Kultur : Messalina in Moabit

Die Berliner Kammeroper will das Hansa-Theater zum fünften Opernhaus der Stadt machen – und bringt die erste Premiere dort selbst heraus

Jörg Königsdorf

Die Idee klingt komplett verrückt: Gerade versucht Berlin mit Ach und Krach den Fortbestand seiner Opernszene zu sichern – und jetzt soll die kirchenmausarme Hauptstadt auch noch ein weiteres Haus bekommen? Doch genau dieser Plan treibt Kay Kuntze, den Leiter der Berliner Kammeroper, seit einiger Zeit um. Und wenn man ihm zuhört, glaubt man bald, dass die Stadt neben der Trias der Großen und der Neuköllner Oper tatsächlich eine fünfte Musiktheater-Institution ganz gut gebrauchen könnte. Mehr noch, sie könnte es sich sogar leisten: Mit höchstens 350000 Euro im Jahr will Kunze auskommen – das ist nicht mal ein halbes Prozent von dem, was die drei großen Häuser an Subventionen bekommen. Bis zu 180 Vorstellungen pro Saison will Kuntze mit diesem Geld auf die Beine stellen und zwar im Hansa-Theater in Alt-Moabit, das nach dem Scheitern diverser Intendanten und der Streichung der Senatssubventionen leer steht.

„Ich weiß, dass der Zeitpunkt ungünstig ist“, gibt er zu, „aber mit der Übernahme des Hebbel-Theaters durch Matthias Lilienthal ist für die freien Operntruppen ein großes Problem entstanden.“ Bislang war das Kreuzberger Theater die erste Berliner Adresse für alles, was sich unter dem weiten Begriff Kammeroper summieren lässt: Von der Madrigalkomödie bis zum experimentellen Musiktheater, für hiesige Produktionen wie die der Berliner Kammeroper oder der Zeitgenössischen Oper Berlin und für Gastspiele. Doch damit ist jetzt Schluss. Über Musiktheater denkt Lilienthal auf seine Weise nach, darum wird nur eine einzige Opernproduktion aufgrund alter Verträge in dieser Saison im Hebbel-Theater stattfinden.

Eine Situation mit kulturpolitischem Handlungsbedarf: Die freien Operntruppen sind der Nährboden für die große Opernkultur. Hier, in der intimen Form, sammeln die Sänger Erfahrungen, die sie später für die „Zauberflöten“ und „Aidas“ an den großen Häusern brauchen; hier lernen die Opernregisseure der kommenden Jahrzehnte ihr Handwerk, hier entsteht in der Freiheit des Experimentierens die Bühnensprache der Zukunft.

Und eben dieses Opernlabor soll jetzt in die Räume des alten Volkstheaters einziehen, wo noch vor einem Jahr Stücke wie „Aus dem Hinterhaus kiekt det Leben raus“ auf dem Programm standen. Ein Antrag auf Spielstättenförderung, erklärt Kuntze, liege bereits beim Senat, auch der Vermieter, Berlins Filmmogul Artur „Atze“ Brauner, sei an dem Projekt interessiert.

Mit sechseinhalb Stellen für den laufenden Betrieb will Kuntze auskommen, das meiste Personal brächten die Operntruppen ohnehin selbst mit: „Die Stadt hat hier die Chance, qualitativ hochwertiges Musiktheater von überregionaler Ausstrahlung zum Schnäppchenpreis zu bekommen. Denn die freien Truppen arbeiten ohne gewerkschaftliche Zwänge – die Stücke werden solange geprobt, bis sie künstlerisch fertig sind. Und die Übernahme solcher Produktionen ist außerdem die preiswerteste Art, Oper nach Berlin zu holen.“ Die Klangwerkstatt Wien, das Luxemburger Nationaltheater und das renommierte Musiktheater „Transparent“ aus Antwerpen haben bereits die Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisiert. Auch an den Berliner Opernhäusern sieht man keine Konkurrenz, sondern eher eine Bereicherung der Szene. Die klein besetzten und oft weniger publikumswirksamen Kammeropern sind ohnehin ein Teil des Repertoires, den die großen Bühnen nur am Rande bedienen. Die Komische Oper, die soeben eine Zusammenarbeit mit der Zeitgenössischen Oper Berlin vereinbart hat, stehe, so Kuntze, der Idee sehr aufgeschlossen gegenüber, und die Deutsche Oper denke sogar daran, die neue Spielstätte für eigene Produktionen zu nutzen. „Wir denken da vor allem an unser Kindermusiktheater, das wir bislang im Foyer gezeigt haben", bekräftigt der kommissarische Geschäftsführer Peter Sauerbaum. „Denn jetzt, wo das Publikum wieder in die Deutsche Oper strömt, brauchen wir auch dort wieder mehr Platz, damit die Besucher Gelegenheit zum Flanieren haben.“

Tatsächlich scheint das Hansa-Theater als Spielort für Musiktheater zwar nicht ideal, aber immerhin tauglich, wie der Praxistest der Kammeroper mit ihrer neuesten Eigenproduktion zeigt, Reinhard Keisers Barockoper „Der verführte Claudius“. Zwar gibt es keinen Orchestergraben, und die Maße der ungewöhnlich breiten, flachen Bühne machen bei Übernahmen einige Anpassungen notwendig. Doch die Akustik ist durchaus opernkompatibel und die Größe des Saals mit circa 450 Plätzen nahezu ideal.

Dass „Claudius“ einige Zeit braucht, um in Schwung zu kommen, liegt nicht am Bühnenraum – die dreieckig in den Zuschauerraum ragende Bühne von Markus Meyer beweist eher, dass die ungewöhnlichen Proportionen Anreiz für kreative Ideen sein können. Doch diesen Mut hat Regisseur Matthias Remus leider nicht: Mit den Volksstücken scheint vorderhand auch der Geist für zündende Unterhaltung und das richtige Timing aus dem Hansa-Theater ausgezogen zu sein. Der ehemalige Spielleiter der Deutschen Oper und Regieprofessor in Hannover liefert nicht mehr als braves Kunsthandwerk: Man kniet nieder, wenn von Liebe gesungen wird, und wickelt sich in schwarze Tücher, wenn man verzweifelt ist. Darüber hinaus passiert in diesen knapp dreieinhalb Stunden recht wenig – obwohl Reinhard Keiser 1703 mit dieser Oper über den römischen Kaiserhof und die Kaiserin Messalina ein knalliges Sex-and-crime-Stück schrieb. Eines, das trashiges Pathos und MTV-Ästhetik vermutlich sehr gut vertragen hätte.

Denn im Barock liebte man es zwar lang, aber nicht langweilig, und Keisers Musik liefert Abwechslung genug: lautmalerische Klangeffekte, schnittige Couplets und große Arien von einer Leidenschaft, wie sie sonst nur noch Händel schreiben konnte. Das wird von den zehn Beteiligten durchweg gut, wenn auch nicht immer textverständlich gesungen (herausragend: Doerthe Maria Sandmann als Messalina) und von der schlank besetzten Bremer Capella Orlandi auf Originalinstrumenten ganz ordentlich gespielt. Vor allem nach der Pause trägt die Musik dann tatsächlich durch das Stück und gewinnt die expressive Dichte großer Oper. Dafür ist das Theater dann schon beinahe wieder zu klein.

Wieder heute sowie am 18., 19. und 20. 11.

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