Kultur : Michael Voges, geb. 1953

Der Tagesspiegel

Fünfzehn Uhr, Zeit zum Aufstehen. Ein Wecker? Nein, einen Wecker hat er nicht. Wecker reißen Menschen aus ihrer Welt hinaus, aus der Traumwelt. Michael Voges war keiner, der sich aus seiner Welt herausbegab. Michael Voges blieb da drin – und kam darin um. Zum Tod aber später, jetzt ist es Nachmittag, Frühling, 1989. Das Land liegt in Agonie, das Ende ist nah, Michael Voges geht es gut. Er ist 36 Jahre alt, er ist geborgen.

Micha wälzt sich langsam aus seinem Bett, und alles ist wie immer. Besonders lange und besonders tief hat er nicht geschlafen, aber irgendwann steht jeder mal auf. Und sei es wegen der Katze. Das dicke, schwarze, verwöhnte Ding braucht sein Fleisch. Micha holt die Zellophantüte aus dem Tiefkühlfach, nimmt ein bisschen Rindfleisch heraus und lässt heißes Wasser drüberlaufen. Das Fleisch taut, wird rot, immer röter, Blut löst sich und fließt in den Ausguss. Da ist es, dieses schimmernde, kräftige Rot.

Die Katze bekommt ihr Fleisch, Micha macht sich seinen Tee, chinesischen aus der roten Blechbüchse. In der DDR haben den viele getrunken. Dazu isst er Toastbrot, raucht sein erstes Zigarillo. „Sprachlos“ heißt die Marke, ein merkwürdig passender Name für das kratzende Zeug in dem kleinen grauen Land mit den vielen Menschen, die nie was sagen. Micha muss jetzt ohnehin nicht reden, er ist allein. Liest Zeitung, trinkt Tee, raucht. Wenn er mit anderen zusammensitzt, raucht er auch und muss auch nicht viel sagen. Er weiß viel, liest viel, interessiert sich für die Dinge. Warum sollte er das den Leuten immerzu erzählen? Er ist Maler.

Deshalb geht er jetzt auch los, verlässt sein Haus an der Bornholmer Straße. Die ist breit und trotzdem still, denn sie endet an der Mauer. Mit der U-Bahn fährt er bis Thälmann-Platz, später: Mohrenstraße, die Station vor dem Potsdamer Platz – 1989: Endstation, auch hier alles ganz still, die Mauer. Auf dem Weg zur Arbeit begegnet der Maler ein paar Ministerialbeamten auf dem Weg von der Arbeit. In ihren Aktentaschen haben sie vielleicht die Fuwo, die Fußballwoche. Micha hat die auch dabei, beim Fußball überschneiden sich die Leidenschaften.

Der Himmel ist rot

Jetzt noch fünf Minuten zu Fuß, und er ist da. Die Akademie der Künste, ein graues, zerbröselndes Haus gegenüber dem Brandenburger Tor. Daran steht „Grenzgebiet – Betreten verboten“. Mit seinem Sonderausweis kommt Micha hinein.

Erster Stock, das Atelier. Durch die großen Fenster fällt die Spätnachmittagssonne, das Licht ist gelb wie der Sand zwischen den Grenzmauern. Es ist ganz still, man kann den Grenzsoldaten beim DDR-Bewachen zugucken und den Hasen und den Füchsen beim ungestörten Hin- und Herlaufen. Auch Micha wird von niemandem gestört.

Er schaltet das Tonband ein, düstere, laute Musik, die die schwarz gekleideten Jugendlichen mit der Trauerattitüde so gerne hören. Joy Division, This Mortal Coil, solche Sachen. Und Micha grübelt ein bisschen und malt. Nimmt ein großes Blatt vom Vortag, viel Schwarz ist darauf und: viel Rot, leuchtend, kräftig. Seit kurzem durchbricht Micha die Düsternis mit Rot. Er übermalt das Bild von gestern, dreht es, irgendwas hat da nicht gestimmt, mal sehen, was jetzt rauskommt. In einem Interview, ein Jahr später wird er versuchen, seine Arbeit so zu erklären: „Da sind so Geschichten passiert, da hab ich ’ne Menge rausgefunden. Dass man zwei Rots übereinander stellt, stellen kann – hab ich einfach mal gemacht – und das eine Rot gibt so was wie Himmel, und das da drunter, ein Helleres, das in so’n Grün übergeht, oder als Form in so’m Grün sitzt, was so tundrisch wieder ist, und das Rot steht zwar aufrecht irgendwie, es steht sowohl aufrecht und liegt; es liegt auch in dieser Landschaft und ist dazu noch wie so . . . als wenn das Himmelslicht ausgegossen würde.“

Im Verband verhungert keiner

Und Micha macht eine Flasche ungarischen Weißwein auf, Solti Riesling. Arbeitsnahrung für den Mann, der vor langer Zeit mal Deutsch- und Zeichenlehrer war. Ein Jahr dauerte das, dann hat ihn die Abteilung Volksbildung gehen lassen. Seitdem hat Micha nur noch gemalt, ein paar Kurse an der Volkshochschule gegeben, Malzirkel geleitet. Mit drei- oder vierhundert Mark konnte man über die Runden kommen. Dann nahmen sie ihn in den Verband Bildender Künstler auf, und Micha, 34 Jahre alt, war da, wo er hingehörte. Er lag jetzt in einem Nest, in dem ihm nichts geschehen konnte. Verbandsmitglieder können nicht verhungern. Sie bekommen ihre Aufträge, und so lange sie keine unpassenden politischen Ideen äußern, dürfen sie vor sich hin werkeln. Micha ist jetzt Meisterschüler, hat sein Atelier in der Akademie und auch ein gutes Monatsgehalt.

Er muss nicht berühmt werden, er muss nichts verkaufen. Er kann seine Bilder drehen und wenden, kann sie übermalen, kann grübeln, kann tief in seiner Welt bleiben. Da ist der Blick aus dem Atelierfenster über die Mauer hinweg nichts als ein Blick auf Sand, Bäume und Himmel. Dass die Bäume da drüben zum Tiergarten gehören, zum Westen – ach, was soll’s. Micha lebt hier, lebt für sich, malt für sich.

Gegen elf kommt Susi. Vor etwa einem Jahr ist sie Micha zum ersten Mal begegnet, das war am Weinregal der Arnimplatz-Kaufhalle. Micha legte zwei Flaschen in seinen Korb und sah Susi lange in die Augen. Dem Blick kann sie nicht die ganze Zeit standgehalten haben, denn sie erinnert sich noch genau, was in seinem Einkaufskorb lag. Zwei Schachteln Sprachlos, eine Büchse Eberswalder Würstchen, ein Bund Lauchzwiebeln und ein Stück „französisches Weißbrot“, so hießen die Baguettes damals. Am Abend dieses Tages haben sie sich geliebt.

Jetzt verlassen sie das Haus im Grenzgebiet (Susi ist da mit einem Model-Ausweis hineingekommen), laufen die menschenleere Straße Unter den Linden entlang, winken jedem Auto zu, denn jedes Auto könnte ein Schwarztaxi sein. Richtige Taxis gibt es in Ost-Berlin viel zu wenig, also fährt man Schwarztaxi.

Sehnsucht und bessere Ahnung

Zum „1900“ soll’s gehen. Alles klar, das „1900“ am Kollwitzplatz kennt jeder, der Taxi fährt. Seit sie das „Wiener Café“ in der Schönhauser zugemacht haben, treffen sich hier die Leute, die man später „Szene vom Prenzlauer Berg“ nennen wird. Dazu gehören viele, und noch mehr möchten gern dazugehören. Also muss man draußen, vor dem „1900“ warten, um reinzukommen. Gute Chancen hat, wer schon ganz oft drin war. Micha zum Beispiel. Und Susi gehört ja zu ihm.

Drinnen kennen sich die Leute, die Maler, die Schreiber, und auch ein paar, die gar nichts tun. Es sind fast nur Männer, die da das Wort führen, die Frauen sind vor allem jung und schön. Man redet über sie, welche liebt gerade wen, man redet über die Kunst, und man redet über den Westen, wer darf gerade mal rüber, wer ist drüben geblieben? Viele sind drüben geblieben in den letzten Monaten, und viele, die noch hier sind, haben dieses DDR-Gefühl: Wir sind Der Doofe Rest. Natürlich vermisst auch Micha die Rübergegangenen, natürlich hat auch Micha eine große Sehnsucht nach den fernen Orten. Aber irgendwie ahnt er, dass das Leben drüben nicht sein Leben sein kann. Er weiß, dass er nicht dort hingehört, wo man sich um die wahre Welt wirklich kümmern muss. Die DDR ist ein Land, an dem man mittendrin vorbeileben kann.

Die „Szene“, in der sich Micha bewegt, ist ja keine politische Oppositionellenbewegung. Eine Boheme, das schon eher.

Um eins stehen die Leute, die es ins 1900 hinein geschafft haben, draußen. Ausschankschluss. Also wohin jetzt? Ein paar Wohnungen stehen zur Auswahl, in denen man sich noch trifft, irgendwo kann man immer noch weitertrinken. Wenn der „Solti“ nicht da ist, wird’s doch wohl „Eselsmilch“ geben. Micha spricht wenig, trinkt vor sich hin und zieht an seinem Zigarillo

Einige halten ihn für arrogant, weil er so wenig sagt, andere bemerken ihn gar nicht. Wenn Micha was sagt, muss man sich ein wenig vorbeugen, um ihn zu verstehen. Trotzdem hat er viele gute Freunde. Denn wenn er sich einem – oder einer – allein widmet, dann erzählt er auch was. Dann merkt man, wie viel hinter der kleinen randlosen Brille geschieht, dann gewinnt der Mann mit den gescheitelten halblangen Haaren, der immer ein dunkles Jackett trägt, an Kontur. Und das Gegenüber ist dankbar, dass der Schweiger sich ihm zugewandt hat. Bei der Beerdigung werden viele Leute sein mit Tränen in den Augen, gute, beste Freunde, die Micha mal ganz nah waren und sich untereinander kaum kennen.

Es gibt das Rot nicht mehr

Manchmal beginnen die Männer an einem Abend wie heute, Karten zu spielen. 17 und 4 oder Poker. Susi geht dann, denn das kann lange dauern, und sie muss um acht wieder vor der Schulklasse stehen. Heute kommt Micha mit zu ihr, liebt sie, geht dann heim, wieder allein. Es folgen die Stunden, in denen er liest. Noch ist es Literatur, zumeist düstere, moderne. In einem Jahr, dem Jahr der Wende, wird er sich beklagen, dass es nur noch Zeitungen sind.

In den Jahren danach wird sich Micha häufig beklagen. Er wird Bilder verkaufen müssen. Wie macht man das? Die Leute werden sich nicht mehr so häufig treffen, der ganze Zusammenhalt wird womöglich gar kein echter gewesen sein. In den Galerien wird man sich nicht begegnen, weil es so viele Galerien gibt.

Das Tempera-Rot, das es im Osten gab, gibt es nicht mehr!

Ja, Mensch, dann misch‘ es dir eben zurecht!

Ach, ich muss jetzt anders malen, weil es das Rot nicht mehr gibt.

Aus dem Weintrinken wird ein Weinsaufen werden. Susi wird versuchen, Micha zur Familie zu überreden, sie werden mal zusammenleben, Micha, Susi und die zwei Kinder. Aber Micha kann das nicht, denn das ist anders als sein Leben allein. Da gibt es Zeiten, zu denen man aufstehen muss. Da gibt es einen Wecker.

Micha lebt dann wieder sein eigenes Leben, aber das ist nicht mehr das Leben von damals. Die Käseglocke ist weg. Mit dem Alkohol kann man die Welt auf Abstand halten. Michael Voges hat sich zu Tode getrunken. David Ensikat

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