Kultur : Methode und Moral

Foltern für den guten Zweck: Gavin Hoods Kinodrama „Machtlos“ über den Antiterror-Kampf

Christiane Peitz

Ist Folter legitim, wenn mit dem erzwungenen Geständnis ein Massenmord verhindert werden kann? Wiegt die Sicherheit der Nation das Unrecht gegenüber einem Einzelnen auf? Und wie sieht die Gegenrechnung aus: Zieht ein gefolterter Araber zehn, hundert oder sogar tausend neue Amerikafeinde nach sich?

Ein Mann verschwindet, spurlos. Anwar El Ibrahimi lebt als US-Ingenieur mit ägyptischem Pass seit Jahrzehnten in Amerika und ist nach einer Konferenz in Kapstadt auf dem Heimweg zurück zur Familie. Terrorspezialisten des CIA entführen ihn in Nordafrika, halten ihn wegen einer Verwechslung monatelang in einem Loch gefangen, verhören und foltern ihn. „Rendition“, so der Originaltitel von „Machtlos“, heißt „außerordentliche, rechtlose Auslieferung“. Die Verschleppung eines Terrorverdächtigen ist in den USA nicht verboten.

Das Kino als Ethikkommission. In etlichen Mainstream-Filmen diskutiert Amerika derzeit über sich selbst, über den Irakkrieg, die Außenpolitik und den Kampf gegen den Terrorismus. Gavin Hoods Politdrama führt die schmutzige Seite dieses Kampfs vor Augen, wägt ähnlich wie Robert Redfords Afghanistanfilm „Von Löwen und Lämmern“ Schicksale und Überzeugungen und stellt das Publikum vor eine knifflige, in ihrem populistisch simplen Entweder-Oder jedoch zweifelhafte Wahl: auf der einen Seite die Terrorabwehr nach dem 9/11- Trauma, auf der anderen die Bürgerrechte und ihre Missachtung. Sicherheitsbedürfnis oder Freiheitsgarantie – das ist eine gefährlich verkürzte Alternative. Ein CIA-Actionfilm – man denke nur an „Syriana“ mit George Clooney – ist so verwirrend und wahnsinnig wie die Wirklichkeit. Bei „Machtlos“ hingegen kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass Politik als Vehikel für einen konventionellen Genrefilm herhalten soll.

Hoods Personenkonstellation ist reichlich schematisch geraten. El Ibrahimi erfüllt die Funktion eines derart unbescholten-unschuldigen Opfers, dass sich die brisantere Frage nach den Rechten von Tätern gar nicht erst stellt. Reese Witherspoon als dessen hochschwangere Gattin und tapferes Muttertier gerät auf der Suche nach ihrem Mann an die technokratische Geheimdienstchefin in Washington. „Die USA foltern nicht“, sagt diese – und weiß es doch besser. Doppelgesicht einer zerrissenen Nation: Nach ihrer Rolle als linke Enthüllungsjournalistin in Redfords Film spielt Meryl Streep nun die eiskalte Zynikerin der Macht.

Das männliche Gegensatzpaar trägt seine Duelle um Methoden und Moral im Folterkeller von Marrakesch aus. Mit Jake Gyllenhaal als zunehmend skrupulösem Geheimdienstmann kann sich das westliche Publikum selbstredend besser identifizieren als mit dessen marokkanischem Kollegen – auch wenn sich der stiernackige Folterprofi zwischen den Verhören um seine in Islamistenkreisen verkehrende jugendliche Tochter sorgt. Genau jenes Ressentiment, das Kelley Sanes Drehbuch in Bezug auf den Gefolterten anprangert, prägt die Charakterzeichnungen selber. Die Realität dagegen ist komplexer: Den Marokkaner verkörpert der aus Israel stammende Igal Naor, der für eine HBO-Produktion derzeit als Saddam Hussein vor der Kamera steht.

Misstrauen isoliert. „Machtlos“ ist ein Film voller einsamer Menschen, verloren im Gassengewirr von Marrakesch, verlassen auch in den sterilen Büros von Washington. Der südafrikanische Regisseur – Gavin Hood wurde mit dem Johannesburger Township-Melodram „Tsotsi“ bekannt – macht keinen Hehl aus seiner Haltung. Zwar lässt sein düsterer, teils mit nervöser Kamera gefilmter Action- und Debattenfilm den widerstreitenden Argumenten Raum, verurteilt aber die Folter. Bloß spannend soll es unbedingt bleiben, weshalb eine abenteuerliche Parallelmontage die Schicksale der Protagonisten miteinander verschränkt. Spätestens beim mörderischen Showdown sieht sich dann die Zuschauerfantasie gegängelt und ihrer Freiheit beraubt – von der mechanisch klappernden Logik eines um jeden Preis dramatisierten Thrillers.

In 15 Berliner Kinos; Originalversion im Cinestar SonyCenter

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