Kultur : Michael Jackson bringt kein Glück

Noch ein Feuerwehrball: „Wilde Bienen“ erzählt eine Dreiecksgeschichte aus Mähren

Hans-Jörg Rother

Wenn der verlorene Sohn heimkehrt, mischen sich Freude und Zorn. Traurig sind sowieso alle, weil Petr nur ein paar Tage bleiben wird, weil die Familie längst keine mehr ist und jeder ein Problem hat. Durchwachsene Stimmungen sind eine Spezialität der tschechischen Kinokomödie, seit den Filmen Jiri Menzels und Milos Formans, den Bohdan Sláma am Schluss ausführlich zitiert. Wehe dem Zuschauer, der auf Eindeutigkeit wartet und in der scheinbar verworrenen Szenenfolge einen klaren roten Faden sucht.

Die Episode vom verlorenen Sohn ist nur Beiwerk, wie vieles, das dann doch gebraucht wird, damit ein dicht verwobenes Bild vom Leben in dieser armseligen Gemeinde irgendwo in Mähren entsteht. Drei Antihelden hat der Film: Petrs verträumter Bruder Kaja, die wunderbar burschikose Verkäuferin Bozka und das Naturtalent Lada, den die Leute als Imitator Michael Jacksons schätzen. Auf dem Feuerwehrball ist Ladas Nummer fest eingeplant, aber da rollen dem Burschen die Tränen übers Gesicht, denn Bozka gibt vor seinen Augen Kaja den Vorzug. Die Posen des exzentrischen Amerikaners bringen an diesem Ort kein Glück. Und die kleine, bestimmt nie weinende Bozka (hervorragend gespielt von Tatiana Vilhelmová) könnte eine neue Wunschfigur der tschechischen Seele sein: die Mutter liederlich, die Lebensverhältnisse mies, doch Bozka bewahrt ihr heiteres Gemüt und den sicheren Blick für gute Menschen.

„Divoké vcely“ gewann vergangenes Jahr in Rotterdam, San Francisco, Cottbus und Sotschi. Cineastisch gebildete Zuschauer kommen spätestens gegen Ende des Geschichtenreigens auf ihre Kosten, wenn der junge Regisseur den Höhepunkt von Formans „Feuerwehrball“ aus dem Jahr 1967, einer goldenen Zeit des tschechischen Films, adaptiert, dessen ausufernder Lustigkeit aber mit bitteren Tränen begegnet. Der berühmte Kollege besetzte sämtliche Rollen mit Laien, Sláma mischt gestandene Schauspieler darunter. Dokumentare Einsprengsel wie ein fröhlicher Abend bei den Romas am Ortsrand, ein heißes Thema in Tschechien, zeigen, welche weit gespannten Absichten der Absovent der FAMU verfolgte. Seine Geschichten sollen kleine Zeichen setzen, ohne die Situation zu verfälschen. Der Vater, Bahnbeamter auf einer Station, wo offenbar kein Mensch mehr aussteigt, wünscht seinen Söhnen mehr Sinn für „die Vertikale“ im Leben – das Geistige. Doch im tristen Alltag muss hier der Einzelne viel Witz aufbringen, um nicht in der Traurigkeit zu ertrinken. Man kann es, sagt nicht nur das Happyend von Bozka und Kaja.

In Berlin in den Kinos Balazs und Neue Kant

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