Michael Nyman : Sittichgemälde

Maerzmusik (2): Der britische Komponist Michael Nyman brachte Ende der Siebziger für eine Oper nur Fragmente zustande. Die wurden nun von dem deutschen Künstler Carsten Nicolai, der sich als Produzent eines zarten, vertrackten Minimal-Techno Alva Noto nennt, einer Remix-Prozedur unterzogen.

Kai Müller

Sie war eine exzentrische englische Dame, und einen Vogel hatte sie auch. Den nannte sie Sparkie, ein grüner Wellensittich. Und sie setzte sich in den Kopf, ihm Sprechen beizubringen. Auf dem Foto von Frau Mattie Williams, das in einer Vitrine im Haus der Berliner Festspiele ausliegt, sieht man eine rührend schrullige Lady, Typ: Miss Marple, mit riesigen Brillengläsern einen Vogel herzen. Von ihren Bemühungen weiß man durch eine Autobiografie (der Dame, nicht des Vogels) und einer Schallplatte, die vom Vogelsamenhersteller Caperns vertrieben wurde. Wie daraus die einstündige Sound- und Text-Collage „Pretty Talk for George Brecht – Sparkie the Opera “ wurde, die jetzt im Rahmen der Maerzmusik zu später Stunde aufgeführt wurde, ist ebenso umständlich zu erklären, wie es der Titel suggeriert. Deshalb nur so viel: Als der britische Komponist Michael Nyman das Thema Ende der Siebziger für eine Oper aufgriff, brachte er nur Fragmente zustande. Die wurden nun von dem deutschen Künstler Carsten Nicolai, der sich als Produzent eines zarten, vertrackten Minimal-Techno Alva Noto nennt, einer Remix-Prozedur unterzogen.

Das Ergebnis ist ein bedrohlich grummelndes, von den üblichen Knispel- und Knurpsel-Geräuschen einer minimalistischen Laptop-Musik untermaltes Hörbild in neun Akten. Nyman beschränkt sich auf repetitive Pianofiguren, wie man sie auch aus seinen Filmarbeiten für Peter Greenaway kennt, eine Schauspielerin schildert mit den Worten Mattie Williams, wie es mit Sparkies Sprachkünsten voranging, während eingespielte O-Ton-Schnipsel die Wortgewandtheit des kleinen Papagei-Verwandten wiedergeben. Doch die unterkühlte, durchtechnisierte Aufführung lässt sich auf die Merkwürdigkeiten dieses Prozesses nicht ein. Nymans reduziertes Tastenspiel will ebenso insistierend sein wie Williams’ Einbimmsungsbemühungen. Aber es schlägt daraus musikalisch kein Kapital. Der Sprechakt gerinnt weder zu Melodie noch etwas anderem. Allein, dass Nyman schon 1978 Sample-Techniken einsetzte, ist als Bezug zu dürftig. Wie eine alte Frau ihre übermäßige Liebe kanalisiert, ein Vogel als Imitator auftritt und zum nationalen Star aufsteigt, müsste mehr als technizistisches Dröhnen und Rauschen im Trockeneisnebel hervorrufen. Kai Müller

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