Kultur : Michael Gielen spielt mit der Staatskapelle Schönberg und Dvorák

Sybill Mahlke

Die alte traurige Weise geleitet "Pelleas und Melisande" auf dem Weg in die Neue Musik - sei der Terminus auch überholt von der jungen Gegenwart. Mit ihrer Aufführung der Symphonischen Dichtung von Arnold Schönberg steht die Staatskapelle Berlin einerseits noch in der Nähe des Festwochen-Themas Mahler, zugleich aber dort, wo sich Tristan und Aron imaginär begegnen, wo eine Liebesszene noch einmal den Zauber der Hochromantik beschwört, das Posanenglissando indes, unheimlich, Gefahr in unterirdischem Schlossgewölbe zeichnend, ins Unbekannte vorstößt. Diese Position von "Pelleas und Melisande" in der Musikliteratur klingt aus der Interpretation, die im Schauspielhaus unter Michael Gielens Leitung aufblüht. Dass dieser Dirigent als Principal Guest Conductor der Staatsoper wirkt, eine Weltkarriere im Rücken, mit ersichtlich gewordenen Taten für die zeitgenössische Musik - es fügt der turbulenten Berliner Orchesterszene und deren Karussell der Pultstars ein stilles Glanzlicht hinzu. Und die Staatskapelle spiegelt jetzt auch in internationaler Konkurrenz, zuletzt im Revier der Wiener Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen, was sie neben Daniel Barenboim an Gielen hat: Präzision als Haltung und Anschauung.

Mit Debussys "Pelléas et Mélisande" und Schönbergs "Pelleas und Melisande" stehen zwei Kompositionen am Anfang des 20. Jahrhunderts, deren Schöpfer an Maeterlincks Drama gegangen sind, ohne in dieser Sache voneinander zu wissen. Richard Strauss hat seine Hände im Spiel und der gerade allerwärts fällige Millennium-Rückblick einen signifikanten Tupfer.

Heute Abend wird Gielen Unter den Linden die Debussy-Oper dirigieren, deren Bekanntheitsgrad dem Verständnis des Schönberg-Stücks zugute kommt. So sind die Charaktere der Melisande, des Golo und des Pelleas musikalisch anschaulich, wenn sehr flexibel das Scherzo der "Kinder"-Szene am Brunnen ausmusiziert, die Liebe im großen Adagio abgefeiert und die Gesichter des Todes gemalt werden. Oboen, Soloviola, Englisch Horn, Kontrabass-Tuba - sie vermitteln Struktur und Ausdruck zugleich.

Auch die Programmgestaltung des Abends jongliert mit dem Phänomen Zeit, denn weniger als ein Jahrzehnt liegt zwischen Schönbergs Werk und Dvoráks Cellokonzert Opus 104, das ganz dem 19. Jahrhundert gehört. Was ein Amerikaaufenthalt damals bedeutet, klingt als Sehnsucht nach Böhmen aus der Neuen Welt. Wenn sich Heinrich Schiff als ein Solist, der mit der Interessantheit seiner Diktion über die Regionen des Leisen verfügt, und Michael Gielen dem Stück zuwenden, zwei Musiker, die eher dem intellektuellen Typus zuneigen, wird die Ferne des Heimatgefühls zum Thema der Interpretation.

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