Michael Degens Roman "Der traurige Prinz" : Gipfeltreffen von Gauklern

Lebensbeichte eines versoffenen Schauspielidols: Michael Degen erzählt in „Der traurige Prinz“, wie er dem Wiener Weltstar Oskar Werner begegnete.

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Überflieger. Der Wiener Weltstar Oskar Werner 1965 in London.
Überflieger. Der Wiener Weltstar Oskar Werner 1965 in London.Foto: Imago

Einen eigenartigen Untertitel hat der kluge und verdiente Schauspieler und Autor Michael Degen da gewählt. „Roman einer wahren Begegnung“– was, bitte schön, ist das? Ein Paradoxon, wie es die Kombination aus dem allgemein mit Fiktion gleichgesetzten Substantiv „Roman“ und dem Adjektiv „wahr“ nahe legt? Eine lange Prosaerzählung, die als Dokument gelesen werden will, sich aber vorbehält, auch Fantasie zu benutzen? Oder eine schöngeistig verklausulierte Vorsichtsmaßnahme, um etwaigen Rechtsstreitigkeiten mit den Bewahrern des unbefleckten Angedenkens an das österreichische Darstellergenie Oskar Werner aus dem Weg zu gehen? Tja.
Eines jedenfalls ist der Schauspielerroman „Der traurige Prinz“, in dem Michael Degen eine Zufallsbegegnung mit Werner verarbeitet, nicht – ein Schauspielerroman. Dazu kommt die durchaus packende Schilderung dieser durchplauderten und durchsoffenen Nacht 1983 in Vaduz einfach zu direkt, zu wenig literarisch, zu wenig reflektierend daher. „Bericht einer Begegnung“, das trifft’s eher. Da wäre Degen auch den zugleich hehren und stark verbrauchten Zusatz „wahr“ los, bei dem sofort die Alarmglocken schrillen. Was mag wohl „wahr“ oder „unwahr“ sein an Erinnerungen? Zumal unter Künstlern, die in diesem Buch Pfauenräder schlagen und ihre Egos spreizen, dass es nur so funkt.

Oskar Werner legt eine Lebensbeichte ab

Was aber ist eigentlich geschehen? 1983 gastiert der heute 83-jährige Michael Degen, der immer noch regelmäßig als Vizequestore Patta in den Fernsehverfilmungen von Donna Leons Brunetti-Krimis zu sehen ist, mit einer Theatertruppe in Liechtenstein. Unter der Regie von Ingmar Bergman spielte Degen in Strindbergs „Fräulein Julie“. Hinterher passt ihn ein Herr mit hellen Haaren, hellen Augen und heller Stimme ab und lädt ihn in sein Haus oberhalb von Vaduz ein. Es ist – Oskar Werner. Geboren 1922, gestorben 1984, König des Burgtheaters, Star des europäischen- wie des Hollywood-Kinos, gefeierter Rezitator, gefürchteter Exzentriker und Säufer ebenso wie Wiener aus Passion.
Ein Idol nicht nur für den Kollegen Degen, das sich im Laufe des detailreich dokumentierten, endlosen, von Fernet Branca und Veltliner umspülten Gelages als menschlich und künstlerisch gescheiterter Melodramatiker entpuppt. Es ist eine Art Lebensbeichte, die der als Oskar Josef Beschließmayer geborene Großschauspieler vor dem Kollegen ablegt.
Er klagt über die kalte, notorisch suizidale Mutter, schildert Nazizeit, Kriegs- und Nachkriegswirren, Karriereanfänge und Welterfolge, aber auch Feind- und Freundschaften, wie die zum umstrittenen Werner Krauß („Jud süß“), die den Juden Michael Degen, der die Nazizeit mit der Mutter in Verstecken überlebte, wie er in seiner eindrucksvollen Autobiografie „Nicht alle waren Nazis“ (1999) erzählt hat, ziemlich empört.

Ich will nicht ich sein müssen

Kubrick, Truffaut, Ophüls, Kramer, Gründgens, Meinrad, Burton, Taylor – große Namen, amüsante Anekdoten, Kollegenschelte und Gauklerklatsch ziehen in endlosem Parlando vorbei. Fast scheint es, als wolle sich Oskar Werner alles aussprechend ein letztes Mal des entgleitenden Lebens und der entgleitenden Karriere versichern – inklusive allgemeiner Gedanken über das Wesen des Künstlertums und den Zustand des Theaters.
Warum er mit 16 Schauspieler geworden ist? „Um nicht ich sein zu müssen“, benennt er Werner Krauß zitierend sein Lebensdrama. Warum ihn das nicht glücklich gemacht hat? „Das Theaterspielen wird ewig ein Beruf für Unerwachsene bleiben.“ Werners Rat an Degen, der – wenn er eine Chance erhält – mit eigenen Lebens- und Bühnengeschichten kontert: „Werden Sie nie so wie ich.“ Was dieser offensichtlich beherzigt hat. Auch in dem er sich nicht nur das Spielen, sondern auch das Schreiben erobert hat, wie der „Traurige Prinz“, sein inzwischen sechstes Buch, zeigt.

Michael Degen: Der traurige Prinz. Roman einer wahren Begegnung. Rowohlt Berlin, 256 S., 19,95 €

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