Kultur : Metropolen: Die Angst vor dem Stillstand

Robert Kaltenbrunner

Eine Stadt im Aufbruch. Unbeeindruckt vom hand-over an die VR China wird hier gebaut, transferiert und angelegt, erwirtschaftet und umgeschlagen. Schier zügellos, stets sich aufbäumend ist die Kraft dieser Stadt, ungebrochen ihr Image als faszinierende boomtown am Perlfluss-Delta: Hongkong, eine Metropole, in der selbst der weltgewandteste Europäer sich mitunter antiquiert vorkommt.

Auch Berlin schwelgt in seiner Renaissance als Metropole. Schließlich ist man mittlerweile Kapitale. Und wenn die Wirtschaft schon nicht so recht mitspielen will, dann baut man eben auf Kultur, Medien und Entertainment.

Hongkong und Berlin: Zwei Städte im Umbruch, zwei Ballungszentren mit globalen Geltungsansprüchen, die in Stadtstruktur und Erscheinungsbild unterschiedlicher kaum sein könnten. Gleichwohl gibt es geheime Verbindungslinien, die zwischen beiden Metropolen Brücken schlagen. Sowohl Hongkong als auch Berlin sind mit den Problemen einer "Wiedervereinigung" befasst und müssen den Zuwachs an politischer Bedeutung (Berlin) oder an Einwohnern (Hongkong) bewältigen. Wie unterschiedlich die Stadtentwicklungskonzepte sind, damit wird sich dieses Wochenden auch das Symposium "Stadtkultur - Kultur der Stadt" im Berliner Haus der Kulturen der Welt beschäftigen.

Wenn die glatte, hochmoderne Technik der Wolkenkratzer im Central District, von Bambusstangen eingerüstet, ist das kein Zufall, sondern Sinnbild: Hongkong ist eine Stadt der Paradoxe. Zwar offenbart es sich als der am dichtesten besiedelte Landstrich der Welt, auf dem pro Quadratmeter sechs Menschenleben; zwar sind die Methoden der Landgewinnung bewundernswert, die dem Meer und zerklüfteten Berghängen für immer weitere Hochhäuser ebenen Baugrund abtrotzen; zwar ist die Stadt in unzähligen Glitzer-Arkaden ein edles Warenparadies, und das offenkundigste Elend aus den Arbeits- und Einkaufszentren verbannt. Doch ist all das geht auf Kosten von Atmosphäre und gewachsener Urbanität.

Öffentlicher Raum existiert in Hongkong nur als Restraum. Leben findet in künstlich beleuchteten und klimatisierten Malls und Plazas statt, die kilometerlang die Stadt wie ein künstliches Aderngeflecht durchziehen. Riesige Atrien, wie die "Times Square Plaza", bieten mehr "Freiraum" als zwischen den Gebäuden vorhanden ist.

Akupunktierte Berghänge

Beiderseits des Victoria Harbour, der Kowloon von Hongkong-Island trennt, türmt sich eine Skyline auf, als hätte man die Hänge akupunktiert. Sie ist ein Manifest. Weil alle Großprojekte auf ihre Wirkung zum Hafen hin entworfen werden, entwickeln sie sich obsessiv in die Höhe. Allerdings setzt das Stadtbild keine eindeutigen Akzente. Die wenigen Vorzeigebauten, die sich durch eine identifizierbare Gestalt aus einem Meer uniformer Hochhaus-Kisten herausschälen, lassen sich an einer Hand abzählen. Zuvorderst natürlich Norman Fosters "Hongkong and Shanghai Bank" - zur Fertigstellung Mitte der achtziger Jahre ein hochtechnologisches Produkt - und Ieoh Ming Peis prismatisch-kristalline "Bank of China". Mit der "Central Plaza" von Dennis Lau und Ng Chen Man zog dann ab 1992 ein weniger würdevoller, dreieckiger Wolkenkratzer im Gold- und Silberkleid die Aufmerksamkeit auf sich. Mit einer Gesamthöhe von 374 war es lange Zeit das weltweit höchste Stahlbetongebäude. Die pyramidenförmige, gläserne Spitze ("Top of the Town") erglüht des Nachts in ständig wechselnden Farben. Statt Architektur lockt Glamour. Einprägsam auch das "Lippo-Centre" von Paul Rudolph. Sein Versuch, die vierziggeschossigen Türme durch ineinandergreifende Fassadenelemente zu gliedern, verdient Anerkennung. Der 50-stöckige Doppelturm der "Citibank Plaza" des Hongkonger Architekten Rocco Jim von 1992 stellt einen weiteren Markstein der Skyline dar. Die asymmetrische Hülle mit Kurven, Schwüngen und abgerundeten Ecken bildet eine Art Kontrapunkt zur ebenso dominanten wie klaren Gestalt der benachbarten "Bank of China". Jüngeren Datums schließlich ist die Erweiterung des "Hongkong Convention and Exhibition Centre". Das geduckte Gebilde von Skidmore, Owings & Merrill mit seinem geschwungenen Metalldach, dessen Architektursprache nicht mit dem Bestandsensemble korrespondiert, wurde pünktlich zur Übergabe im Juni 1997 eingeweiht - schließlich sollten in dem 28 000 qm großen Annex die Feierlichkeiten zelebriert werden.

Doch das sind markante Einzelleistungen renommierter Star-Architekten, die den Geltungswünschen privater Investoren nachgekommen sind. Der Großteil der in der Sonderverwaltungszone hochgezogenen Bauten wird von der öffentlichen Hand errichtet - und von einer kommunalen Baubehörde im Fließbandverfahren entworfen. Sie beschäftigt etwa ein Dutzend Verwaltungsarchitekten, die normierte Konfektionshäuser ersinnen. Einen Bebauungsplan befolgen auch sie nicht. Doch die finanziellen Rahmenbedingungen garantieren automatisch eine Vereinheitlichung des Baustils, die besonders in den Randgebieten und New Territories erschreckende Ausmaße annimmt.

Brückenschlag im Eiltempo

Hongkong ist zum Inbegriff einer Immobilien-Metropole geworden, die mit einem Minimum an Platz ein Maximum an Umsatz erwirtschaftet. Grundstücke werden hier nicht verkauft. Investoren ersteigern sie auf Auktionen von der Kommune zu Höchstmieten. Charakteristisch ist die Flüchtigkeit architektonischer Formen, das Einander-überlagern von Gebäuden, so dass sie weniger als isolierte architektonische Objekte denn als integrale Bestandteile einer urbanen Maschinerie wahrgenommen werden. Entscheidend für die Konzeption eines Gebäudes sei die Frage, bemerkt Rocco Jim, "wie es die Menschen und Güter durch sich hindurchleitet, wie es sich in die infrastrukturellen Bedürfnisse seiner Umgebung einfügt". Hongkongs hervorstechendste Eigenschaft sei die Erosion von öffentlichen und privaten Territorien: "Dichte und Kompaktheit, die viele asiatische, schnell wachsende Großstädte auszeichnen, sind hier in die dritte Dimension gewachsen. Straßen, Gehwege und Plätze gehen durch Häuser einfach hindurch", sagt er.

Vor diesem Hintergrund wird Roccos Credo, "wir bringen die Stadt zur Architektur", verständlich: Die Stadt des schnellen Abrisses und Neubaus. Im Bankenviertel beträgt das Durchschnittsalter der Gebäude lediglich 15 Jahre. Auch darin mag eine Ursache für die modische Vielfalt der Architektur liegen. Mut zum Risiko wurde vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten zur entscheidenden Triebkraft. Die eher konservative Haltung der Bevölkerung steht in offenem Widerspruch zu der Geschwindigkeit architektonischer Innovationen.

Berlin hat, so Tilmann Buddensieg, die Chance, die europäische Metropole des nächsten Jahrhunderts zu werden, "weil nur in Berlin nicht alles historisch besetzt und unantastbar ist, sondern Leerraum für urbanes Handeln, für architektonischen Gebrauch und baukünstlerisches Schaffen existiert". Doch der Verweis auf die Geschichte ist zweischneidig: "Wenn Berlin sich in der Fiktion seiner eigenen, nur bruchstückhaften Vergangenheit sucht, wenn Berlin also nur zurück will, dann verspielt es die Chance einer hoffnungsvollen Werkstatt des 21. Jahrhunderts", sagt der Kunsthistoriker.

Großflächige Kriegszerstörungen, die langjährige Teilung in zwei Städte mit unterschiedlichen Gesellschaftssystemen, unterscheiden Berlin in vielerlei Hinsicht von anderen Großstädten. Seit fast zwei Jahrzehnten prägt deshalb der Begriff einer "kritischen Rekonstruktion" die städtebauliche Diskussion, der eine Heilung der (vermeintlich) kaputten Stadt verspricht. Was man als Krankheitserreger ausgemacht hat, den Städtebau der Moderne, wird entschärft und kosmetisch bearbeitet.

Folgerichtig wendet man sich zeitlich noch ein Stück weiter zurück, um etwas zu finden, das wiederentstehen zu lassen sich lohnt - und stößt auf die Kultur der wilhelminischen Epoche, die der Stadt einst ihren eigentlichen Glanz verlieh. Gewollt wird offenbar eine bildhafte Stadtstruktur, die auf breiten Widerhall und große Akzeptanz stoßen soll. Da schwingt die Hoffnung auf die - einst erfolgreiche - ökonomische Kraft und Integrationsfähigkeit mit.

Während Berlin seit zehn Jahre in einen Dauergalopp der architektonischen und städtebaulichen Veränderung versetzt wurde, ist Hongkong längst gewohnt, in permanenter Metamorphose seine Form zu suchen. Deren Grammatik wird jedoch nicht in spektakulären Einzelprojekten sichtbar. So wird dieser Stadt das Bemühen, sich einen eigenen kulturellen Raum zu schaffen, wird dieser Stadt im allgemeinen abgesprochen. Die Stadt sei eine "kulturelle Wüste", sei ein "einziges großes Shopping-centre", heißt es. Weder gibt es prächtige Paläste und imposante Ruinen, noch Museen und Galerien von internationalem Ruf. Dabei ist selbst Shopping in der Ex-Kolonie nicht banales Privatvergnügen, sondern erfüllt eine gesellschaftliche Funktion. Es ersetzt den öffentlichen Raum, der in Hongkong nicht weniger essenziell ist als andernorts. Gerade weil er sich nicht um historische gewachsene Plätze formiert, muss er künstlich geschaffen werden.

Hongkong ist ein Wiedergänger Baalbeks: An einem Tag erbaut, am anderen schon verfallen, eine Stadt, von der man nie erwarten würde, dass sie fertig wird. Und sie hört auf ihre Ahnen. Selbst die modernsten und technisch verwegensten Architekten befolgen die Gesetze des feng-shui, jener uralten chinesischen Geomantie, nach der günstige Plätze für Gräber, Wohnhäuser und Geschäfte bestimmt werden. Und selbst Börsenspekulanten befragen ihre Wahrsager.

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