Meïr Shalevs Roman „Zwei Bärinnen“ : Fluch und Familie

Biblisches ohne Gott: der israelische Schriftsteller Meïr Shalev und sein Roman „Zwei Bärinnen“.

Jakob Hessing
Buchcover zu Meir Shalevs "Zwei Bärinnen". Foto: Verlag
Buchcover zu Meir Shalevs "Zwei Bärinnen".Foto: Verlag

Die Arbeit an seinem neuen Roman ist Meïr Shalev nicht leichtgefallen. Im hebräischen Original erschien er 2013, aber der Autor war jahrelang mit ihm beschäftigt. Erzählt wird er von der etwa 40-jährigen Ruta Tavori, die in einer landwirtschaftlichen Siedlung lebt, und Shalev hat mühsam nach einer Sprache gesucht, die er ihr geben wollte. Deshalb musste er das Manuskript beiseitelegen und zwei andere Bücher schreiben, bevor er es vollenden konnte.

Das erste hieß „Aller Anfang“ und war eine Studie biblischer Geschichten. Das zweite, „Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger“, war eine autobiografische Erzählung über die eigenen Vorfahren. Schreibübungen für den Roman, in dem er jetzt beides zusammenführt: eine jüdische Familiengeschichte aus dem Palästina vor der israelischen Staatsgründung, und eine biblische Erzählhaltung, in der die gnadenlosen Geschehnisse dieser Geschichte ihren adäquaten Ausdruck finden.

Im Buch über die eigene Familie hatte Shalev als Enkel über die Großmutter geschrieben, doch hier verkehrt er die Geschlechterrollen. Im Mittelpunkt steht der Großvater, Se’ev, und es ist die Enkelin, die sich an ihn erinnert. Ruta ist Lehrerin, sie unterrichtet Bibelkunde, und Meïr Shalev kennt das aus nächster Nähe. Auch sein Vater war ein in Israel sehr bekannter Bibellehrer, mit dem Sohn erwanderte er alle Orte, an denen die alten Geschichten spielten, und diese besondere Mischung – eine intime Kenntnis des Landes und seiner Mythen – kennzeichnet viele Werke Shalevs.

"Zwei Bärinnen": ein vorzüglich erzählter Abenteuerroman

Auf seiner Oberfläche ist „Zwei Bärinnen“ ein vorzüglich erzählter Abenteuerroman, der sich in Ruth Achlamas Deutsch sehr gut liest. Als er noch jung war, am Anfang seiner Ehe, hat Se’ev den Liebhaber seiner Frau umgebracht, und dem Mord ließ er eine zweite, noch grausamere Tat folgen. Nach unseren Normen war der Großvater ein Verbrecher, aber Se’ev (der Name bedeutet Wolf) ist eine Gestalt aus dem Mythos, und dort gelten unsere Normen nicht. Aufgewachsen ist er in Galiläa, im Norden des Landes, und als er auszieht, um eine neue Siedlung zu gründen, schickt sein Vater ihm das Nötige für den Anfang: einen „Wagen, den ein mächtiger Ochse zog, so hieß es immer, ein mächtiger Ochse, und ein Gewehr, eine Kuh, einen Baum, und eine Frau“.

Dies alles ist ihm zum Besitz gegeben, auch die Frau, die ihm aus der alten Heimat nachfolgt. Die biblischen Anklänge sind nicht zu überhören, doch es ist die Enkelin, die die Geschichte erzählt, und nicht grundlos vertauscht Meïr Shalev die Geschlechterrollen. In der Bibel waren es die Mütter, die lange nicht gebären konnten, und die Stammväter nahmen sich andere Frauen, Schwägerinnen und Mägde, um die Nachkommenschaft zu sichern. Hier aber ist es umgekehrt; in den ersten Jahren seiner Ehe ist Se’ev impotent, und die Großmutter nimmt sich einen Liebhaber.

Meïr Shalev gibt nicht vor, Gottes Wege zu kennen

Was den Männern des Mythos erlaubt war, bleibt den Frauen freilich verboten, und mit dem Gewehr, das der Vater ihm geschickt hat, erschießt Se’ev den Rivalen. Die patriarchalische Ordnung der Urzeit erscheint hier noch ungebrochen, aber Ruta Tavori erzählt keine biblische Geschichte mehr. Denn hinter allen schrecklichen Ereignissen, von denen die Bibel berichtet, bleibt immer der göttliche Heilsplan spürbar, Meïr Shalev aber ist ein säkularer Autor, der nicht vorgibt, Gottes Wege zu kennen. Im Gegenteil: Für ihn ist die Bibel ein durch und durch menschliches Buch, und oft nimmt er in seinem Werk darauf Bezug, um es vor dem politischen Missbrauch zu schützen, den die israelische Rechte damit treibt.

Ruta Tavori erzählt nicht von der Gnade Gottes, sondern von der Gnadenlosigkeit des Großvaters, nicht von einem Segen, sondern von dem Fluch, den er über die Familie gebracht hat. Und die Enkelin weiß, wovon sie spricht. Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen – in den 1930er Jahren, als der Großvater jung war, sowie in der Gegenwart – und schrittweise wird klar, weshalb die Enkelin das alles erzählt: Ruta selbst ist das Opfer dieser Familie geworden, der Fluch hat sie in ihrem eigenen Kern getroffen, und indem sie erzählt, befreit sie sich von einer Last, heilt sie eine Wunde, die diese Geschichte gerissen hat.

Mehr vielleicht als jeder andere Schriftsteller Israels macht Meïr Shalev die Bibel zu einem Urtext seines Werkes. Da er nicht gottgläubig ist, bietet das wenig Trost, aber auf eine unlösliche Weise verankert es die Menschen, die Shalev beschreibt, in ihrem Land.

In dem Wagen, der Se’evs Frau gebracht hatte, lag auch ein Basaltstein aus Galiläa, und der Vater trug ihm auf, er solle „ihn in etwa anderthalb Meter Höhe einbauen und nicht mit Putz abdecken. Damit ihr in Erinnerung behaltet, wer ihr seid und woher ihr stammt.“ Auch in den Häusern frommer Juden bleibt ein Stein der Zimmerwand unverputzt, er erinnert an die Zerstörung des Tempels. Die Menschen in Meïr Shalevs gottferner Welt sind der Erde näher.

Meïr Shalev: Zwei Bärinnen. Roman. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Diogenes Verlag, Zürich 2014. 457 S., 22,90 €.

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