Kultur : Mentale Oasen

Martenstein entspannt sich mit Yoga-Hunden

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Dieter Kosslick macht zur Entspannung Yoga. In der heutigen deutschen Gesellschaft besitzt Yoga den gleichen Stellenwert wie Frühsport in der Epoche unserer Großeltern. Zu Beginn des Abends ging ich folglich in das angesagteste Yoga-Studio in Mitte, die „Mental-Oase“. Es wird von vielen Schauspielerinnen besucht. Außer Yoga bieten sie „Gehirnintegration“ an und „Die fünf Tibeter“. Die wichtigste Stellung hieß „Hund“. Nach jeder Übung sagte die Lehrerin: „Jetzt machen wir wieder den Hund.“ Ich habe einundzwanzig Mal den Hund gemacht. Es waren etwa 30 Yogaten oder Yoganer, wie immer es heißen mag, darunter außer mir nur ein einziger weiterer Mann. Wir haben einander im Umkleideraum so verwundert angeschaut wie zwei weiße Nashörner, die einander in der afrikanischen Steppe begegnen. Singlemänner sollten, wenn sie Frauen kennenlernen möchten, statt des Internets ruhig einmal ein Yogastudio ausprobieren.

Ich hatte gelesen, im Club „Goya“ sei immer was los. Es war aber Sonntag, da haben sie geschlossen. Durch die Scheibe konnte man leere Flaschen sehen, die auf dem Empfangstresen standen. Dann bin ich weiter in die Paris Bar. Der angeblich wichtigste Club und die angeblich wichtigste Bar des Berliner Westens stehen beide kurz vor der Pleite. Das ist traurig, as such. Ich habe mich in die „Le Bar du Paris Bar“ gesetzt. Zum Kellner sagte ich: „Ein Zigarillo wäre jetzt fein.“ Der Kellner antwortete: „Nein. Unsere Zigarillos sind viel zu trocken.“ Da kam der Chef an und meinte, nebenan in der Hauptbar seien die Zigarillos weniger trocken, der Kellner solle halt dort eins holen. Der Kellner sagte: „Nein. Das tue ich nicht.“ Dabei war die Bar völlig leer. Daraufhin hat der Chef ihn böse angekuckt und hat selber ein Zigarillo geholt. Es war trocken wie die fünf Zungen der fünf Tibeter nach Durchquerung der Wüste Gobi.

Ein paar Stunden später lief schon wieder der erste Morgenfilm. In dem Film wurde auf der Damentoilette eine Frau von einer anderen Frau mit der Klobürste vergewaltigt, der Film dauerte, in diesem Stil, drei Stunden. Mich hat weniger die Grausamkeit gestört – das Leben ist oft so grausam, dass die Filme kaum hinterherkommen – als vielmehr die Tatsache, dass es sich dabei um einen wenig glaubwürdigen Drehbucheinfall handelte, der nicht nötig gewesen wäre. Das nenne ich sinnlose Gewalt.

Ich dachte danach, heute kannst du keine Kolumne schreiben, das passt alles im Gehirn nicht zusammen. Ich brauche Gehirnintegration. Und plötzlich habe ich, zu meinem eigenen Erstaunen, den Hund gemacht.

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