Kultur : Michael, der Eroberer

Das andere Amerika? Was Europäer von Moores Anti-Bush-Film „Fahrenheit 9/11“ lernen können

Christiane Peitz

Das Klavier spielt immer wieder den gleichen Ton, eindringlich, unnachgiebig, nervtötend. Es ist Dienstag, 9 Uhr morgens. Der Präsident der Vereinigten Staaten besucht einen Kindergarten in Florida, an der Tafel hinter ihm wirbt die Parole „Reading makes a country great“ für die Kulturtechnik des Lesens – als Mittel, die Nation voranzubringen. Auch der Präsident wird gleich lesen: „The Pet Goat“, ein Kinderbuch.

Ein Mann tritt an seine Seite und flüstert ihm ins Ohr: „The nation is under attack.“ George W. Bush reagiert nicht auf die Nachricht vom Angriff auf das World Trade Center. Er blickt ins Ungefähre, sein Gesicht wird leer. Während die USA gerade den schlimmsten Terroranschlag in ihrer Geschichte erleben, tut ihr Präsident nichts. Sieben lange Minuten lang. Er steht nicht auf, fragt nicht nach, erteilt keine Order, wackelt nur mal mit dem Kopf. Und greift sich das Buch, um daraus vorzulesen.

Die Kindergarten-Szene ist einer der Höhepunkte in „Fahrenheit 9/11“, Michael Moores Dokumentarfilm-Hit über Bushs Amtszeit von der fragwürdigen Wahl im November 2000 bis zum Irak-Krieg. Jener Dokumentation, die es als erste in der Geschichte des Genres an die Spitze der US-Charts schaffte, die mittlerweile in 2000 amerikanischen Kinosälen läuft, zum Wochenbeginn dort die 100-Millionen-Dollar-Marke überstieg und morgen auch in Deutschland mit der Rekordzahl von 200 Kopien startet. Für Moore, der mit seinem Anti-BushPamphlet eine zweite Amtszeit des Republikaners verhindern will, ist die Szene ein gefundenes Fressen. Zeigt sie doch die Dummheit des Präsidenten.

Das Bild vom leeren, ein wenig tumben Gesicht von George W. Bush ist in der Tat ein großartiges Kinobild. Denn man kann sehen, was geschieht, wenn die Maschine namens Politik plötzlich stillsteht, weil die Wirklichkeit sie überfordert. Ein Realitätsschock. Weil der Apparat nicht mehr funktioniert, gibt er sein Innerstes frei. Der Medienpolitiker, zur Kenntlichkeit entstellt.

Michael Moore ist ein genialer Dokumentarist, weil er das Potenzial dieser Bilder erkannte. Das Fernsehen zeigte jedoch nur den kurzen Moment, in dem der Präsident vom Anschlag auf das World Trade Center erfuhr, nicht aber die schier ewig lange Phase seiner Nichtreaktion. Aber Moore liegt gleichzeitig falsch, wenn er damit die Dummheit des Präsidenten zu beweisen glaubt (vielleicht zögert Bush ja, weil er nachdenkt; warum soll ein Präsident nicht mal nachdenken?) und dies mit entsprechenden Einblendungen und dem permanent repetitierten Klavierton insinuiert.

Das ist die Crux von „Fahrenheit 9/11“: Was Michael Moore in seine Bilder hineininterpretiert, ist längst nicht so erhellend wie das, was sie tatsächlich zeigen. Eben diese Crux aber macht den Film für uns Europäer interessant. Denn an das Bush-kritische Europa ist er ja gar nicht gerichtet: Wenn Moore an die frappierenden Unregelmäßigkeiten bei der letzten Präsidentenwahl erinnert, die Verbindungen zwischen dem BinLaden-Clan und der Bush-Familie nachzeichnet, die Irakkriegslügen, die Öl-Connections und die Regierungs-Strategien der Angstmache aufzeigt, verteidigt er die amerikanische Bevölkerung gegen ihren Präsidenten. All das ist Wahlkampf. Und warum nicht? Warum soll sich ein Filmemacher, der ja auch Wähler und Bürger ist, nicht mit seinen Mitteln in die Politik einmischen? Warum nicht mit der Verve politischer Agitation? Dem hiesigen Zuschauer geht der Predigerton allerdings ziemlich auf die Nerven, auch wenn er ironisch aufgelockert ist.

Andererseits macht gerade das Propagandistische den Film im „alten Europa“ sehenswert. Es ist eine sehr amerikanische Art, mit der Moore seinem Publikum die Wahrheit einbläut, es im Sekundentakt mit Informationen bombardiert, mit einem Schnellfeuer der Argumente. „Fahrenheit 9/11“ ist Entertainment als Aufklärungsfeldzug, mit Comedy-Pointen unterlegt und Filmmusik hochgetuned, wie man sie aus den HollywoodKriegsschinken kennt. Unangenehm. Aber man begreift: Unangenehm ist vor allem die Erkenntnis, dass die These von den zwei Amerikas nicht stimmt. Es stimmt nicht, dass es einerseits die offizielle, aggressive, kulturlose, imperiale Weltmacht der Vereinigten Staaten gibt und andererseits das Amerika der Gegenöffentlichkeit, der Bürgerrechtler, der Peaceniks, der guten alten Popmusik. Was wir an den USA lieben und am großen Bruder hassen, es ist dasselbe.

Berühmt und Dokumentarfilmer – das waren Begriffe, die einander ausschlossen. Michael Moore, der einstige Nobody mit der Baseballkappe aus Flint/Michigan, der es mit Ehrgeiz, Cleverness und Unverfrorenheit zum berühmtesten Dokumentarfilmer aller Zeiten gebracht hat, verkörpert die Einheit des vemeintlichen Gegensatzpaars: der Bush-Nation und des anderen Amerikas, des Mainstreams und der Subkultur. Der Publikumsliebling zumal der Europäer trägt eben jene Charakterzüge, die er seinem Lieblingsfeind so übel nimmt: Er beherrscht die Technik der Invasion. Wie ein Bulldozer verfolgt Moore auf der Straße Kongressabgeordnete mit der Frage, ob eins ihrer Kinder im Irak kämpfe. Und alles rennet, flüchtet, rettet sich.

Michael, der Eroberer. Die Lautstärke, mit der Moore seine Bilder umstellt, macht sie nicht unwahrer. Häufig verwendet er Aufnahmen, die er nicht selbst gedreht hat: Bilder von Fernsehteams, „embedded journalists“, Hobbyfilmern. Offizielles Material: Jeder Sender hätte sie zeigen können. So beschämt der Dokumentarist auch die Journalisten und erinnert sie an ihre vornehmste Pflicht: die Kunst, Informationen zu entziffern und die Aussagekraft von Bildern zu entdecken.

Er zeigt amerikanische Soldaten, die sich mit Kopfhörer unterm Helm bei der Panzer-Tour durch Bagdad mit „Burn, Motherfucker, Burn“ in Stimmung bringen. Dann zeigt er die Mutter, die um ihren im Irak kämpfenden Sohn bangt. Schnitt, Gegenschnitt: erst das Abscheuliche, dann die Tränendrüse. Später sieht man die Demütigung irakischer Gefangener: keine Fotos wie aus Abu Ghraib, sondern bewegte Bilder von der Tüte, die dem Gefangenen über den Kopf gezogen wird, und der schiefen Haltung, mit der er vor der Kamera posieren muss. Ein anderer Gefangener liegt zugedeckt auf einer Bahre, und ein US-Soldat ruft: „Guck mal, Ali Baba hat einen Steifen!“ Zum ersten Mal sieht man amerikanische Folterer in Aktion. Und dann sagt einer: Du kannst niemanden töten, ohne auch ein Stück deiner Seele zu töten.

Zu all dem hat Michael Moore eine schlichte, allerdings nicht falsche These: Der einfache US-Bürger wird von Kriegstreibern à la Bush verheizt. Aber wieder sind seine Bilder stärker: Sie konfrontieren den Zuschauer mit der Unmöglichkeit der Unterscheidung von Täter und Opfer. Die Bestie Mensch und der Armselige, dem Mitleid gebührt – sie haben das gleiche Gesicht. Noch ein Anblick, der schwer auszuhalten ist.

Gegen Ende wird „Fahrenheit 9/11“ immer patriotischer. Kronzeugin für Moores These vom verratenen Volk ist Lisa Lipscomb, einfache Mutter aus Flint, die vor ihrem Häuschen die Flagge aufpflanzt und sich tapfer freut, dass ihr Sohn im Irak endlich etwas Anständiges tut. Bis sie die Nachricht von seinem Tod erhält. Lisa Lipscomb liest weinend seinen letzten Brief vor, klagt die Regierung an, reist nach Washington und bricht vor dem Weißen Haus zusammen. Für Leute wie Lisa Lipscomb hat Michael Moore seinen Kino-Feldzug gestartet, auch er ein Patriot. Und wieder lässt das Pathos, mit dem er in „Fahrenheit 9/11“ für sein Vaterland eintritt, den europäischen Zuschauer ahnen: Die Amerikaner sind ihm fremder, als jede Einigkeit beim BushProtest ihn bisher glauben ließ.

Michael Moore hat seinen Film gedreht, um gegen das Weltbild der Bush-Regierung plakativ das eigene zu setzen. In seinen bessseren Momenten gelingt es „Fahrenheit 9/11“, Weltbilder jeglicher Art zu erschüttern.

Ab Donnerstag in 14 Berliner Kinos. OmU im Zoo-Palast, OV im Cinestar Sony-Center und Odeon

Michael Moore, 1954 in Flint, Michigan, geboren, wollte Priester werden, ging aber in die Lokalpolitik. Mit Mitte 20 gründete er die Zeitschrift „The Flint Voice“ . Sein erster Dokumentarfilm „Roger & Me“ (1989) handelte von Stellenstreichungen bei General Motors. Für „Bowling for Columbine“ (2002) über Waffen in den USA erhielt er einen Oscar. Mit „Fahrenheit 9/11“ gewann er in Cannes die Goldene Palme. Seine Bücher „Stupid White Men“ und „Volle Deckung, Mr. Bush“ sind Bestseller.

SEIN NÄCHSTER FILM ,

„Sicko“, ist schon in Arbeit. Moore will darin mit der US-Gesundheitsindustrie abrechnen.

BERLINER PREMIERE

von „Fahrenheit 9/11“ ist heute Open Air im Hof des Schlosses Charlottenburg. Karten an den Vorverkaufsstellen. Einlass ab 20.30 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben