Kultur : Metzelmission

Döblins Roman „Amazonas“ als Stück am Gorki-Theater

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Das Maxim-Gorki-Theater ist ein kleines Haus, in dem viele Projekte Platz haben. So auch die Dramatisierung einer vergessenen Romantrilogie von Alfred Döblin, die „Amazonas“ heißt und von dem Metzeln und Missionieren europäischer Soldaten, Glücksritter und Missionare handelt, die von Karl V. und dem Papst Anfang des 16. Jahrhunderts nach Südamerika geschickt wurden. Döblin schrieb das Werk zwischen 1935 und 1937 im Pariser Exil. Als es 1938 herauskam, wurden die Verbrechen an den amerikanischen Ureinwohnern mit der Lage der europäischen Juden in Verbindung gebracht.

Dieser Bezug fällt in der Theaterfassung von Regisseur Jan Neumann naturgemäß weg. Neumann und sein Schauspieler-Team haben genug damit zu tun, eine erzählerische Schneise durch die 1000 Seiten zu schlagen und immer wieder zwischen Bericht und spielerischer Kommentierung zu wechseln. Es beginnt in einer Bibliothek, in der eine junge Frau Bücher über Südamerika einsehen will.

Die Bibliotheksmitarbeiter entpuppen sich als Erzähler, die Döblin-Passagen runterrattern, Slapstick fabrizieren und sich plötzlich in Bestien verwandeln, die die Leserin erst vergewaltigen, um sie dann – stellvertretend für den geschändeten Kontinent – am lebendigen Leib zu zerteilen und unter sich aufzuteilen. Anna Grisebach, Johann Jürgens, Matti Krause, Andreas Leupold und Sabine Waibel agieren virtuos. Das Problem des Abends ist sein bescheidener Anspruch. Er will gar keine Dramatisierung sein, sondern bleibt Kollektiv-Lesung, die durch Spielszenen nur illustriert wird. Interessant, der Jesuitenstaat in Paraguay. Für eine animierte Schulstunde dauert das Ganze mit zweieinhalb Stunden aber zu lange. Andreas Schäfer

Wieder am 7. und 11. Oktober, 20.15 Uhr

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