Michael Gwisdek im Interview : "Ich war ein Typ wie John Travolta"

Michael Gwisdek verkaufte Kochendwasser-Automaten, nagelte in einer Brigade, trank einen mit Sergio Leone – und freute sich über Buhrufe auf der Berlinale.

Interview: Jan Schulz-Ojala,Christina Tillmann
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Michael Gwisdek. -Foto: Thilo Rückeis

Michael Gwisdek, 68, Gastwirtssohn aus Berlin-Lichtenberg, spielte viele Jahre an der Volksbühne und später auch in zahlreichen Filmen. 1999 bekam er für seine Rolle in „Nachtgestalten“ den Silbernen Bären. Gwisdek, der seit Jahrzehnten keine Berlinale ausgelassen hat, lebt in der Schorfheide.




Was wollt ihr denn hier?

Wir wollen Sie interviewen, wie vereinbart.

Zeitung oder Fernsehen?

Zeitung.

Seid ihr West oder Ost?

West, Herr Gwisdek.

Ich sag euch gleich, wir waren alle Stasi. 30 Jahre eingesperrt, und gehungert haben wir auch!

Wir wollen eigentlich über die Berlinale reden, die ab Donnerstag ihren 60. Jahrgang feiert. Was ist Ihre erste Berlinale-Erinnerung?

Ende der 50er habe ich mich auf Super8 selbst gefilmt, am roten Teppich! Ich war Trabrennfahrer in Karlshorst, und bei der Berlinale war Filmrenntag in Mariendorf, Prominentenfahren. Mit meinem Trabrennfahrer-Ausweis bin ich in das Reservat reingekommen, wo die Berlinale-Stars saßen, von Gert Fröbe bis Rolf Eden. Da war mir klar: Bevor ich jetzt Tischler werde oder die Kneipe von meinem Vater übernehme – das wär’ doch ein Beruf für mich.

Es hat geklappt. Seitdem waren Sie oft auf dem roten Berlinale-Teppich zu sehen.

Ich glaube, ich habe nicht eine einzige Berlinale ausgelassen, irgendwo lief immer ein Film mit mir. Und wenn ich nur mal durchs Bild laufe. Mein bester Defa-Film, „Olle Henry“, wurde 1983 eingeladen – und als der Vorhang aufging, lief stattdessen „Die Ärztinnen“! Die Defa hatte einfach einen anderen Film geschickt, der mehr Heldendramaturgie hatte. Und die Berlinale hat dazu geschwiegen, aus politischen Gründen.

Auf dem bevorstehenden Festival spielen Sie in „Boxhagener Platz“ eine sehr ernsthafte Rolle. Das kennen wir gar nicht von Ihnen.

Was nicht so sehr mit der Rolle zu tun hat, sondern mit Matti Geschonnek, dem Regisseur. Auf ihn konnte ich mich total verlassen, aber beeinflussen kann ich ihn nicht. Es ist Mattis Film, nicht meiner.

Klingt verblüffend zurückhaltend für einen geborenen Schauspieler.

Klar, ein Schauspieler ist einer, der sich gern produziert, schon bei Tante Ernas Geburtstag. Ich habe das von meinem Vater. Er war als Kneiper in Lichtenberg berühmt, ein richtiger Entertainer. Für einen Lacher hätte er seine Oma verkauft: Das ist das Grund-Gen eines Schauspielers.

Sie waren bestimmt auch Klassenclown.

In der Schule waren wir ein Dreigespann von wichtigen Jungs. Der Bernd Rümpler – ist ja drollig, ich habe überhaupt kein Namensgedächtnis, aber diesen Namen weiß ich noch – war der George Clooney der Klasse und hatte alle Mädels. Auf dieser Skala war ich, sagen wir mal, die Nummer drei. Also habe ich wie ein Idiot Rock’n’Roll geübt und damit später auch mein Taschengeld aufgebessert, in Wettbewerben.

Rock’n’Roll in Lichtenberg?

Nee, vor dem Mauerbau bin ich immer nach West-Berlin und hab mir Taschengeld verdient, indem ich kleine Tanzwettbewerbe gewonnen habe. Bis die Grenze kam, habe ich gelebt wie dieser Typ aus „Saturday Night Fever“...

... John Travolta …

… Travolta, genau: jeden Abend weißes Hemd, dünner Lederschlips, Anzug, Neunzehner-Schlag unten, und das mit 16! Wir haben jeden Abend Höhensonne genommen, damit man etwas Farbe hat, und sind los. Ich durfte mit einem Freund den Besitzer des Trabrennstalls immer zum Ku’damm fahren, der wollte da noch was trinken. Wir hatten bis zum Abholen immer vier, fünf Stunden Zeit. Und kutschierten mit diesen Autos rum.

Was war denn Ihr erstes eigenes Auto?

Ein Ford Taunus 12 M. Ich führte ja ein Doppelleben damals, ein Jahr vor dem Mauerbau. In West-Berlin arbeitete ich als Vertreter für Kochendwasser-Automaten und kriegte pro Verkauf 60 Westmark. Die habe ich dann gleich verballert. Aber für den Reisegewerbepass brauchte man eine Wohnung und ein Auto in West-Berlin. Die Wohnung habe ich bei Rolf Eden bekommen, mit dem ich mich angefreundet hatte, und für das Auto habe ich 200 Mark angezahlt. Nach dem Mauerfall stand es allerdings nicht mehr da, wo ich es 30 Jahre vorher abgestellt hatte.

Wie sind Sie denn nun zum Film gekommen?

Mein Vater war selbstständig, ich wuchs in der harten Phase auf, in der nur Leute studieren durften, deren Vater, Großvater und Urgroßvater waschechte Arbeiterklasse sind. Also wollte ich nach West-Berlin auf eine Schauspielschule, zu Hilde Körber. Dazu brauchte ich das Geld als Handelsvertreter. Ich habe auch in der Kneipe meines Vaters gejobbt.

Als die Mauer gebaut wurde, waren Sie neunzehn. Wie kamen Sie damit klar?

Ich hab erst mal zwei Jahre vorm Fernseher gesessen und geguckt, was wird. Das Einzige, was ich schauspielerisch machen konnte, war der „Dramatische Zirkel“ im Arbeitertheater Friedrichshain, aber für die Aufnahme an einer offiziellen Schule hat es damals nie gereicht. Da habe ich mir gesagt, okay, Bitterfelder Weg, Künstler in die Produktion, ich will die schwerste Arbeit, die es in der DDR gibt. Also steckten sie mich in eine Spezialbrigade im Transformatorenwerk Oberspree, wo Eisenbahnwaggons verladen wurden, jeden Tag sieben Stück. Nachts um drei ging es los, und um sieben war Abfahrt.

Keine halben Sachen.

Einfach in die Produktion, das wäre ja langweilig gewesen. Ich hatte einen 700-Gramm-Hammer, einen richtig dicken, den ich wie einen Colt behandelt habe. Die ersten Wochen hatte ich keine Haut mehr an den Fingern. Pitschnass sind wir von den fahrenden Waggons abgesprungen und mitten im Winter zurückgelaufen, im offenen Hemd. Als wir ankamen, war der Schweiß gefroren. Nach einem Jahr war ich zweitbester Nagler der Brigade.

Wenn wir uns hier in Ihrem Zuhause in der Schorfheide umschauen – Veranda, Wintergarten, Holzhaus im Garten: alles Marke Eigenbau?

Ich hab das Haus von meiner Tante geerbt, und gleich nach der Wende hab ich das Blockhaus da hinten gebaut. Ein Mann muss in seinem Leben ein Haus gebaut haben. Weil ja nun Westen war, wurde mir das Blockhaus im Paket per Kran über den Zaun gesetzt. Die Nachbarn wollten mir helfen, aber ich habe gesagt: „Dann ist ja der Witz raus, ich will das Haus allein bauen.“ Als ich das Dach oben mit Holz genagelt habe, ist denen die Kinnlade runtergefallen: Ding-Bong-Dong- Tschumm, Ding-Bong-Dong-Tschumm, das Geräusch hörte man im ganzen Dorf. Ein Schauspieler, der so schnell nageln konnte! Wir haben immer weitergebaut, hier den Wintergarten, noch einen Gang und oben die Fenster rein und hier den Eingang verlegt, und hier noch einen halben Meter, und bloß nicht absägen, das Wichtigste ist immer, nicht absägen. Wenn ich Geld brauchte, hab ich halt noch einen Film gedreht. Heiner Müller hat gesagt: Arbeit, die Spaß macht, ist keine. Na, dann habe ich noch nie gearbeitet.

So glücklich kann kein Mensch sein.

Nur einmal ging’s mir wirklich schlecht. Zu DDR-Zeiten sollte mir dieses Haus weggenommen werden, dabei verbinde ich damit früheste Kindheitserinnerungen. Wir waren aus Berlin weg, ausgebombt, und mit meiner Mutter und meiner Tante hier untergekommen, und da waren noch zwei jüdische Familien hier versteckt. Plötzlich sollte ich das Haus Stasi-Leuten als Wohnraum zur Verfügung stellen, nur weil ich keine Zuzugsgenehmigung hatte. Doch dann wollte es der liebe Gott, an den ich ja nicht glaube, dass ich gerade in Chicago den Silbernen Hugo als bester Schauspieler bekommen hatte. Der Filmminister rief an und bat mich gleichzeitig, die Nachricht für mich zu behalten, weil es ein West-Film war …

… Hark Bohms „Fall Bachmeier“, das war 1984 ...

… der wurde genehmigt, weil Bohm ein Linker war. Ich aber konnte mit dem Preis Druck machen. In der DDR hatte man einen Wunsch frei, wenn man was für das Land eingefahren hatte. Bei einer Olympiamedaille zum Beispiel: Was willst du – ein Auto, einen Lada? Oder: Hast du ein Problem, können wir dir irgendwie helfen? So durfte ich das Haus „zu Wochenendzwecken“ nutzen.

Sie hätten stattdessen vielleicht auch einen Ausreiseantrag stellen können.

Das habe ich mir erst ein paar Jahre später überlegt, vor meinem ersten eigenen Film „Treffen in Travers“. Ich habe dem Defa-Chef Hans Dieter Mäde gesagt: „Ich muss einen Film machen. Wenn nicht hier, dann woanders.“ Damals kriselte es schon, es gab Unruhe am Theater, und ich immer vorneweg. Bei den Foyer-Gesprächen nach jeder Vorstellung sagten die Leute heulend in der Öffentlichkeit Sachen, die sie bisher nur in ihrer Küche gesagt hatten – diese Erlebnisse werde ich nie los. Mäde machte einen Deal mit mir: „Mach den Film, aber lass meine Leute in Ruhe, ich will hier keinen unruhigen Laden wie bei euch am Theater.“ Ich hab mich dran gehalten. Unsere Aktionen am Theater reichten mir völlig.

Unmittelbar nach dem Mauerfall bekamen Sie den Bundesfilmpreis für Ihre Rolle in Roland Gräfs „Tangospieler“. Danach war jahrelang nichts.

Der Preis für den „Tangospieler“ war eine politische Entscheidung, so gut fand ich mich gar nicht. Aber als die Mauer aufging, dachte ich: Ich hab jetzt ein Bein drin. Ich gehörte ja zu den fünf Leuten in der Spätzeit der DDR, mit denen man „Annäherung durch Kulturaustausch“ machte. Als Pfand hatten die meinen Sohn Robert und meine Frau Corinna Harfouch, es war also klar, den können wir schicken, der kommt wieder. Als ich dann aber keine Angebote bekam, begriff ich, dass ich mich alleine kümmern muss. Ich bin jetzt Individuum. Dabei bin ich als Kollektivmensch aufgewachsen. Überall Kollektive: im Haus, auf der Arbeit, am Theater.

Ein paar Jahre später, 1998, lief Ihr letzter Film als Regisseur auf der Berlinale – „Das Mambospiel“. Es hagelte Verrisse.

Wissen Sie, für mich ist ein Glas immer halb voll, nie halb leer. Als „Das Mambospiel“ im International lief, gab es gefühlte 20 Minuten Standing Ovations: Nicht einen Buhruf! Das fand ich scheiße. Gott sei Dank gab’s Buhs im Zoo-Palast. Ich dachte: Ist doch toll, du polarisierst. Dabei habe ich an dem Film alles falsch gemacht. Mein Ziel ist eigentlich immer: Ich mache den besten Film der Welt, Tarantino soll richtig sauer sein darüber. Aber mir war wichtiger, mit einem schon 263 000 Mal gescheiterten Projekt nicht zu scheitern. Das war mein Ehrgeiz: Ich nicht!

Wie kam’s?

Der erste Produzent, der mit mir den Film machen wollte, war Horst Wendlandt. Aber er war plötzlich in Geldnöten, weil sein letzter Bud-Spencer-Film gefloppt war. Dann kam Günter Rohrbach und wollte gleich sechs Millionen lockermachen. Aber ich wollte nur einen kleinen Stab und mir nicht reinreden lassen. Der nächste powerte mich mit seinen Änderungsvorschlägen aus, dazu kam noch die Trennung von Corinna … Schließlich haben ein paar NDR-Fernsehfuzzis das Ding finanziert, das Drehbuch war völlig geändert, mir war alles scheißegal, Hauptsache, der Vorhang geht auf. Dass ich dann als einziger Deutscher gerade mit diesem Film auf der Berlinale rauskam! Da waren die paar Buh-Rufe noch gar nichts.

Welche Begegnungen, welche Vorbilder haben Ihre Arbeit entscheidend geprägt?

Einmal kam Sergio Leone in die DDR. Fünf Leute durften einen Abend mit ihm in der Kneipe verbringen, und ich war dabei. Leone sagte, das Drehen mache ihm keinen Spaß, beim Schneiden entstehe der Film. Das stimmt: Ich kann mit Scheißmaterial etwas zusammenschneiden und einen Sound drunterlegen, das geht immer. Ein gelernter Schnittmeister schneidet nach Bewegung und Reaktion, ich nach Emotion. So wie Martin Scorsese: Der würde diese Aufnahme nehmen (verharrt sekundenlang schweigend und unbeweglich, greift dann zur Zigarette) – eine Aufnahme, wo Robert de Niro gar nichts macht und dann zur Zigarette greift. Andererseits ist da dieser Woody Allen, der sagt: Ich weiß gar nicht, was die so haben mit dem Schneiden. Er hat immer zwei ganze Menschen im Bild, nicht nur zwei Köpfe, und die laufen und quatschen, dann ist die Szene fertig und er klebt die nächste an, und in drei Tagen ist der Film geschnitten. Ich dachte, so mach ich das auch beim „Mambospiel“. Hat natürlich nicht geklappt, weil meinen improvisierten Szenen immer der zweite Teil fehlte.

Ihr Sohn Robert ist auch als Schauspieler erfolgreich. Ein Generationenkonflikt der eigenen Art?

Die schlimmste Zeit ist im dritten, vierten Studienjahr: Papa, ich weiß ja nicht, ob du schon mal von Tarkowski gehört hast ... und ich darauf: Och nö, irgenwie nicht. Und er dann wieder: Du mit deinem Steven Spielberg, das ist doch Mist. Und ich: Nö, find ick jut.

Sie mögen Spielberg?

Ich bin ein verkitschter Hollywood-Fan. Schon als Junge bin ich mit meiner Mutter zum Gesundbrunnen gefahren, ins Alhambra, und wir haben uns alle drei James-Dean-Filme hintereinander angesehen. Aber ich hatte auch so eine Zeit, da gab’s nur Godard und sonst niemand. Am Anfang hat Robert sich abgegrenzt, wollte auf keinem Foto mit mir zusammen sein. Ist ja auch doof: Man dreht, und alle erzählen dir Geschichten von deinen Eltern.

Und wenn der Sohn eines Tages Nummer Eins wird?

Ich hab damit kein Problem, anders als mein eigener Vater. Als der hörte, dass ich Schauspieler werde, hat er vor mir ausgespuckt. Ob ich größenwahnsinnig sei? Ich sollte schön da bleiben, wo wir alle sind. Bei meinem Sohn hoffe ich eher, dass er irgendwann den Oscar kriegt.

Was war die schönste Zeit in Ihrem Leben?

Die letzten zehn Jahre. In meinem wilden Leben hatte ich immer im Hinterkopf, das letzte Lebensdrittel sollte vielleicht etwas Sicherheit bringen. Ich wollte immer das große Abenteuer, wie Indiana Jones – aber mit dem Gefühl, fünf Meter im Off stehen Sicherheitsleute mit Tauchanzügen, rechts ist eine Kaffeebar, ein Auto zum Aufwärmen und zwei Assistentinnen, die sagen, zieh mal lieber noch die Wärmesocken drunter. Also: Raus in die Kälte. Und dann gleich wieder rein!

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