Kultur : Michel Houellebecq: Eine Plattform für Kamele

Sabine Heimgärtner

Michel Houellebecq ist ein Spieler. Leichtfüßig jongliert er mit Überzeugungen und Meinungen, vor allem mit seinen eigenen. In "Plateforme", seinem neuen, dritten Roman, sagt der Protagonist Michel, der als Sextourist in Thailand unterwegs ist: "Der Islam konnte nur in der Öde der Wüste entstehen, inmitten dreckiger Beduinen, die nichts anderes zu tun hatten, als ihre Kamele zu ficken..." An anderer Stelle heißt es: "Jedes Mal, wenn es in den Nachrichten heißt, dass ein palästinensischer Terrorist, ein palästinensisches Kind oder eine schwangere Palästinenser-Frau im Gazastreifen erschossen wurde, durchfährt mich ein wohliges Gefühl der Befriedigung, weil ich dann weiß: Ein Moslem weniger auf der Welt."

Durch die Medien und durch die Moslem-Gemeinde in Frankreich mit immerhin fünf Millionen Mitgliedern ging ein Aufschrei. Zwar distanziert sich der Autor von seinem Helden, mit dem er wieder einmal den Vornamen teilt: "Plateforme" sei Fiktion, und damit basta. Aber Houellebecq liebt, wie er selbst sagt, die Zweideutigkeit. Nach den abfälligen Äußerungen über den Islam in seinem Roman legte er - gar nicht fiktiv - in einem Interview mit der Literaturzeitschrift "Lire" nach: "Der Islam ist die bescheuertste Religion der Welt." Und dann folgte die erste Ausgabe der neuen Literatursendung "Campus". Zu Gast: Michel Houellebecq.

Der Autor sitzt da - blau-kariertes Hemd, blau dekoriertes Fernsehstudio, blauer Zigarettendunst - und zuckt mit den Schultern. "Der Islam, die bescheuertste Religion der Welt ? Das hängt vom Tag ab", antwortet er dem Moderator Guillaume Durand. Ein neuer Versuch: "Sind Sie ein Provokateur?" - "Ja, von Zeit zu Zeit, wenn ich mich langweile, aber mit Ihnen langweile ich mich nicht." Viel nützte Durand dieses Zugeständnis nicht; "Campus" - als Fernsehereignis des Jahres angekündigt - versammelte die crème de la crème" der französischen Literaturkritik und geriet doch zum Flop.

Seit Jahren wurde zu Beginn des französischen Bücherherbsts nicht mehr so intensiv über Literatur diskutiert wie über "Plateforme". Kritiker fragen, ob Houellebecq ein Rassist sei, ein Provokateur, ein zweiter Salman Rushdie. Und die Organisation der Islamischen Konferenz hat die Unesco aufgefordert, "Schritte gegen Houellebecqs Hasstiraden" zu unternehmen. Die Großen Moscheen in Paris und Lyon sowie die französische Islamische Vereinigung reichten Klage gegen das Buch und die Interview-Äußerungen ein - wegen "Anstiftung zum Rassenhass und zur religiösen Gewalt". Jean-Marc Varaut, Anwalt der Pariser Moschee, will die Klage als Vorsichtsmaßnahme verstanden wissen: "Wir gehen vor Gericht, um eine Fatwa zu vermeiden".

Houellebecqs Verlag Flammarion, der bisher 290 000 Exemplare von "Plateforme" verkauft hat, blieb gelassen - und errang einen Teilsieg: Ein Pariser Gericht wies die Forderung der islamischen Verbände zurück, das Videoband der aufgezeichneten "Campus"-Sendung zu beschlagnahmen. Begründung: Houellebecq sei ein Schriftsteller, er repräsentiere nichts weiter als sich selbst.

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