Kultur : Mentale Krieger

Embedded Art: Die Akademie der Künste zeigt Werke zum Sicherheitswahn

Kolja Reichert

Erstaunlich, wie schnell die Stimmung umschlägt. Lange stand politische Kunst im Verdacht der Agitation und kunstfeindlicher Zweckorientierung. Seit jedoch selbst die Apologeten des Neoliberalismus im Eingeständnis ihres Scheiterns betreten schweigen, wird Kritik wieder mainstreamfähig. Damit ist der Boden bereitet für eine lange geplante, bahnbrechende Ausstellung in der Akademie der Künste, die durch den Gaza-Krieg unverhofft an Aktualität gewonnen hat.

„Embedded Art – im Namen der Sicherheit“ greift den Topos des Kriegsjournalisten auf, der die gewünschten Frontbilder nach draußen sendet. Tatsächlich werden seit dem Ersten Weltkrieg auch Künstler eingesetzt, um neue Kriegsszenarien zu ersinnen. Etwa die mit der CIA kooperierende Science-Fiction-Autorin Janet Morris, die in einem ironisierenden Ölporträt von Moritz R® zur Gruselspinne wird. 41 Künstler wurden von der Kuratorengruppe BBM zu Recherchen in Kriegsgebieten und Sicherheitsfirmen geladen. Ihre Arbeiten widmen sich den düsteren Seiten neuer Technologien, die im Namen der Sicherheit nicht nur die Kriegsführung verändern, sondern auch das öffentliche Leben.

Bemerkenswert ist schon die Ausstellungsarchitektur: Ein Lastenaufzug senkt den Besucher in die Kellergeschosse der Akademie, eine bunkerhafte Atmosphäre, die zu Vassili Georgiadis’ Videos aus den berüchtigten Schmuggler-Tunneln der Hamas oder Jörg Möllers Fotodokumentationen rassistisch motivierter Polizeigewalt kaum Distanz wahren lässt. Der Londoner Street-Art-Künstler Peter Kennard greift in einer Collage das Phänomen des War Rooms auf, der Einsatzzentrale, aus der heute Kriege geleitet werden wie Computerspiele. Statt diskreter Bilder von Einsatzgebieten zeigen die Monitore schonungslose Ausblicke auf Kriegsfolgen.

Das Projekt, das sich gegen die „autoritären Sicherheitsstrategien der herrschenden politischen Eliten“ richtet, löst das Versprechen ein, das die Wahl Klaus Staecks zum Akademiepräsidenten darstellte: eine Hinwendung zu kritischer Kunst, die Stellung bezieht. Im März erhält die Ausstellung „Aesthetics of Terror“ des New Yorker Chelsea Art Museums in der Akademie Asyl. Was in den USA verhindert wurde, scheint am Pariser Platz, zwischen Botschaftsfestungen und Reichstag, gewünscht. „Wenn wir dafür kein Geld kriegen, machen wir eine Demonstration“, soll ein Vertreter des Hauptstadt-Kulturfonds gesagt haben. Kommt jetzt der Marsch der Institutionen?

Allgegenwärtig ist in der Ausstellung der Heilige Gral der Sicherheitsindustrien, die nichttödliche Waffe Taser. Sie steht für einen Paradigmenwechsel, eine gruselige Manifestation der von Michel Foucault schon 1975 postulierten Disziplinargesellschaft, in der Macht nicht mehr durch Tötung, sondern Normierung ausgeübt wird. Der Taser erlaubt es, etwa Demonstranten unter unvorstellbaren Schmerzen gezielt auszuschalten. Die öffentlichen Beteuerungen, in Deutschland käme diese Waffe nicht zum Einsatz, werden in einer Videoarbeit von Korpys/Löffler ad absurdum geführt, die den Gebrauch bei einer Schulung rheinland-pfälzischer Polizisten zeigt.

All diese Technologien lassen sich nicht in den ohnehin schlimmen Bereich der Kriegsführung verdrängen. Sie verändern unser aller Lebenswirklichkeit schleichend. „War Room“ heißen auch die Überwachungsbüros in Einkaufszentren, die Bücher von John B. Alexander, Vordenker nichttödlicher Waffen und Bundestagsberater, lesen auch Manager, die ihre Unternehmen optimieren wollen. „Mental Warfare“ heißt das im Business-Jargon. Wirtschaft und Kriegsführung, das zeigt diese Ausstellung, sind sich näher, als man wahrhaben möchte.

Das Beunruhigende sind nicht die neuartigen Strategien und Waffen. Es ist die ihnen zugrundeliegende technokratische Einstellung gegenüber Menschenleben: ein Verhältnis wie zu unbelebtem Material, das es zu formen gilt. Ein Verhältnis, das nur Ziele kennt, keinen Zweifel. Soldaten, die durch Wände gehen, Demonstranten, die ausgeschaltet werden wie Vieh – all das passiert wirklich und tritt einem hier zunächst als Farce entgegen, über die man nur lachend den Kopf schütteln kann. Erst wenn die Selbstverteidigungswaffe des Zynismus für einen Moment deaktiviert ist, spürt man, wovor sie schützt: ratlose Ohnmacht. Und Ekel.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, bis 22.3.; Di bis So 11–20 Uhr.

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