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Michel Schwalbé : Des Meisters erste Geige

26.10.2009 00:00 UhrVon Christine Lemke-Matwey
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Michel Schwalbé. Sein Ton, heißt es, habe der Karajan-Ära den Stempel aufgedrückt. "Sinnentrunken" sei sein Spiel gewesen, "schönheitssüchtig", "leuchtend", "brillant". - Foto: Mike Wolff

Auf ihn wollte Herbert von Karajan nicht verzichten: auf den Mann mit dem verführerischen Ton. 30 Jahre war Michel Schwalbé, der morgen 90 wird, Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Jung wäre er gerne noch einmal. Aber nur unter einer Bedingung.

Der alte Herr hat die Augen geschlossen, fast könnte man meinen, er sei im Sitzen eingeschlafen. Hin und wieder jagt ein Schauer über seine Lippen, und er schüttelt den Kopf, als entrüste er sich. Die Musik in seinem Rücken schmachtet, der langsame Satz aus Camille Saint-Saëns’ h-Moll Violinkonzert, Andantino quasi allegretto, das Konzert ist dem Teufelsgeiger Pablo de Sarasate gewidmet. Für einen Franzosen, knurrt Michel Schwalbé, gar kein schlechtes Stück. Ein polnischer Jude, der sich über die französische Musik lustig macht, und zwar so, wie man es von der ach so tiefsinnigen deutschen Warte aus zu tun pflegt? Typisch Schwalbé.

Halb kokett, halb bitter, politisch selten korrekt. Mit 90, findet er, helfe sowieso nur noch die nackte Wahrheit.

Mit einem Mal fahren beide Hände in die Höhe, so hoch das eben geht. „Hören Sie, passen Sie auf, Frau Margarethe, lauter bitte, lauter ... ach .... taajammtatataata ... jetzt, jetzt kommt der Himmel!“ Frau Margarethe, die Haushälterin, von Schwalbé gerne auch Schwester Margarethe genannt, weil sie mehr kann als Besucher empfangen und Tee kochen, Margarethe also springt auf und dreht an dem gewünschten Knopf. Prompt knackst und knistert es im Himmel, die Lautsprecher krachen, und Michel Schwalbé linst mit glücklichen Augen durch seine Brille. Viele Aufnahmen mit ihm gibt es nicht. Einmal nimmt er die Brille ab, da sieht er plötzlich wie der greise Woody Allen aus, so hager und mit den Lebenskerben eines Clowns im Gesicht. Ein Mensch, der um die Tragik des Daseins weiß. „Sie können ruhig in meine Augen schauen. Sind diese Augen böse? Kann ich böse sein? Nein.“ Wer Schwalbé seine Aufwartung macht, muss mit solchen rhetorischen Überfällen und abrupten Themenwechseln, mit Haken und Ösen im Gespräch rechnen.

Drei prächtige Jahrzehnte lang, von 1957 bis 1986, war Michel Schwalbé Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker: der Mittler zwischen Dirigent und Orchester, eine Art Hohepriester, gefürchtet, beneidet, bewundert, geliebt. Sein Ton, heißt es, habe der Karajan-Ära den Stempel aufgedrückt, „sinnentrunken“ sei sein Spiel gewesen, „schönheitssüchtig“ „leuchtend“, „brillant“, verführerisch. Eine Geige, die singt, die den Gesang niemals abreißen lässt. Das perfekte Legato ist Schwalbés Geheimnis, die rechte Hand, der Bogen, nicht die linke, die man so leicht bewundert, weil es augenfällig ist, dass sich jeder normale Mensch bei solchen verrückt-akrobatischen Verrenkungen die Finger brechen würde.

Schwalbé, so stand früh zu lesen, besitze die Leichtigkeit von Jascha Heifetz, die Wärme von Bronislaw Huberman und den Witz von Fritz Kreisler. Nur ist er nicht so berühmt geworden wie diese drei überlebensgroßen Geiger der Vergangenheit. Aus der Luxushaft des Orchesters wollte oder konnte er sich – diversen Verlockungen zum Trotz – niemals befreien. Fürchtet sich ein Musiker mit seiner Biografie vor dem Solistischen, dem Alleinsein? Der 90-Jährige wirkt plötzlich einsilbig: „Ach wissen Sie, ich bin treu wie ein Hund.“ Als es zwischen Karajan und ihm einmal zu einer Auseinandersetzung kommt, weil der Dirigent seinen Konzertmeister für ein prestigeträchtiges Gastengagement nicht freistellen will, da platzt Schwalbé in aller Form der Kragen. Karajan am anderen Ende der Telefonleitung schweigt, lange, um schließlich einen Satz zu sagen, der Schwalbés ganzes Schicksal und Glück zu besiegeln scheint: „Ich möchte nur wiederholen, dass ich auf Sie nicht verzichten kann.“ Selbstverständlich haben sich die beiden ein Leben lang mit „Herr Schwalbé“ und „Herr von Karajan“ angesprochen. Heutzutage sagen die Philharmoniker einfach „Simon“, wenn sie ihren Chef Simon Rattle meinen, was einerseits der lockeren englischen Art entspricht und für die Generation Schwalbés andererseits unvorstellbar ist. Absolut unvorstellbar.

Schwester Margarethe sagt übrigens „Herr Professor“, was niedlich klingt und ihm gefällt, schließlich hat er neben seiner Orchesterarbeit in der ganzen Welt unterrichtet, in Genf, Salzburg und London – und auch an der Berliner Hochschule der Künste (heute UdK). Dass die in Gestalt ihres damaligen Präsidenten Boris Blacher zunächst gar nicht willens war, weil Karajan den Komponisten Blacher nicht spielte, woraufhin Blacher sich an Karajan zu rächen gedachte, indem er Schwalbé die versprochene Professur verweigerte, verbucht der Geiger unter den „Schweinereien“, die ihm widerfahren sind. Große internationale Wettbewerbe gehören ebenso dazu wie das Intrigennetz, das rund um den Fall der Klarinettistin Sabine Meyer in den 80er Jahren zum legendären Bruch zwischen Karajan und den Philharmonikern führte. Gegen solche Machenschaften ist Schwalbé allergisch. Für ihn seien Wahrheit und Gerechtigkeit nicht teilbar, sagt er und spricht plötzlich doch über seine Biografie, wenigstens indirekt. „Etwas Böses, Kriminelles, wirklich Schreckliches habe ich nie getan. Wenn ich in dieser Sekunde tot umfallen würde und vor dem sogenannten Herrgott erscheinen würde, hätte ich gar keine Angst. Er müsste Angst haben! Warum lässt er solche schlimmen Sachen zu auf der Erde?“ Die Professur hat sich dann doch noch ergeben. Allerdings erst, nachdem Schwalbé, von einem solistischen Angebot ermutigt, den Philharmonikern mit Demission drohte und Karajan den Berliner Senat unter Druck setzte. Daraufhin ist Schwalbé geblieben, ein weiteres Mal für immer.

Der Herr Professor sucht nun ein Notenblatt. Der kleine Couchtisch in der Dahlemer Wohnung ist übersät mit Zeitungsausschnitten, Programmheften und Fotos, eine halbe Banane appelliert an die Vernunft und daran, über Lust und Last der Erinnerung die Gegenwart nicht ganz zu vergessen. „Schwester Margarethe! Schwester Margarethe!“ Das Blatt liegt direkt vor seiner Nase, wo sonst, er kichert, „ich bin doch ein alter Esel, i-aah, i-aah!“ Die Noten zeigen eine seiner Kompositionen, natürlich für Violine solo, seiner Tante gewidmet. Gestochen scharfe Köpfchen und Hälschen, mit Tusche gezeichnet. Ja, ja, der Geiger lächelt huldvoll, schon als kleines Kind habe er die „absolute Präzision“ geliebt. Und sehr schnell sei er gewesen und sehr neugierig, alles habe ihn interessiert, Ameisen, Spinnen, Pflanzen, die Sterne. Das ist so geblieben, der Blick aus den Wohnzimmerfenstern in die Baumwipfel, der Vogelbauer mit den zwitschernden Kanarienvögeln und Wellensittichen, seine Mineraliensammlung – all das bedeutet ihm viel. Yoga hat er gemacht und sich mit Ramakrischna beschäftigt, den Koran kennt er, das politische Geschehen verfolgt er mindestens so akribisch wie das philharmonische, die Astronomie fasziniert ihn. „Ich danke der Perfektion der Schöpfung auf Knien. Schauen Sie“, zwei alte Hände greifen ans Zwerchfell, „bei mir sind alle Türchen offen, ich bin ohne Religion aufgewachsen.“

Geboren wird Schwalbé am 27. Oktober 1919 in Radom/Polen in eine Familie – das ist ihm wichtig – von Geistesmenschen. Beim New Yorker Börsencrash 1929 geht das gesamte Vermögen verloren, man schlägt sich so durch. Der kleine Michel, der damals noch Miecio heißt, weil die Polen mit seinem Vornamen Moses nichts anfangen können, hört eines Tages auf der Straße einen Bettler Geige spielen und wird vom Klang des Instruments ins Mark getroffen. Er studiert bei Moritz Frenkel in Warschau, schließt die dortige Musikhochschule mit zwölf Jahren ab, macht mit dreizehneinhalb Abitur. Ein Wunderkind. Es folgen Studien in Paris, bei dem Komponisten George Enescu und dem Dirigenten Pierre Monteux, der junge Musiker erlebt, wie sich die russische Schule mit französischem Esprit vermählen lässt. Sein Nachname übrigens stammt ursprünglich aus Frankreich, Chevalier, und noch etwas ursprünglicher wohl aus Spanien, Cavallero. 1940 flieht Schwalbé, die deutschen Panzer im Rücken, nach Lyon, die Stadt untersteht dem Vichy-Regime. Vier Jahre lang kann er bleiben, ist Konzertmeister des dortigen Symphonieorchesters. 1944 schließlich rettet er sich, in einem Möbelwagen versteckt, in die Schweiz.

Beruflich geht wieder alles rasend schnell, er lernt ein bisschen Geigenbau, wird Erster Konzertmeister des renommierten Orchèstre de la Suisse Romande, gewinnt den Wettbewerb von Scheveningen, gründet das Genfer Trio und das Schwalbé-Quartett, bekleidet am Genfer Konservatorium eine Professur, spielt am ersten Pult des Luzerner Festivalorchesters, begegnet von Furtwängler bis Toscanini den großen Dirigenten seiner Zeit, gastiert. Und was macht die Psyche? Er ist, ohne dass er je viel darüber gesprochen hätte, der „letzte Mohikaner“, der einzige Überlebende der Familie. Seine „Mutti“ und seine Schwester werden in Treblinka vergast, er habe sich oft vorgestellt, sagt Schwalbé, wie sie zum Duschen geschickt worden seien, nackt und in der Kälte: „Dabei waren die SS-Leute ja menschlich, die haben gesagt, merkt euch, wohin ihr eure Kleider legt, damit ihr sie später wieder findet.“

Ob ihm die Musik bei der Bewältigung dieses Traumas geholfen habe? Frau Margarethe serviert Kuchen, Schwalbé schüttelt den Kopf. „Solange ich gespielt habe vielleicht, aber sonst ...“ Das gilt auch für andere Krisen, mit den Frauen hat er Pech gehabt, zwei Ehen scheitern, heute lebt er allein. Ob er auch wegen Deutschland gezögert habe, als Karajan ihn Mitte der 50er Jahre umwarb? Ein noch entschiedeneres Kopfschütteln, nein, nach West-Berlin zu gehen, sei für ihn ein Akt der Versöhnung gewesen.

Als er von seiner ersten Reise mit den philharmonischen Solisten nach Israel berichtet und wie er dort wegen seines Bekenntnisses zu Berlin attackiert worden sei, kämpft Schwalbé mit den Tränen. Und auch, als er auf Karajans Tod zu sprechen kommt. Mit einem inständigen „Pfui“ ruft er sich zur Räson.

In Ellipsen kommt das Gespräch immer wieder auf Herbert von Karajan zurück, natürlich, den Zwillingsstern seines Lebens. „Wenn ich Ihnen in der Küche heißes Wasser über die Hand gieße, dann müssen Sie nicht darüber nachdenken, ob das weh tut oder nicht. So war es mit Karajan. Enorm.“ Musikalisch habe man sich eben blind verstanden. 1001 Anekdoten reihen sich aneinander, wie Schwalbé in Karajans zweimotoriger Cessna einmal von Paris nach Hannover fliegt (Landung en piqué!); wie sie vor Dubrovnik auf einem Felsen mitten im Meer sitzen und philosophieren; oder wie Karajan sich bei Axel Springer dafür stark macht, dass sein Konzertmeister eine Stradivari zur Verfügung gestellt bekommt, die „König Maximilian“ von 1709, ein Instrument so empfindsam und so dickschädelig wie sein Spieler. Gegen Ende, das gibt Schwalbé gerne zu, habe Karajan sich „vom Glanz seiner Krone“ blenden lassen. Aber mehr auch nicht. Alles andere Negative, was man diesem Genie heute andichte, sei nur „Jalousie“.

Draußen ist es dunkel geworden. Wenn er seinen Kopf und seine Seele mitnehmen dürfe, feixt Schwalbé, wäre er gerne wieder jung: „Um diesmal etwas für die ganze Welt zu tun, mehr als Musik.“ Im Übrigen fühle er den Tod kommen, „ganz genau“, im Bein, im Herzen, in der Schulter. Angst? „Wo denken Sie hin! Quak, quak, quak!“ Einen Wunsch allerdings hätte er für sein nächstes Leben: Er würde dann gerne Michael von und zu Schwalbenburg heißen. Wegen des „zu“ und der hübschen deutschen Anmutung. Aus dem billigen Ghettoblaster in Schwalbés Rücken dröhnt Mendelssohns Violinkonzert. Altsilberne Geigensüße. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, Karajans Konzertmeister zum 90. Geburtstag eine ordentliche Musikanlage zu schenken.

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