Kultur : Michael Heltau: Kennen Sie den?

Christoph Funke

Trauer soll nicht sein. Nicht über Alter und Vergänglichkeit, nicht über das Flüchtige des Augenblicks. Michael Heltau, längst zum "idealtypischen" österreichischen Schauspieler geworden, widmet sich mit seinen Liedern und Chansons einer mutigen, wenn auch leicht wehmütig gefärbten Zuversicht. Der da am Mikrofon steht, ist ein Weiser, der diese Weisheit mit freundlicher Ironie aufhebt, ein Philosoph, der lächelnd weitergeben will, was er erfahren hat. Heltau spielt mit Wirklichkeiten, führt die Härte des Gegebenen in Fantasie und Traum hinüber. Die Lieder haben eine Nachdenklichkeit, die sich mit dem schnell Sichtbaren nicht zufrieden gibt.

Aber Heltau ist dann doch nicht nur der Zurückhaltende, der den Alten Zugetane, sondern auch der Schalk, der Komödiant, und das große Kind. Jeder Streich ist ihm Recht, er liebt das "Milieu", er feiert die Clowns, er verneigt sich vor den Kindern. Der rote Luftballon steigt, die Kugel im Bühnenhimmel dreht sich und versprüht Lichter, es geht nach Amsterdam und hinein ins Karussell. Übermut packt den Sänger, plötzlich spielt er kleine Szenen, durchmisst den Raum, macht kleine Geschichten nur mit Armen und Händen anschaulich.

Der Abend heißt "Kennen Sie den...?" Heltau will, dass die Leute Spaß haben, Spaß am Hintergründigen, am Doppeldeutigen, und er verteidigt auch hier das Leben, wie es eben ist - widersprüchlich, unerklärbar, schrecklich, schön. Traumhaft sicher, ob zärtlich, behutsam, deftig oder frech, fügt sich der singende Schauspieler in alle Gefühlslagen, gestaltet die Rhythmen der Melodien wie aus einer verschwörerischen Laune. Heltau steht dabei das Christoph-Pauli-Quartett zur Seite, eine Gruppe von Solisten, die dem Meister folgen bis in die feinsten Verästelungen des Vortrags hinein, die Temperament haben, unaufdringliche Virtuosität und eine spürbare Lust am Musizieren. Die Mehrzahl der vorgetragenen Lieder und Chansons stammt von Jacques Brel, aber auch Friedrich Hollaender, Yves Gilbert, Jacques Trenet und viele andere sind im zweistündigen Programm vertreten. Heltau verschweißt sie zu einem Ganzen, und nach einem etwas ruhigen, dunklen Beginn hängt ihm das Publikum an den Lippen. Am Schluss türmen sich die Blumen auf dem Flügel - aber es ist noch lange nicht Schluss. Auch das "allerletzte Glas" ist eben nicht das letzte, es geht noch ins kleine Café, es wird in vielen Liedernweiter gefeiert, geträumt, geliebt, getrunken. Heltau und die Zuhörer können sich nicht trennen, und zu den beiden Teilen des Liederabends gesellt sich so ein Dritter. Kein Wunder, dass sich Heltau über Berlin und die Berliner freut.

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