Kultur : Michael Naumann stellt sich der Hauptstadtpresse vor (Glosse)

Frederik Hanssen

Jetzt ist auch Michael Naumann in Berlin angekommen: Im vorläufigen Domizil des Bundeskanzlers, dem ehemaligen Staatsratsgebäude, hat sich auch für den Kulturstaatsminister und zwölf seiner insgesamt 150 Mitarbeiter ein Plätzchen gefunden. Wer ihn besuchen will, darf allerdings nicht glauben, er könne einfach auf dem Schlossplatz vorfahren. Der Weg zur Kultur führt auch auf Bundesebene durch die Hintertür - und die befindet sich in diesem Fall passenderweise in der Neumannsgasse. Das Foyer mit der haushohen Glasmalerei sieht noch aus wie zu DDR-Zeiten. Neu sind nur die repräsentativen Blumengestecke. Eines davon ragte fast mannshoch vor dem Mikrofon auf, in das Naumann gestern früh warme Begrüßungsworte an die "Kolleginnen und Kollegen von Presse, Hörfunk und Fernsehen in Berlin" sprach. Auf gute Zusammenarbeit und so. Sicherheitshalber ist der Minsterbereich weiträumig durch eine rote Kordel abgesperrt worden, so dass die elektronisch verstärkte Ministerstimme in der Weite des Treppenhauses ordentlich Hall entfaltete. Nur etwas Neues hatte Naumann nicht zu erzählen. Beide Hände in den Hosentaschen, rekapitulierte er seine altbekannten Pläne (Bündnis für den Film, Holocaust-Mahnmal, Novellierung des Stiftungsrechts, Museumsinsel) und erklärte, die Förderung der Hauptstadtkultur sei nicht sein Hobby, sondern eine "nationale Pflicht".

Erst beim Thema Vertriebenverbände lösen sich seine Hände aus den Hosentaschen: "Lesen Sie mal das Vertriebenenförderungsgesetz", empfiehlt er, "da steht von Verbänden gar nichts drin." Und außerdem müsse doch die Frage gestattet sein, warum die Zuwendungen für die Vertriebenen beim Amtsantritt Helmut Kohls acht Millionen betrugen und am Ende seiner Ära 46 Millionen. Dann ist die Deutsche Welle dran: Es sei ihm völlig egal, ob an deren Spitze ein CDU-Mann stehe, seine Sparforderungen seien schließlich nicht parteipolitisch gesteuert: "Von mir aus kann der Intendant auch in der DVU sein." Yes, minister.

Im übrigen gab sich Naumann ganz samtpfötig - schließlich gehört es zu seinen politischen Zielen, unter Deutschlands strengen Intellektuellen den "fröhlichen Genuss" von Kultur endlich wieder salonfähig zu machen. Außerdem will er seine Politikerkollegen öfter ins Theater schicken - denn dort lassen sich Seelen öffnen. Seine eigene Seele wollte Naumann den Journalisten allerdings nur "off the records" öffnen, also nicht zum offiziellen Gebrauch: so sehr er Berlin auch liebe, der Umgangston des Wachpersonals im Reichstag sei ja wohl das Letzte. Selbst als Mitglied der Regierung werde man da angeschnautzt. Natürlich hat dpa diese vertrauliche Information sofort via Nachrichtenticker an alle Zeitungsredaktionen Deutschlands gepetzt. Willkommen in Berlin!

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