Kultur : Metamorphosen eines Kugelkäfers

75 Jahre nach seinem Tod wird der Dichter Klabund mit einer Ausstellung und einer Gesamtausgabe wiederentdeckt

Christian Schröder

Im Jahr 1926 schrieb Klabund ein Gedicht, das er „Am Luganer See“ nannte. Es besteht aus sechs Zeilen: „Durchs Fenster strömt der See zu mir herein, / Der Himmel auch mit seinem Mondenschein. / Die Wogen ziehen über mir dahin, / Ich träume, dass ich längst gestorben bin. / Ich liege auf dem Grunde alles Seins / Und bin mit Kiesel, Hecht und Muschel eins.“

Man muss die Lebensumstände des Autors kennen, um die Abgründe zu entdecken, die sich zwischen den so harmlos wirkenden Zeilen auftun: Klabund war als Patient in Locarno. 1912 war bei ihm eine Tuberkulose diagnostiziert worden, die bereits beide Lungenflügel befallen hatte. Der Tod, den Klabund in dem Gedicht als Rückkehr zu den Anfängen imaginiert, saß ihm im Nacken. Seine Angst vorm Sterben wusste er zu kaschieren, aus den saloppen Paarreimen spricht sogar Galgenhumor. Er starb zwei Jahre, nachdem er das Gedicht geschrieben hatte. „Klabund war ein Tonfall“, erinnert sich später ein Freund, der Schriftsteller Hans Sahl. „Ein Lautenlied, gesungen in einer sternklaren Nacht von einem Sterbenden, dessen Tage gezählt waren.“

Ein Tonfall, ein trauriges Lautenlied: Wer sich für die Literatur der Weimarer Republik interessiert, kennt den Namen. Klabund, so hatte sich der 1890 im märkischen Städtchen Crossen geborene Alfred Henschke genannt, als er mit dem Dichten anfing. Den Namen, kolportierte er, habe er von einem Apotheker in Frankfurt an der Oder übernommen. Später behauptete er, das Pseudonym aus den Anfangs- und Endsilben der Wörter „Klabautermann“ und „Vagabund“ zusammengesetzt zu haben, noch später, es stamme aus Fernost und stehe für „Wandlung“.

Auf ihre Art stimmen alle drei Versionen. Klabund dichtete nicht nur über Landstreicher, Straßenmädchen und allerlei anderes ziehendes Volk, er führte auch selbst ein unstetes, vagabundenhaftes Leben. Dem „himmlischen Vaganten“ François Villon setzte er 1919 mit einer freien Nachdichtung seines „Testaments“ ein Denkmal. „Ohne Heimat in der Fremde“, heißt es da, „Bin ich ganz auf mich gestellt, / Und mein Herze und mein Hemde / Sind mein alles auf der Welt.“ Das ist natürlich auch ein Selbstporträt, diesem halb melancholischen, halb ironischen Seufzen eines Verlorenen begegnet man immer wieder in Klabunds Lyrik.

Zu Lebzeiten war Klabund ein Bestsellerautor. Allein sein 1918 erschienener Roman „Bracke“, in dem er die Eulenspiegel-Geschichte des märkischen Schalks Hans Clauert erzählt, verkaufte sich bis 1933 mehr als 200000 Mal. Doch 75 Jahre nach seinem Tod ist sein Werk nahezu vergessen. Schon 1968 hatte Marcel Reich-Ranicki bedauernd konstatiert, Klabund sei „nur noch eine literaturhistorische Erscheinung“. Ein Urteil, das zur Revision ansteht. Die Zeiten jedenfalls, in denen man sich ins Antiquariat begeben musste, um ein Buch von Klabund zu finden, sind vorbei. Pünktlich zum Jubiläum hat der Berliner Elfenbein Verlag seine 1998 begonnene Gesamtausgabe abgeschlossen. Der gerade erschienene letzte Band enthält „verstreute Prosa“: Aufsätze, Novellen, Feuilletons und Glossen, die der Dichter in der „Neuen Rundschau“, der „Neuen Zürcher Zeitung“ oder längst vergessenen Blättern wie „Der Revolutionär“ oder „Die Erde“ veröffentlicht hatte.

Insgesamt umfasst die achtbändige Ausgabe mehr als 4300 Seiten Prosa, Lyrik, Drama, Übersetzungen und Nachdichtungen: ein mutiges editorisches Unternehmen. „Klabunds Bücher werben nicht um historische Wahrheiten und wollen nicht belehren“, schreibt Herausgeber Christian von Zimmermann im Nachwort. „Sie werben um Leser, das verschafft ihnen einen eigenen, sehr sympathischen Charme, der seine Anziehungskraft nicht verloren hat.“ Eine zweite, stärker wissenschaftlich orientierte Klabund-Gesamtausgabe, erarbeitet von Germanisten der Freien Universität Berlin, kommt ebenfalls seit 1998 im Freiburger Königshausen & Neumann Verlag heraus, ist aber noch nicht beendet.

In Berlin bietet sich noch eine andere Möglichkeit, den Dichter wiederzuentdecken: In der Steglitzer Schwartzschen Villa gibt eine Ausstellung einen Überblick über sein bewegtes Leben und sein ausuferndes Werk. Zu sehen sind Fotos, Texte, Erstausgaben, in denen sich die Entwicklung des Schriftstellers vom expressionistischen Schwärmer zum neusachlichen Chronisten des Jazz-Zeitalters spiegelt. Zusammengestellt wurde die Ausstellung vom Berliner Klabund-Experten Wilfried Reinicke, der wie der Dichter aus Crossen stammt, dem heutigen polnischen Krosno Odrzanskie.

Bereits 1910 meldet der Vielschreiber einem Freund in einem Brief, er habe „597 Gedichte, 29 Novellen, 13 Einakter, 1 Roman, 1 Aphorismensammlung, dazu Fragmente und Materialsammlungen“ verfasst. Statt die väterliche Apotheke zu übernehmen, war Henschke zum Germanistikstudium nach München gegangen. Er sitzt lieber im Café Stefanie oder in der Künstlerkneipe Simplicissimus als in der Vorlesung und findet rasch Anschluss an die Schwabinger Bohème. Bekannt wird Klabund mit einem Skandal: Als er 1913 in der Zeitschrift „Pan“ ein freizügiges Gedicht veröffentlicht, in dem sogar das Wort „Condoms“ vorkommt, wird er „wegen Verbreitung einer unzüchtigen Schrift“ angeklagt. Frank Wedekind und Erich Mühsam sagen als Gutachter für ihn aus, am Ende wird der Dichter zu einer geringfügigen Geldstrafe verurteilt.

Den Ersten Weltkrieg begrüßt Klabund zunächst mit „Soldatenliedern“, geht aber bald, ausgemustert wegen seiner Lungenkrankheit, auf Distanz zum Patriotismus. „Könnt ich hier weg! Abenteuer! Abenteuer! Abenteuer! brauch ich!“, schreibt er in einem Brief aus einem seiner zahllosen Sanatoriumsaufenthalte. Er versenkt sich in chinesische und japanische Philosophie, übersetzt Geisha-Lieder und Verse des Persers Omar Chajjam, liebäugelt – wie Hermann Hesse – mit dem Taoismus. Seiner Frau Brunhilde, die er in der Kur kennen gelernt hat, widmet er flammende Sonette. Auch Brunhilde hat TBC, sie stirbt ein Jahr nach der Hochzeit.

„Der Klabund ist ein überaus buntfarbiger Kugelkäfer, dem seine natürliche Buntheit noch nicht genügt. Wo immer er was Farbiges findet, rollt er sich darin herum, so lange, bis er auf seinen kleinen Stacheln einiges davon aufgespießt hat.“ Im zoologischen Spott aus Franz Bleis 1920 erschienenem „Bestiarium literaricum“ mischt sich Anerkennung mit Kritik: Klabunds Virtuosität, sein eiliger Wechsel der Stile und Formen ist den Zeitgenossen nicht ganz geheuer. Klabund schreibt Chansons und Couplets, tritt mit eigenen Texten in Max Reinhardts Berliner Kabarett „Schall und Rauch“ auf, arbeitet an Drehbüchern, veröffentlicht den „Kurbel-Roman“ „Rasputin“, sein Drama „Der Kreidekreis“, später von Brecht ausgeschlachtet, wird ein Riesenerfolg. Mit seiner zweiten Frau Carola Neher, einer gefeierten Schauspielerin an den Münchener Kammerspielen und der Wiener Burg, steigt er zu einer Art Glamour-Paar der Weimarer Republik auf.

Der beste Nachruf auf den Dichter, der am 14. August 1928 in Davos starb, stammt von ihm selbst: „Ich werde ewig meine Seele lieben / In ihrer Ruh, in ihrer Raserei. / Geliebte, Ewige an meinen Mund: / Ich bin und war und werde sein Klabund.“

Schwartzsche Villa, Grunewaldstr. 55 (Steglitz), bis 10. Oktober, Di–Fr und So 10–18, Sa 14–18 Uhr. – Klabund, Werke in acht Bänden, hg. v. Christian von Zimmermann, Elfenbein Verlag, Berlin 1998–2003, 8 Bände mit zusammen circa 4300 S., 299 €.

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