Mexikanische Filmreihe im Arsenal-Kino : Flucht in die Wälder

Durchlässige Grenzen, trotz Donald Trump: Das Berliner Arsenal-Kino zeigt diesen Monat herausragende Filme aus Mexiko.

Janis El-Bira
Szene mit Dona Flor aus "Todo lo demás" von Natalia Almada. Der Film erzählt vom Alltag einer Angestellten.
Szene mit Dona Flor aus "Todo lo demás" von Natalia Almada. Der Film erzählt vom Alltag einer Angestellten.Foto: Arsenal-Kino

Auch ohne Mauer bildet das Grenzland zwischen Mexiko und den USA eine Welt wie von Foucault erdacht. Bis zum Horizont erstreckt sich nahe der Stadt Matamoros ein grimmig funkelnder Kontrollapparat im Kampf gegen Drogenhandel und Menschenschmuggel. Schwerbewaffnete mexikanische Militärs halten die Reisenden auf, drehen und wenden ihre Pässe, fragen nach Herkunft und Ziel. Tatiana Huezos Film „Tempestad“ beobachtet diese Prozedur durch die Scheiben eines Reisebusses.

Hier, im Schimmer des Blaulichts, beginnt für Miriam Carbajal der lange Weg nach Hause. Man wird sie nie sehen, aber immerzu sprechen hören: Darüber, wie sie als Bauernopfer der Regierung in einem von der Drogenmafia kontrollierten Gefängnis landete. Über Folter und Mord, die Entführung ihrer Tochter und die Sehnsucht nach ihrer Familie. „Tempestad“, der vergangenes Jahr im Forum der Berlinale zu sehen war, ist einer der Beiträge, die das Arsenal-Kino bis zum 30. Juni im Rahmen einer umfangreichen Reihe zum jüngeren mexikanischen Film präsentiert.

„Durchlässige Grenzen“, so der Titel, beschreibt nicht nur die längst weltweite Präsenz mexikanischer Filmemacher. Deren prominenteste Vertreter Alejandro González Iñárritu, Alfonso Cuarón und Carlos Reygadas fahren mittlerweile Oscar- und Festivalpreise in Serie ein. Durchlässig sind in dieser Reihe vor allem aber die Grenzen zwischen den Körpern, dem Sicht- und dem Unsichtbaren, zwischen Dokumentation und Fiktion, narrativem und experimentellem Film.

Zu entdecken gibt es Arbeiten, die kompromisslos nach filmästhetischen Umsetzungen ihrer Themen suchen. Die nicht erklären wollen, was sie auch zeigen können, nicht ausbuchstabieren, was als Andeutung den Kopf des Zuschauers zu selbstständiger Arbeit zwingt. Selbst dort allerdings, wo man vorab Hintergründe und Zusammenhänge in Erfahrung gebracht hat, geben viele dieser Filme ihre Geheimnisse nicht ohne Weiteres preis.

Ein Höhepunkt: die Filme von Nicolás Pereda

So wie Pablo Chavarría Gutiérrez’ „Las letras“ („The Letters“, 2015), der mit „Tempestad“ die Sündenbock-Thematik teilt. Über ihn ließe sich sagen, dass hier die Gefängnisbriefe eines regierungskritischen Professors verlesen werden, dem Anfang der 2000er ein Polizistenmord angehängt wurde. Vom Film selbst ahnt man damit aber so gut wie gar nichts. In sagenhaften Plansequenzen sieht man stattdessen spielende Kinder auf ihrem Weg durchs Dorf, lange Reihen von Gesichtern und verwilderten Grabsteinen, während aus weiter Ferne dumpfe Gewehrschüsse herübergrollen. Dazwischen immer wieder: Iterationen des Alltags, der Arbeit und des Weitermachens, als sei nichts geschehen. An den eigentlichen Katastrophen haben diese Filme weniger Interesse als an den Spuren, die sie hinterlassen. Das Unrecht entfacht einen Glutkegel, um den herum sich Menschen mit verbrannter Haut zu einer unfreiwilligen Schicksalsgemeinschaft formieren.

Busreise durch ein grimmiges Land. Szene aus "Tempestad" von Tatiana Huezo
Busreise durch ein grimmiges Land. Szene aus "Tempestad" von Tatiana HuezoFoto: Arsenal-Kino

Oft stehen diese Gezeichneten an den Außengrenzen der mexikanischen Gesellschaft: Arme, Alte oder sklavenähnlich Dienstleistende für jene, die sich ein besseres Leben leisten können. Wie in den großartigen Filmen von Nicolás Pereda, ein Höhepunkt der Reihe. In „Los ausentes“ („The Absent“, 2014) wird über das Leben eines alten Mannes im bürokratischen Stakkato entschieden: Sein Land gehöre dem Staat, die kleine Hütte darauf müsse weg. Als die Bagger zum Planieren anrollen, ist der Greis bereits in die Wälder gezogen. Einem Geist begegnet er dort, der jüngeren Version seiner selbst.

Viele Filme der Reihe erzählen von Gewalt und Gleichgültigkeit

Halluzination und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit verwischen. Peredas Kamera spürt den letzten Regungen eines abgehängten Lebens nach: Wie der Mund die Worte eines Lieds hervorzubringen versucht, die Hände die Mechanik einer Pistole gefügig machen oder ein Essen über dem Feuer gekocht wird, während auf dem Soundtrack des Films unvermittelt ein Punk-Song lospeitscht.

Bei Pereda behaupten die Körper in ihrer fast grenzenlosen Leidensfähigkeit eine widerständige Restkraft – selbst dort, wo der Geist schon in die Umnachtung driftet. Dagegen ist in Natalia Almadas Film „Todo lo demás“ (2016) der übersortierte Alltag einer Verwaltungsangestellten bis zur totalen Verhärmung bereits in ihrem Auftreten ablesbar. Die Gewalt, von der so viele Filme dieser Reihe erzählen, beginnt schon in der systematischen Erziehung zur zwischenmenschlichen Gleichgültigkeit. Und Gleichgültigkeit lässt Mauern errichten. In „Todo lo demás“ ist es eine flüchtige Berührung, Haut an Haut, die sie durchbricht.

„Durchlässige Grenzen“, Arsenal, bis 30. Juni.

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