Michael Morpurgo: "Nur Meer und Himmel" : Was ist Großvater im Krieg geschehen?

Michael Morpurgo erzählt von der Kunst der klugen Nachfrage und Gemma O'Gallaghan hat dazu wunderbare Bilder geschaffen

Ulrich Karger
Erst auf dem Meer - frei von familiärer Kontrolle - offenbart sich der Großvater seinem Enkel und erzählt von seiner furchtbaren Gesichtsverletzung.
Erst auf dem Meer - frei von familiärer Kontrolle - offenbart sich der Großvater seinem Enkel und erzählt von seiner furchtbaren...Foto: Gemma O'Gallaghan

Michaels Großvater sah fürchterlich aus. Das Gesicht von Verbrennungen entstellt, hatte er nur noch dreieinhalb Finger an der einen Hand und an der anderen gar keine mehr. Als Michael noch kleiner war, war sein Großvater immer wieder die Hauptperson eines immer gleichen Albtraums. Doch das Aussehen war für Michael gar nicht das Schlimmste. Er hätte sich seinen Großvater bei seinen wenigen Besuchen gern genauer angesehen – aber den Großvater bei Tisch „anzustarren“, verboten ihm seine Eltern, die auch nicht mit Michael über Großvaters Verletzungen reden wollten. Dieses Schweigen fand Michael besonders schlimm. Aber er hörte nicht auf sich zu fragen, was damals im Zweiten Weltkrieg genau geschehen war und wie sich der Großvater diese schrecklichen Verletzungen zugezogen hatte. Es sollte einige Zeit vergehen, bis dieser von sich aus das Schweigen brach und Michael davon erzählte.

Michael Morpurgo ist ein mehrfach preisgekrönter Kinder- und Jugendbuchautor und zuletzt durch die für den Oscar nominierte Verfilmung von „Gefährten“ auch einem breiteren Publikum bekannt geworden. In „Nur Meer und Himmel“ erzählt er die Geschichte seines Großvaters, die auch seine eigene Lebensgeschichte mitgeprägt hat. Ausgehend von dem Albtraummotiv seiner frühesten Kindheit entfaltet Morpurgo mit großer Sogkraft, wie das Ausschweigen eines in seinen Auswirkungen offensichtlichen Traumas dieses Trauma immer größer macht und am Ende nicht nur den Verletzten, sondern die ganze Familie leiden lässt. Nichts Außergewöhnliches, waren doch gerade die äußeren wie inneren Verletzungen der Überlebenden des Zweiten Weltkrieges für nicht wenige Familien über Jahrzehnte hinweg bestimmend.

Zum für junge Leser ermutigenden „Gegenmittel“ wird das Enkelkind, das weniger als die Erwachsenen weiß, aber umso genauer spürt, was notwendig wäre. Und genau das wiederum erleichtert dem Großvater, eine Brücke zu schlagen und sich zu öffnen. Ein glückliches Ende, das aber nicht zuletzt auch die Augen dafür öffnet, wie wichtig das Bewahren des Friedens ist, um kriegsbedingte Verletzungen erst gar nicht entstehen zu lassen. Gemma O'Gallaghan hat das Buch mit Siebdrucken illustriert, die mit ihren Pastellfarben und der Linienführung an die 50er und damit in etwa an die Kinderzeit Morpurgos gemahnen, ohne dabei altbacken zu wirken – im Gegenteil, diese Bilder sind von großer Eindringlichkeit, lassen aber der Fantasie genügend Spielraum, anstatt sie durch allzu große Detailgenauigkeit einzugrenzen. Insgesamt ein Buch, das auch wegen der unruhiger gewordenen Gegenwart mit seinen Flüchtlingen aus aktuellen Kriegsgebieten wichtig und bemerkenswert ist – nur schade, dass seine schön gestaltete Ausstattung ihren Preis hat. Dabei würde es sich auch sehr gut für den Unterricht eignen.
Michael Morpurgo: Nur Meer und Himmel. Die Geschichte meines Großvaters. A. d. Engl. von Uwe-Michael Gutzschhahn. Fischer KJB Verlag, Frankfurt a. M. 2015. 55 Seiten. 14,99 Euro. Ab 12 Jahren.

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