Kultur : Mephistos Erbe

Wie böse ist der Kapitalismus wirklich? Sloterdijk, Groys & Co. diskutieren in Karlsruhe

Marius Meller

Was hat man eigentlich davon, wenn man – wie Walter Benjamin in seinem gleichnamigen Fragment von 1921 – den Kapitalismus als Religion versteht? Wer eigene religiöse Ambitionen hat, für den bietet es sich an, den Kapitalismus als Irrglauben, als Wider-Religion auszuschließen. Die Händler müssen aus dem Tempel, und kein Reicher kommt ins Himmelreich.

Aber schon im berühmten jesuanischen Gleichnis vom Kamel und vom Nadelöhr deutet sich eine ökonomische Zwei-Reiche-Lehre an, die die Handelssphäre gegen das Seelenleben abgrenzt. Jedoch nicht im Sinne eines Exorzismus, sondern der Koexistenz: Reichtum und Seelenheil – das sind zwei Parallelwelten. Mit Kirchenvater Augustinus konnte diese Theologie zum politischen Modell werden. Ist man aber überzeugter Säkularer, wird man eher den Kapitalismus als Religion beschreiben, um seine überfällige Abschaffung zu fordern – oder seine restlose Verweltlichung.

„Der göttliche Kapitalismus“: Unter diesem Titel erkundete ein Kolloquium im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientheorie das Reizwort dieser Tage. Es ginge nicht darum, so Moderator Marc Jongen, die düstere Sicht der 68er auf den „satanischen Kapitalismus“ voreilig umzuwerten. Entscheidend sei die Analyse. Hochschuldirektor Peter Sloterdijk weist gleich zu Anfang auf einen brisanten Aspekt der globalisierten Welt hin: Er sieht in der aktuellen Situation Parallelen zu den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Die liberalen Demokratien seien aus Enttäuschung über den einst vergöttlichten Kapitalismus versucht, den liberalen durch einen autoritären Kapitalismus zu ersetzen. Sloterdijk sieht im Singapur Lee Kuan Yews seit den sechziger Jahren eine Art Testballon: ein Gesellschaftsmodell, in dem die Triade moderner Liberalismus, moderner Rationalismus und moderner Kapitalismus umgebaut wird. Das liberale, demokratische Standbein wird entfernt, und – oh Wunder – der autoritäre Kapitalismus lernt laufen. Mit diesem „singapurischen Virus“ haben sich Sloterdijk zufolge zuerst die Chinesen, dann die Russen, die Amerikaner und die Italiener angesteckt. Berlusconis Italien: die europäische Variante eines Totalitarismus mit lächelndem Antlitz. Nun gelte es, warnt der Philosoph eindringlich, die noch vorhandenen Freiheitspotenziale in Europa nachhaltig zu schützen.

Der Philosoph Boris Groys zeichnet in Karlsruhe hingegen ein kurzweilig düsteres Bild einer Gesellschaft, in der alle auf die Investition warten, die nie kommt – wie einst auf die Wiederkunft des Messias. So vergnüglich seine Überlegungen auch sind: Benjamin variieren sie kaum.

Thomas Macho markiert die skeptische Position und vollzieht die Wendung des Kapitalismusbegriffs ins Positive oder zumindest Neutrale, indem er verkündet: „Der göttliche Kapitalismus ist tot. Und das ist gut so.“ Der Kapitalismus als „heidnische Kultreligion“ sei nun zur Kultur geworden. Die Ware hat sich in Zeichen aufgelöst. Und Markenzeichen sind keine Mythen, sondern Zitate von Mythen. Der göttliche Kapitalismus war eine Phase gewesen – heute ist er, so Macho, unwiderruflich Kultur. Sloterdijks Szenario hält er allerdings für übertrieben. Die Zeiten sind härter geworden: Da sei der Liberalismus nun mal gefährdeter als in guten Tagen.

Peter Weibel findet gegen Macho und Sloterdijk zu einer aktualisierten Version des Benjamin’schen Denkprogramms zurück. Widerstand tue Not. Vor Kaufhausbränden ist zu warnen, stattdessen empfiehlt er: Windows löschen und lieber Linux verwenden. Der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch malt schließlich mit bunten Farben einen fröhlichen „satanistischen Kapitalismus“. In einer brillanten Auslegung von Goethes Mephisto und Kleists Dorfrichter Adam erläutert er, dass ein Satanismus, der seines bösen Zentrums beraubt ist, das produktive Prinzip verkörpert. Auch Mephisto war bei Goethe ja kein bad guy mehr. „Kapitalismus ist die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Die Karlsruher Philosophenschule wird gelegentlich des Feuilletonismus geziehen. An diesem Abend stellt sie ihre Fähigkeit zur präzisen Thesenbildung unter Beweis. So verteidigen Sloterdijk und Co. auf subtile Weise, was andernorts zum Gegenstand von Kampftheorien zu werden droht: die liberale Demokratie.

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