Kultur : Messing und Mooreiche

Berlin baut: Am Hausvogteiplatz stoßen sich unterschiedliche Auffassungen von zeitgenössischer Architektur

Falk Jaeger

„Das Steinerne Berlin“ – der Senatsbaudirektor wird nicht müde, auf das Missverständnis um diesen Buchtitel von Werner Hegemann aus dem Jahr 1930 hinzuweisen und dass er selbst so gar nichts damit zu tun habe. Freilich geht es ihm um die europäische, die „Stadt im traditionellen Sinn“. Ausschließlich gläserne oder die konstruktiven Elemente nachzeichnende Hightech-Gebäude würden diese nicht entstehen lassen. Es gehe darum, „wie eine Verkleidung in handwerklich sauberer Art in eine dauerhafte Verbindung zur Konstruktion gebracht wird“ – und das gehe nun mal am besten mit Stein. Dieser Herausforderung, so stellt er den Architekten frei, könnten sie sich stellen oder verweigern. Dass es die Verweigerer in Berlin nicht gerade leicht haben, dafür ist gesorgt.

Manchmal gelingt es jedoch tatsächlich, auch mit einer Metallfassade „handwerklich sauber“ zu überzeugen und in seinem Sinn an der europäischen Stadt weiterzubauen, so gesehen am inzwischen wieder komplett bebauten Hausvogteiplatz. An der Nordseite, wo Friedrich II. 1750 die namengebende Hausvogtei errichten ließ, steht das Berliner Fassadenproblem vor Augen. Neben einer wunderbaren Travertinfassade präsentiert sich ein willfähriger Nachwendeneubau mit kraftloser Natursteintapete, der irgendwie auf Alt macht.

Gegenüber, an der Südseite, stoßen die Gegensätze noch heftiger aneinander. Ein moderner, dunkel gehaltener Neubau mit tektonisch-kraftvoller Fassade steht da selbstbewusst zwischen zwei historischen Häusern; links ein das prächtige „Haus zur Berolina“, ein späthistoristischer Kontorbau aus dem Jahr 1885, der mit seinem Erkergiebel samt Turmuhr mächtig Eindruck macht, und rechts, ja rechts? Ein Geschäfts- und Bürohaus mit Bogenläufen im Erdgeschoss, schmale, den Büroausbauachsen gehorchende Fensterbahnen darüber, um die Ecke an der Jerusalemer Straße ein Turmaufbau, ein Bau, den man auf die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg datieren könnte. Doch der zweite Blick macht stutzig. Baukastenartig sind im steinernen Sockelgeschoss die Teile gefügt, der Bogen ist zwischen die Rustikapilaster geklemmt, die Gesimse dutzendfach profiliert, als gelte es, Borromini zu düpieren. Und im obersten Geschoss gerieten die Rundbogen nur drei Finger dick, weil dahinter ein Rollo Platz finden musste: ein Neubau also, der historisch kostümiert wurde. Für derlei Mummenschanz ist in Berlin das Architekturbüro Patzschke & Partner bekannt, in deren Zeichenstube auch die Pläne für das sich ebenso heimtückisch ins Gemüt argloser Passanten schleichende Hotel Adlon gemalt worden waren.

Am Hausvogteiplatze – so müsste man hier passenderweise schreiben – haben die Baumeister nun einen Bureaubau aufgeführet, haben ihn aufs Trefflichste mit bequemen Vorhallen versehen und dieselben mit opulenten Armleuchtern geschmücket. Daselbst wird der Fußpassant in das Vestibül complimentiert, welch letzteres, in Travertin- und Marmorglanze prangend, mit leuchtender Cassettendecke festlich illuminiert, und mit gülden gleißenden Postkästen ausgestattet, durch messinggerahmte Wandspiegel ins Vielfache sich vermehrt ...

Offenbar gibt es das an spätklassizistischen Lifteingängen und neureichen Messingtürdrückern interessierte Klientel weiterhin. Vielleicht werden zur Büroausstattung Federkiel und Ärmelschoner gleich mitgeliefert. Leider jedoch sind uns heutzutage die Fertigkeiten für diese Architektur abhanden gekommen. Es können weder der Entwurf und die Werkplanung noch die handwerkliche Ausführung mit dem 19. Jahrhundert mithalten.

Unseren zeitgenössischen Möglichkeiten entspricht auf seriöse Weise eher der benachbarte Neubau, den Gesine Weinmiller entworfen hat. Sie hat zwar auch schon in Sandstein gebaut, wenngleich in modernen Formen – am Klingelhöfer-Dreieck zum Beispiel –, doch hier versucht sie, zeitgemäßer Fassadenarchitektur die Relieftiefe und tektonische Kraft zu verleihen, die den historischen Nachbarn eignet. Die Fassade ist vollständig in Glasflächen aufgelöst, die dennoch, durch breite, doppel-T-förmige Rahmen gefasst, als einzelne Fenster ablesbar sind. Von Stockwerk zu Stockwerk versetzt, vermeiden sie die Gefahr der monotonen Reihung und der allzu großen, ortsunüblichen Glätte, die manche Glashäuser in historischer Umgebung zu Fremdkörpern werden lässt. Die Präzision der scharfkantigen Aluminiumprofile stellt dennoch den Zeitbezug zu unserer hochtechnologischen Epoche her.

Beim „Gartenhaus“ drinnen im Hof des „Memhard-Ensembles“, ebenfalls von Gesine Weinmiller gestaltet, hat die Architektin freilich der Mut verlassen. Bei diesem Putzbau mit zwei in Muschelkalk verkleideten Sockelgeschossen, Gesimsbändern sowie einer Attikabalustrade ist sie in einen trockenen Klassizismus zurückgefallen, der sich, wenngleich präzise und werkgerecht detailliert und an keiner Stelle in Kitsch verfallend, dem Patzschke-Ensemble doch ein wenig andient. Mit kaum weniger edlen Materialien – Mooreiche, Naturstein, Leuchtpaneele, elegante Türgriffe – und Dekorverzicht wurde jedoch in Eingangshalle und Treppenhaus ein niveauvolles Interieur geschaffen, das zum modernen Design hinter den Bürotüren keinen derart auffälligen Kontrast darstellt, wie dies bei den historisch inszenierten Entrees im Nachbarhaus der Fall ist.

Am Hausvogteiplatz konnten größere Parzellenzusammenlegungen vermieden werden. Der Platz hat alles zu bieten. Historismus und Plattenbau, Nostalgiekulisse, Vormoderne und moderne Gegenwart tummeln sich in kurzweiliger urbaner Mischung. Deshalb hat es ein aus einem Geist entstandenes, einheitlich gestaltetes Ensemble wie der Leipziger Platz tatsächlich schwer, dagegen anzukommen.

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