"Menzels Soldaten" in der Alten Nationalgalerie : Tot im Heu

Die exzellente kleine Ausstellung „Menzels Soldaten“ in der Alten Nationalgalerie zeigt, wie sich der Zeichner schon früh jeder Heroisierung des Krieges verweigerte.

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Am 3. Juli 1866 trafen nahe der nordböhmischen Stadt Königgrätz die Heere Preußens und Österreichs aufeinander. Die für Preußen siegreiche und den Krieg entscheidende Schlacht forderte auf beiden Seiten zusammen mehr als 7500 Tote und etwa doppelt so viele Verletzte. Vom 19. bis zum 21. Juli reiste Adolph Menzel in das nördlich des Schlachtfelds gelegene Dorf Königinhof. Dort befand sich ein preußisches Feldlazarett, wo noch immer verwundete Soldaten starben. Mit Bleistift und Aquarellpinsel brachte der schon damals berühmte Berliner Maler zu Papier, was er sah: eine Suppenküche im Hof, Pflegerinnen in Ordenstracht, genesende und sterbende Krieger.

In einer zur Leichenkammer umfunktionierten Scheune entstanden am 21. Juli jene zwei Aquarelle, die dem Tod für König und Vaterland alle Heldenglorie nahmen. Auf dem bekannteren der beiden Blätter aus der Sammlung des Berliner Kupferstichkabinetts sieht man drei Tote achtlos im Heu abgelegt. Diagonal durchschneiden die ausgemergelten Körper den Bildraum, von einem zeigt Menzel nur Kopf und Brust, bei einem weiteren entblößt das hochgerutschte blutige Hemd das Geschlechtsteil. 50 Jahre vor den Zeichnungen von Otto Dix oder Ernst Ludwig Kirchner aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs wird hier wohl erstmals in der Kunstgeschichte das Leid von Gefallenen nicht nur schonungslos drastisch, sondern bar jeder symbolischen Überhöhung thematisiert.

„Menzels Soldaten – Bilder vom Krieg“ heißt die exzellente kleine Ausstellung, mit der das Kupferstichkabinett in der Alten Nationalgalerie gastiert – im Grafikkabinett direkt hinter der Menzelgalerie, wo die großen, populären Preußen- und Friedrich-Bilder des Meisters aus den 1850er Jahren hängen. Bis zum „Flötenkonzert“ und der „Schlacht von Leuthen“, das Menzel wenige Jahre vor Königgrätz unvollendet beiseitestellen musste, sind es nur wenige Schritte.

Drei grafische Konvolute hat Heinrich Schulze Altcappenberg, der Direktor des Kupferstichkabinetts, hier miteinander ins Gespräch gebracht: Neben den Königinhof-Blättern zeigt er Aquarelle und ein Skizzenbuch, in denen Menzel die Ankunft der ersten französischen Kriegsgefangenen in Berlin im Winter 1870/71 kommentiert – fernab jener Volksfeststimmung, von der zeitgenössische Zeitungsberichte schwärmen. Schließlich Menzels Bleistiftzeichnungen mumifizierter friderizianischer Offiziere, deren Särge 1873 in der Gruft der Berliner Garnisonkirche geöffnet wurden.

Ob in voller Generalsuniform wie der 1758 für Friedrich II. bei Hochkirch gefallene Feldmarschall James Keith oder im zerfetzten Hemd wie die anonymen Toten von Königgrätz: Diese Gefallenen sind keine Helden, sondern Menschen, denen das Wertvollste genommen wurde. In Menzels schockierend nüchterner Darstellungskunst leben sie fort.

Alte Nationalgalerie, bis 18. Januar

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