Kultur : Merry Christie’s

Wie Kirchner & Co. unter den Hammer kamen

Matthias B. Krause

Im Foyer von „Christie’s“, direkt gegenüber dem Rockefeller Center in Manhattan, geht es an diesem Mittwochabend zu wie in der Grand Central Station zur Hauptverkehrszeit. Triefnasse Menschen drängen durch die Türen, stehen Schlage am Ticketschalter und an der Garderobe, einige gekleidet, als gingen sie zur Oper, andere in Jeans. Prada trifft auf Bundeswehrparka, Manolo-Stilettos auf grüne Gummistiefel. Sicherheitspersonal kontrolliert die Eintrittkarten akribisch, wer nicht vorbestellt hat, muss draußen bleiben. Mit über 1500 Gästen ist der große Auktionssaal im ersten Stock hoffnungslos überfüllt.

Auch in den beiden Nebenräumen, in die das Spektakel auf Bildschirmen übertragen wird, sind nur noch Stehplätze frei. Dort befindet sich ohnehin das Fußvolk, das die Auktion verfolgt wie andere Leute Sportveranstaltungen. Nur dass sie nicht Hot Dogs und Pommes verspeisen, sondern Häppchen, Mini-Burritos, Roastbeef mit Meerrettich. Dazu wird Traubensaft und Pellegrino gereicht.Einige haben den Katalog der Herbstauktion auf den Knien, in den sie eifrig die Beträge eintragen, die Auktionator Christopher Burge ausruft, wenn er seinen Hammer fallen lässt. 850 000 Dollar, 1,2 Millionen, 2,9 Millionen. Nach einer halben Stunde der erste Höhepunkt, Paul Gauguins „L’homme à la hache“. Die Hände im Saal und die Telefone stehen erst still, als der Hammer bei 36 Millionen Dollar fällt. Macht mit Kommission 40 336 000 Dollar. Ein Raunen geht durch den Saal.

Ein weiterer Star des Abends wird als Los 37 aufgerufen, Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“. Noch im August hing es im Berliner „Brücke Museum“, jetzt steht es zur Auktion. Als Begründung bemerkt der Katalog lakonisch: „Unter Zwang während der Verfolgung durch die Nazi-Regierung verkauft.“ Als Burge das Objekt aufruft, fliegen die Gebote nur so durch den Raum. Es dauert keine vier Minuten, bis der Hammer fällt. 34 Millionen Dollar plus Kommission und gegebenfalls Steuern. Den Zuschlag erhält eine Dame im Publikum mit der Bieternummer 828. Später enthüllt das Auktionshaus, es habe sich um die New Yorker Kunsthändlerin Daniella Luxembourg gehandelt, die im Auftrag der „Neuen Galerie“ bot.

Als Klimts „Adele Bloch-Bauer II“, der Star des Abends, an der Reihe ist, liefern sich die Bieter im Saal mit denen am Telefon eine erbitterte Schlacht, die sich fast zehn Minuten hinzieht. Die Zuschauer halten den Atem an. Auktionator Burge kann sich ein kleines entzücktes Schnalzen nicht verkneifen, als der Preis die 70-Millionen-Dollar-Marke durchbricht. Ein Telefon-Bieter erhält schließlich den Zuschlag bei 78,5 Millionen Dollar, macht mit Kommission 87 Millionen. Der Saal bricht in spontanen Applaus aus. Für wen, bleibt da noch ein Geheimnis, der Käufer besteht auf Anonymität.

Als sich nach zweieinhalb Stunden der total erschöpfte Auktionator Burge den Journalisten stellt, ist er immer noch berauscht: „Heute Abend wurde Geschichte geschrieben“. Ob die Klimt-Gemälde in absehbarer Zeit der Öffentlichkeit zugänglich sein werden, ist ungewiss. Alle vier gingen sie an namenlose Bieter. Auf den Fall Picasso angesprochen, erwidert Christie’s-Chef Edward Doleman salomonisch: „Die Fälle werden vom Markt ziemlich gut verstanden.“

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