Micha Ullman : Im Restlicht des Gedenkens

Dieser Künstler hat Berlin eines seiner schönsten Kunstwerke geschenkt und wird dennoch ziemlich schnöde behandelt - zum 70. Geburtstag von Micha Ullman gibt es zwei Ausstellungen in Berlin und ein stadt-politisches Ärgernis.

Christina Tilmann
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Versunkene Welt. Die Installation "Unten" in der Galerie von Alexander Ochs. -Foto: Alexander Ochs Galleries Berlin/Micha Ullman

Das Glas ist halb voll. Das Glas ist halb leer. Wie man’s nimmt. Micha Ullman, der sanfte Skeptiker, der nie große Worte macht, sondern lieber mit den dichten, buschigen Augenbrauen ein Fragezeichen hinter seine leisen Sätze setzt, für ihn ist das Glas voll, als er in der Galerie von Alexander Ochs in Mitte steht. So viele Freunde in Berlin, und alle sind sie hier: „Ich fühle mich zu Hause.“ Dass andere das Glas eher leer sehen, bis auf einen bitteren Bodensatz, und das Gefühl haben, dass dieser Künstler, der Berlin mit der an die Bücherverbrennung erinnernden „Bibliothek“ auf dem Bebelplatz sein wichtigstes, schönstes Kunstwerk geschenkt hat, in dieser Stadt nicht gebührend geehrt, ja im Gegenteil ziemlich schnöde behandelt wird, das soll an diesem Abend kein Thema sein. Und doch klingt es immer mit, in den Beiträgen der Festschrift, die der Galerist gemeinsam mit Matthias Flügge zum 70. Geburtstag des Künstlers herausgegeben hat. Und so wird auch hinter der krankheitsbedingten Absage von Kulturstaatssekretär André Schmitz politisches Einknicken vermutet – zu Unrecht. Doch davon später mehr.

Das Glas, halb voll oder halb leer, ist im Boden versunken. Und ist auch eigentlich kein Glas, sondern ein Trinkbecher, aus rostigem Stahl, und in ihm, knapp vor dem Überlaufen, roter Wüstensand aus der Gegend von Tel Aviv. Eine halbe Heimat, die hat sich der als Sohn deutscher Emigranten in Tel Aviv geborene Micha Ullman in den hellen, schicken Galerieraum von Alexander Ochs gebaut, Tische, Stühle, Trinkbecher, alles, was man braucht, um mit Freunden ein schönes Fest zu feiern, doch die Gegenstände sind halb versunken im weißen Galerieholzboden, manchmal stehen nur noch die Stuhlbeine hervor, eine Ecke des Tischs oder die Platte. Ein bisschen Titanic-Gefühl kommt auf, eine untergegangene (Lebens-)Kultur, und gleichzeitig das tröstliche Empfinden, dass diese Möbel vielleicht gar nicht untergehen, sondern nur untertauchen und wieder auftauchen könnten, an anderer Stelle. Er gehe mit seiner Kunst zurück in die Zeit, hat Micha Ullman immer wieder gesagt. Vielleicht ist es aber auch eine Reise durch die Zeit und durch den Raum.

Quer durch Berlin geht die Reise, von der Mittegalerienwelt an den Askanischen Platz. Auch die Guardini-Galerie, in direkter Nachbarschaft zum neuen Sitz des Tagesspiegel, richtet dem Künstler zum Geburtstag eine Ausstellung aus, zeitgleich zu der bei Ochs, und doch ein subtiles Gegenbild. Dort die Gegenstände, das Haptisch-Greifbare, hier die Gedanken, die verfliegen. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Becher bei Ochs, und in der Guardini-Galerie ist es das Buch, der Hort der Gedanken, so verlässlich wie verletzlich. Luis Jorge Borges, der große argentinische Magier, hat in einer Erzählung das „Sandbuch“ erfunden, ein Buch ohne Anfang und ohne Ende, so flüchtig wie Sand, immer, wenn man es aufschlägt, ist die Passage, die man gelesen hatte, verschwunden. So ein Sandbuch hat auch Micha Ullman geschaffen, in fünffacher Ausführung. Voluminös liegt es da, aufgeschlagen, aufgeblättert, zugeschlagen, wenn man näher hinblickt, ist nur der Bucheinband fest, aus rotem Stahl, die Seiten sind Sand, und so flüchtig wie der. So wie auch die Möbel bei Ochs aus Sand sind und nicht nur im Boden zu versinken, sondern beim ersten Luftzug auch zu verfliegen drohen. Scheue, flüchtige Kunstwerke, so wie der Künstler selbst scheu ist, auf eine unendlich liebenswürdige Art.

Und noch einmal weiter treibt Ullman sein System, in seiner für die Guardini-Ausstellung neu geschaffenen Arbeit „Ohne Worte“. Ein ganzer Galerieraum ist leer, und auf dem Boden, mit rotem Sand gemalt, die Spuren von Büchern, wie Fußabdrücke. Eine Schüttarbeit, wie Ullman sie liebt, er hat roten Wüstensand über die Buchsammlung geworfen, und als die dann weggenommen wurden, blieben nur die weißen Flecken am Boden, in einem Meer von Rot. Ein subtiles Spiel mit Anwesenheit und Abwesenheit, Präsenz und Erinnerung, Verlust und Verewigung, und eine konsequente Weiterentwicklung des Ullman’schen Universums, das mit Worten spielt, auch wenn es „ohne Worte“ heißt. Mit den Worten spielt, die im Kopf entstehen, in einer unendlichen Assoziationsreihe, die seine Arbeiten auslösen, aber auch mit Worten, die sich ganz konkret auf den Boden zeichnen, zum Beispiel in der schönen, zu Unrecht fast vergessenen Berliner Stadtraumarbeit „Blatt“ an der Lindenstraße, wo Bänke die Grundrisse einer von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge nachzeichnen. Sieht man das von oben, könnten die Bänke auch Textzeilen im Talmud sein, mit Absätzen, Pausen, Zwischenräumen.

Auf Spuren von Micha Ullman durch Berlin, das ist auch eine unterirdische Reise, wenn man die S-Bahn nimmt, man steigt herab und wieder herauf, so wie Ullman immer mit unterirdischen Räumen arbeitet, mit verschiedenen Ebenen, mit tiefen Einblicken. So funktioniert sein bekanntestes Werk, die leere Bibliothek auf dem Bebelplatz, die an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten gemahnt und die immer im Raum steht, wenn es um Ullman geht. So funktioniert aber auch das Kunstwerk „Stufen“, das er für die Matthäus-Kirche am Kulturforum entworfen hat und für das derzeit Gelder gesammelt werden. Sieben Stufen, die in den Kirchenboden führen, bedeckt mit rotem Sand.

Und auch das Werk, das er gerade im Skulpturengarten des Israel-Museums in Jerusalem eingeweiht hat, „Tagundnachtgleiche“, eine Sitzbank, die wie eine Sonnenuhr funktioniert, der Sitzende blickt durch eine Glasplatte, die Wanderung der Sonne schafft Licht und Dunkel, wie ein Fenster, wie eine Tür, und der Schatten des Betrachters als Zeitmesser dazu.Tag und Nacht, Licht und Schatten, Hell und Dunkel, daraus besteht Ullmans Kunst. „In den Schärfen des Restlichts entdecken wir die Genauigkeit des Gedenkens“, hat Joachim Sartorius im einem Geburtstagsgedicht zu Ehren Micha Ullmans geschrieben. Und in einer schönen, kongenialen Idee hat ein Mitarbeiter von Alexander Ochs für die Festschrift das Mahnmal auf dem Bebelplatz fotografiert, einen ganzen Tag lang, 24 Stunden, jede halbe Stunde. Ein Platz als Bühne, mit einem Denkmal, das niemals ruht, auch nachts nicht, wenn selbst um zwei oder drei Uhr Nachtschwärmer mit Fahrrädern an der leuchtenden Öffnung pausieren, magisch angezogen von einer Leere, die zur Erleuchtung wird.

Paare, Passanten, wie in einem Theaterstück von Botho Strauss – den Vergleich zieht Friedrich Meschede in seinem Fest-Essay. Und spart gleichzeitig nicht mit bitteren Worten, was die öffentliche Nutzung des Bebelplatzes angeht: Buddybären, Kunsteislaufbahnen, Tiefgarage, Modenschau.

Und damit sind wir doch wieder weg von der Kunst und mitten in der Politik, die zum 70. Geburtstag des Künstlers nicht einmal einen Festakt ausrichtet. Stattdessen gibt es zweimal im Jahr auf dem Bebelplatz die „Mercedes Benz Fashion Week“, die das Mahnmal mit einem Zelt überdeckt, es bleibt zwar zugänglich, in Umbaupausen, doch der leere Raum zum Atmen, der Himmel, die Wolken, das Licht, alles, was sich nach dem Willen des Künstlers in der Glasplatte spiegelt, bleibt ausgeschlossen, ist verstellt. Die Tiefgarage rund um das Mahnmal, schon das war ein Sündenfall, doch die Fashion Week, die auch an anderen Orten als auf dem harmonischen Bebelplatz Erfolg haben könnte, ist ein bleibendes Ärgernis, jedes halbe Jahr neu.

Und so kann auch der Geburtstag am kommenden Sonntag kein reines Fest der Freude sein, Licht und Dunkel, sie mischen sich auf schmerzhafte Weise. Es sei eine „unerträgliche Schande“, wie wegen paar Silberlingen für die Staatskasse dieses Kunstwerk überdeckt und banalisiert wird, wütet Matthias Flügge bei der Ausstellungseröffnung. Der BBK, der Verein Bildender Künstler in Berlin, schreibt einen Brief an Mercedes Benz, in dem er, wenn schon nicht die Achtung vor dem historischen Ort, so doch wenigstens den Respekt vor schöpferischer Leistung einklagt. Doch Micha Ullman sagt leise, wie Bartleby der Schreiber: „Ich möchte lieber nicht“, wenn man ihm vorschlägt, doch für sein Recht zu prozessieren, die Anwälte würden bezahlt, die Chancen stünden nicht schlecht. Und recht hat er, denn nicht seine, des Künstlers, Sache ist es, darüber zu wachen, was mit diesem Mahnmal geschieht, sondern unser aller Sache, allein aus Verantwortung, vielleicht auch aus Scham. Was auf dem Bebelplatz passiert – es ist zum In-den-Boden-Versinken.

Micha Ullman, geboren am 11. Oktober 1939

in Tel Aviv, lebt in Ramat Hasharon/Israel. Er hat in Jerusalem und London studiert und ab 1976 an den Kunstakademien in Düsseldorf, Haifa und Stuttgart gelehrt. 1989, im Jahr des Mauerfalls, war er als Gast des DAAD in Berlin. 1995 erhielt er den

Käthe-Kollwitz-Preis, 2009 den israelischen Staatspreis.

Berliner Ausstellungen:

Unten. Alexander Ochs Galerie, Sophienstraße 21, Di bis Fr 10 bis 18, Sa 11 bis 18 Uhr.

Sandtag. Guardini-Galerie, Askanischer Platz 4, Di bis Fr 14 bis 19 Uhr.

Bibliothek. Bebelplatz. Immer offen, Tag und Nacht.

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