Kultur : Midem 2001: Die Entschlüsselung des Klons

Kai Müller

Ein roter Teppich unter Palmen. Er führt die Stufen zum Palais des Festivals in Cannes hinauf. Die Menschen müssten gemessenen Schrittes die Stufen emporsteigen, wie Filmstars. Doch sie hasten vorbei, rasende Bilder-, Musik- und Gesprächsfetzen im Kopf, und verschwinden in den verwinkelten Gängen des Trakts. Dort tagt die Midem, eine Fachmesse der Musikindustrie, auf der es zugeht wie auf einem asiatischen Vogelmarkt: In kleinen, engen Separees kauern Vertreter von Plattenfirmen und Vertriebsunternehmen, DVD-Anbieter, Musikverläger und Softwareentwickler. Von benachbarten Ausstellern quellen die Reste von Videoclips, Konzertmitschnitten oder Demotapes durch dünne Sperrholzwände. Wer nicht weiß, worum es hier geht, müsste annehmen, dass die Geschäftigkeit einer einzigen Sache gilt: Musik. Aber das ist ein Irrtum. "Die Musikindustrie hat nichts anderes als Rechte anzubieten", weiß einer. Musik? Damit beschäftigen sich Künstler.

Dieser Umstand war in Vergessenheit geraten. Erst der Napster-Schock hat ihn wieder ins Bewusstsein der Branche zurückgeholt. Seit die durch den Informatikstudenten Shawn Fanning entwickelte Tauschbörse das kostenlose Herunterladen von Musik ermöglicht und Napster zu einem 56 Millionen Teilnehmer umfassenden Nutzer-Ring angeschwollen ist, sieht die Industrie ihr Kapital durch das feinmaschige Netz der digitalen Welt rieseln. Es hilft ihr wenig, dass der vermehrte Zugriff auf die im Internet zirkulierenden MP3-Dataien den Absatz von CDs keineswegs gemindert hat. Sie sieht sich als solche bedroht.

An der technischen Verbreitung von Musik mitzuwirken, ohne das geistige Eigentum der Komponisten zu schützen, ist Musikpiraterie. "Der Verbraucher muss davon ausgehen können, dass das, was er hört, ordentlich lizensiert ist", sagt Hans-Herwig Geyer von der GEMA. Daran hat sich auch nichts geändert durch die strategische Allienz der von Anwaltskosten bedrängten Internet-Desperados mit dem Mediengiganten Bertelsmann. Dessen Chef Thomas Middelhoff bekräftigte zwar zuletzt sein Versprechen, Napster in ein Abonnenten-System zu überführen, doch wirft das neue Fragen auf: Wie soll das angekündigte System aussehen, das die Wahrung der Urheberrechte an den Musikstücken garantiert? Wie weit soll die Kontrolle gehen? Und welchen Umfang kann ein Abrechnungsmodus haben, für den es bislang lediglich vage Erfahrungswerte gibt?

Auf der Midem machten vergangene Woche immer wieder Zauberworte wie Digital Rights Management (DRM), peer-to-peer- sharing oder superdistribution die Runde. Und manch einer träumte schon davon, seine Kopfhörer bald ins Handy einzustöpseln und Musik seiner Wahl direkt von einem Internetprovider eingespeist zu bekommen. Wie groß die Angst der Branche vor digitalem Raubrittertum ist, mag man an der Hartnäckigkeit ermessen, mit der sie Abwehrprogramme entwirft. Eine nicht unbedeutende Rolle spielt dabei, das Frauenhofer Institut für Integrierte Schaltungen, auf dessen Forschungen zur Datenkompromierung bereits das MP3-Format basierte. Zwischen den grellbunten Ständen der digitalen Pop- Avantgarde wirkt die Frauenhofer-Dependance indes wie ein Hersteller für Arzneimittel. Die Wissenschaftler präsentieren ein Verfahren, mit dem robuste Informationen unhörbar in Musikdataien eingebettet werden - als eine Art "Wasserzeichen", das sich der Chakateristik der Musik anpasst und dem Werk eine zweite, digitale Identität verleiht. Auf diese Weise könnten illegal kopierte Songs wieder aufgespürt und ein Protokoll ihrer Verwendung erstellt werden.

So sicher wie ein Geldschein

Das fingerprinting soll der Musik im Zeitalter ihrer technischen Dekonstruierbarkeit eine unverwüstliche, quasi-genetische Struktur geben, die selbst durch Samples nicht getilgt wird. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einer "musikalischen DNA". Doch es ist unklar, ob sie damit ein maskiertes Erkennungssignal meinen, oder Musik durch eine Entschlüsselung ihrer Bausteine tatsächlich zu entzaubern hoffen. Nicht nur das Frauenhofer Institut hat ein Erkennungsprogramm entwickelt, das in der Lage ist, Songs, deren musikalische Parameter es einmal gespeichert hat, anhand ihres akustischen Profils zu identifizieren und ihrem Urheber zuzuordnen.

Für das Start-Up-Unternehmen Music Genome erfüllt dieselbe Codierungstechnik eine andere Aufgabe: Es will individuelle Geschmacksprofile der Konsumenten erstellen, die ihnen erlauben, ihre musikalischen Interessen zu vertiefen bzw. immer wieder mit ähnlichen Werken zu füttern. Der Hersteller versichert, dass die Fehlerquote lediglich 10 Prozent beträgt und sich auf Leute bezieht, die entweder überhaupt nicht oder zu genau wissen, was sie hören wollen. Doch das Beispiel zeigt, dass Musik in den Köpfen der Branche als ein von Allgorithmen analysierter Klang-Code gedacht wird, den man nur zu entschlüsseln braucht, um seinen Absatzmarkt zu erkennen.

Nach wie vor haben vier der fünf großen Plattenkonzerne ein gebrochenes Verhältnis zum Internet. Zwar sorgen Bertelsmanns Legalisierungspläne dafür, dass neben BMG auch EMI, Universal, Warner und Sony nicht mehr fürchten müssen, Musik könnte in Zukunft nur noch umsonst verbreitet werden. Doch sie tun sich schwer, der Allianz mit Napster beizutreten und damit einer Vertriebsform zuzustimmen, die den materiellen Besitz von Tonträgern überflüssig macht.

Auftritt der Gladiatoren: Sie tragen mit Leuchtdioden verzierte Motoradhelme und Gebärden sich als gesichtslose Maschinenwesen. Die Rede ist von Daft Punk, zwei französischen Djs, deren Karriere im elektronischen Subground begann, bevor sie 1997 mit "Homework" die Dancefloor-Szene revolutionierten. Im März werden sie ihr zweites Album vorlegen, aber es ist nicht nur ein Album. Die CD enthält zudem eine Software, den sogenannten "Daft Player", mit dem Käufer auf im Internet abgelegte zusätzliche Tracks der Band zugreifen können, sie remixen und der Fangemeinde wieder zur Verfügung stellen können. Der CD liegt außerdem eine Membership-Card mit individueller Registrierungsnummer bei. Womit den innovativen Grenzgängern ein raffiniertes Zwitterprodukt gelungen ist. Sie übergeben ihre Werke dem Internet und machen den CD-Kauf doch zur Voraussetzung. Über diesen Einfallsreichtum rieben sich die Bosse freudig erregt die Hände. Sie wussten es: Nichts geht ohne die Kreativität der Künstler.

Nachtrag: Es soll auch in diesem Jahr wieder vorgekommen sein, dass ein Mann über die rot eingeschlagenen Stufen in Handschellen abgeführt wurde. Er war mit Rechten hausieren gegangen, die ihm nicht gehörten - und war an den Falschen geraten. Noch funktionieren die Schutzmechanismen der Branche. In Zukunft wird der rote Teppich nicht einmal für Diebe ausgerollt.

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