• Michail Ugarows satirische Gesellschaftsanalyse in der Regie von Barbara-David Brüesch im Berliner Studiotheater bat

Kultur : Michail Ugarows satirische Gesellschaftsanalyse in der Regie von Barbara-David Brüesch im Berliner Studiotheater bat

Christoph Funke

Im Ekel steckt die Kraft. Er allein hält die Menschen bei gesundem Verstand, bei nüchternen und klaren Gedanken. Es ist ein Halbwüchsiger, der diese Gedanken in Michail Ugarows dreiteiligem Stück "Rechtschreibung nach Brockhaus" äußert, ein Käfersammler, hingegeben an sadistische Experimente, die er im Namen der Wissenschaft, des exakten Denkens und richtigen Schreibens verteidigt. Der Autor gab ihm einen besonderen Namen: Juvenal. Was der römische Gesellschaftskritiker, vermutlich im Jahr 58 geboren, mit dem in einer russischen Kleinstadt Ende des 19. Jahrhunderts lebenden Jungen zu tun hat, gehört zu den vielen Anspielungen und poetischen Verschlüsselungen des Stücks. Vordergründig schrieb Ugarow eine Pubertäts-Studie, mit der schwülen Neugier dreier Geschwister vor noch unbekannten, angstvoll vorausgeahnten körperlichen Vorgängen. Aber die Entdeckungen am weiblichen und männlichen Körper, zu denen sich die Halbwüchsigen hinterhältig ermuntern, dienen einer satirischen Gesellschaftsanalyse mit unerbittlich böser Konsequenz. Deshalb Juvenal.

Das Haus, die Welt, in der die beiden Jungen, das Mädchen und die Mutter leben, hat einen Geburtsfehler: den Zwischenboden mit der laienhaft berechneten steilen Treppe. Hier stürzte die Großmutter zu Tode, hier herrschen seitdem dunkle Schrecken - und die Käfer des mit lustvoller Langeweile experimentierenden Juvenal. Jedes aufgespießte Krabbeltier bedeutet den Versuch, über Mord, Folter, Ekel zum Leben zu kommen. In einer trüben, inzestuösen Raserei reibt sich die Familie auf, durch immer neue Treppenstürze, bis alles in der Lähmung einer anderen Raserei endet - der Anbetung von Ordnung, Exaktheit, Vollständigkeit - also einer Rechtschreibung nach Brockhaus.

Michail Ugarow reißt Tschechows melancholischen Spott und komödische Bitterkeit in die Brutalität des Hoffnungslosen. Der nachgeborene Dramatiker entwirft Figuren, die nur noch zum willenlosen Versuchsmaterial taugen. Im Berliner Studiotheater stand die Regiestudentin Barbara-David Brüesch vor der schweren Aufgabe, den Zusammenbruch einer Familie als gesellschaftliches Menetekel deutlich zu machen. Sie wählte dabei nicht unerbittliche Härte, sondern eher ein nun doch wieder Tschechow nahes staunendes Nachdenken. Die Helden haben ein tapsiges Ungeschick, eine mürrische Verschlossenheit, die plötzlich aufbricht in körperlichen Aggressionen, in akrobatischen Stürzen und wilden Balgereien. Ein Streichquartett bringt in den Pausen zwischen den Szenen und auch mitten im Dialog gar so etwas wie schwermütige Stimmung, wie verhaltene Melodie in die böse Geschichte. Barbara-David Brüesch besteht darauf, Lyrisches in dem harten, schneidenden Text zu entdecken, ihn in eine visionäre Ferne zu rücken, schon durch ein Bildfenster, aus dem hoch oben über der Bühne die Jungen wie eine Erscheinung auftauchen und verschwinden.

Die Bühne (Corinne Rusch, Studentin für angewandte Kunst, Wien) ist rustikal auf Holzplanken gebaut, mit der steilen Treppe und dem Zwischenboden, sparsam möbliert durch kurzbeinige Stühle und Sessel. In den ersten beiden Akten bewährt sich besonders die Schauspielstudentin Sandra Hüller als Ljubotschka durch eine wie leicht zerknautschte Naivität, eine durch den ganzen Körper ziehende, noch unbestimmt sinnliche Erwartung. Auch Roeland Wiesnekker als Juvenal zeigt diese Fremdheit den eigenen Gliedern gegenüber, diese Düsterkeit schwerer, gleichsam durch das unerweckt Körperliche gehemmter gedanklicher Arbeit. Der Leonid des Joey Zimmermann und die von der Regisseurin bis zur Selbstentblößung getriebene Mutter der Thordis König erreichen diese Schärfe nicht - und der dritte Teil misslingt dann leider ganz. Larmoyanz wird bestimmend. Die Aggressivität des Beginns, das Rasende, Verzweifelte körperlicher Aktionen wird aufgegeben, Ugarows unerbittliche Analyse verliert sich im Durchschnittlichen. Freundlicher Beifall.Weitere Aufführungen am 14., vom 16. bis 19. und am 22. und 23. September, jeweils 20 Uhr, sowie am 25. September, 22 Uhr.

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