekularen Bedürfnisse zugeschnitten sind und dafür sorgen, dass Sie mit Aminosäuren, Fetten, Zuckern und Vitaminen optimal versorgt werden.

Eine Zukunftsvision. Unter physiologischen Gesichtspunkten macht sie sogar Sinn. Dennoch weckt die Vorstellung Misstrauen, dass man den eigenen genetischen Code in die Öffentlichkeit entlassen könnte (wie schwer tut man sich schon bei der Preisgabe der Kreditkartennummer!). Was ist es, das dieses Misstrauen schürt? Was ist die Essenz dessen, was da als Erbinformation in der spezifizierten Reihenfolge von Bausteinen offenbar wird - einer Anzahl von Bausteinen, die in der Größenordnung von gut sechs Milliarden ziemlich genau der Menge menschlicher Individuen entspricht, die heute auf der Erde leben? In zahllosen Beiträgen zum Fortgang des Humangenom-Projekts ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass die DNA-Sequenz gleichsam das "Buch der Menschheit" repräsentiere, dessen Kenntnis die Beantwortung der letzten Fragen unseres Daseins ermögliche. Die Metapher vom "gläsernen Menschen" ist nur eines der vielen Indizien für diese Auffassung. Und so lautet die Frage, ob das Genom wirklich ein Synonym für das Menschsein ist.

Eine frühe Variante des Problems wurde in den 60er und 70er Jahren deutlich, als die Entwicklungspsychologie über den Einfluss der Gene auf die Kindesentwicklung diskutierte und an Hand von Studien an eineiigen Zwillingen darüber stritt, ob Intelligenz ererbt oder anerziehbar sei. Gleich, welcher Hypothese man näher steht, hat sich nun doch die Annahme etabliert, dass am Genom als Ausgangspunkt menschlicher Existenz nicht zu rütteln ist.

Warum bin ich die Person, die ich morgens im Spiegel sehe? Könnte ich mit den gleichen Gedanken der Morgentoilette nachgehen, wenn ich andere Eltern gehabt hätte? Oder gibt mein Genom das Bewusstsein und Verhalten vor? Dies berührt wohl auch die Frage nach der Seele. Und vermutlich ist es kein Zufall, dass ein Pionier der Molekulargenetik, Max Delbrück, darauf hingewiesen hat, dass sich die Existenz eines "genetischen Programms" in Form der DNA-Sequenz mit dem philosophischen Konzept eines organisierenden Etwas bemerkenswert deckt. Aristoteles nannte dies das "eidos"; eine Bezeichnung, die heutzutage vielen nur als Name einer Software-Firma bekannt sein wird, die die Gestalt der Cyber-Ikone Lara Croft geschaffen hat. Die Idee einer unsichtbaren inhärenten Kraft, die Materie in einen definierbaren Organismus verwandeln kann, hat sich nicht nur bei Thomas von Aquin fortgesetzt, sondern seine Spuren auch in den Diskussionen zum Paragraphen 218 hinterlassen: so weit es um die Frage ging, wann ein menschlicher Embryo eine eigene Persönlichkeit erlangt. Kulturminister Nida-Rümelin hat daran kürzlich im Tagesspiegel erinnert und eine heftige Debatte entfacht.

Das Vorhandensein eines kompletten Genoms alleine reicht offenbar nicht aus, um ein Individuum zu definieren. Einem Neugeborenen gesteht man ohne Zögern alle Grundrechte zu, einer Keimzelle wie dem Spermium oder dem Ei jedoch nicht. Was ist der Unterschied? Ist es der physikalische Status des Genoms?

Keimzellen besitzen lediglich einen einfachen Chromosomensatz, und erst nach erfolgreicher Befruchtung vereinigen sich beide Sätze zum diploiden Satz, so dass der Embryo eine doppelte Genausstattung trägt - eine Hälfte von der Mutter und eine Hälfte vom Vater. Erlangt man deshalb bereits mit dem Zeitpunkt der Befruchtung seine persönliche Identität? Wenn man auf die oben genannten entwickungspsychologischen Studien über eineiige Zwillinge zurückblickt, beantwortet sich diese Frage (fast) von selbst. Jeder Zwilling hat eine eigene Lebensgeschichte, und wie man weiß, lassen sich die Individuen trotz ihrer genetischen Identität nicht nur von den engsten Verwandten auch phänotypisch unterscheiden.

Offenbar führt die Identität der Genome noch nicht zur Identität der Personen. Ein kleiner Trost für künftige Menschenklone? Gibt es also Konzepte, die die eherne Macht der genomischen Information zumindest erschüttern könnten? Eine kürzlich erschienene Forschungsarbeit hat Indizien dafür erbracht, dass auch bei höheren Säugern der Eintrittspunkt des Spermiums in das Ei einen Orientierungspunkt für die Anlage der zukünftigen Teilungs- und damit Körperachsen darstellt. Dieser Eintrittspunkt ist nirgendwo im Genom der Mutter oder des Vaters spezifiziert - ein zufälliges Ereignis also, ermöglicht zwar durch die Grundaustattung der interagierenden Spermien- und Eimembranen, aber dennoch nicht vorhersagbar. Auch nach der Befruchtung, während der Embryonalentwicklung, setzt sich diese Art der Musterbildung fort. Experimente unter Schwerelosigkeit haben gezeigt, dass die Lage des Embryos in Bezug auf die herrschende Schwerkraft die Achsen der frühen Zellteilungen bestimmen kann. Und da die physikalischen Grundgesetze auch für biologische Prozesse gelten, darf man davon ausgehen, dass sich quantenmechanische Prinzipien wie die Heisenbergsche Unschärferelation auch auf makromolekularem Niveau fortsetzen. Daher ist es kein Fehler, wenn man sich die gesamte Entwicklung eines Individuums, basierend auf der Umsetzung der genetischen Information, in solcher Weise vorstellt. Dies würde zumindest verhindern, dass man die Individualität des Einzelnen auf sein Genom reduziert. Vor allen entkäme man der Notwendigkeit, in den Sequenzdaten des Humangenom-Projekts Spuren der eigenen Identität zu suchen. Man wird sie nicht finden.

Leider vermitteln die Veröffentlichungen zu diesem Thema dem Laien den Eindruck, als gelte die ermittelte Sequenz für alle Menschen. Genau dies ist nicht der Fall. Die genetische Vielfalt innerhalb der menschlichen Population ist zu groß, um alle auftretenden Unterschiede überhaupt zu erfassen. Stattdessen hilft vielleicht die evolutionsbiologische Erkenntnis, dass alle Genome, die auf der Erde vorkommen, ständiger Veränderung unterworfen sind. Im evolutionären Zeitraffer ändern sich die Zusammensetzungen und Basensequenzen in faszinierender Geschwindigkeit. Es macht daher nicht allzuviel Sinn, der Bedeutung des Genoms für die Integrität der Spezies Mensch übermäßige Bedeutung beizumessen. Ansonsten müsste einem nämlich die Tatsache zu denken geben, dass Menschen- und Schimpansengenom zu 98,7 Prozent identisch sind. Hier wird deutlich, dass auch der Artbegriff nur wenig mit einer strengen Abgrenzung der einzelnen Genome zu tun hat. Diese Abgrenzung wird durch die Fähigkeit einer Gruppe von individuellen Organismen bestimmt, sich untereinander fortpflanzen zu können. Fast noch wichtiger ist, dass sich die entstehenden Nachkommen im sozialen Umfeld der Elternpopulationen zurechtfinden und akzeptiert werden. Es gehört darum mehr zur Artzugehörigkeit als der Besitz eines vergleichbaren Genoms.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Folgen die Kenntnis einer Variante des menschlichen Genoms für die Gesellschaft haben wird. Werden nackte Daten in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Wahrnehmung gestellt, wie es den Anschein hat? Man braucht nur an die Diskussion zu denken, die Peter Sloterdijk mit seinen Überlegungen zum gen-omoptimierten Menschenpark in Gang gesetzt hat (und damit das "genozentrische" Weltbild weiter etabliert hat). Werden Versicherungsgesellschaften nur noch Versicherungsnehmer akzeptieren, deren Sequenzen sich mit denen einer Mehrheit decken? Werden Individuen, deren Sequenzen an bestimmten Stellen von denen der Mehrheit abweicht, überhaupt noch geboren werden? Und wenn, wird man sich in Zukunft auf die Unzulänglichkeiten des eigenen Genoms auch im Alltag berufen? Wird man sich dann nicht mehr mit den Worten entschuldigen "Ich hatte eine Grippe!", sondern mit "Tut mir Leid, ich habe eine Punktmutation im Influenzavirus-Rezeptor-Gen"?

Heute wäre es die Aufgabe der Politik, eine breite Diskussion über diese Fragen zu initiieren. Leider beschränken sich die wenigen Ansätze bisher auf ökonomische Aspekte. Doch es geht um den neuen Ansatz eines biologisch-sozialen Weltbildes. Die Philosophie hat naturwissenschaftliche Fragen in der jüngsten Vergangenheit weitgehend der Physik, Chemie und Biologie überlassen. Die Naturwissenschaftler - und im hier diskutierten Zusammenhang vor allem die Biologen - haben die philosophischen und ethischen Implikationen ihrer Erkenntnisse freilich hinter die experimentellen Fragestellungen zurückgedrängt.

Es wäre sicherlich von Vorteil, wenn alle Anstrengungen unternommen würden, die verschiedenen Perspektiven und möglichen Antworten unter einem Dach zu vereinen. Bis dahin aber sind vor allem die wissenschaftlichen Laien darauf angewiesen, sich ihr eigenes, hoffentlich komplexes Bild zu machen. Das Tempo der wissenschaftlichen Neuentdeckungen wird sich weiter steigern, die Anforderungen an den gesellschaftlichen Diskurs werden dabei entsprechend wachsen. Und die Frage geht an jeden: "Are you ready?"

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